Wie die Stasi die Ruhr-Uni Bochum ausspionierte

Industriespionage und "Kaderschmiede": Die Ruhr-Universität Bochum war im Visier der Stasi.
Industriespionage und "Kaderschmiede": Die Ruhr-Universität Bochum war im Visier der Stasi.
Foto: www.blossey.eu
Im Ruhrgebiet hatte die Stasi zahlreiche Helfer. Neueste Forschungen zeigen, wie das SED-Regime insbesondere die Ruhr-Uni ins Visier nahm. Forschungsergebnisse wurden ausspioniert, Studenten als als informelle Mitarbeiter rekrutiert. Aber auch unter Bergarbeitern gab es Informanten.

Bochum.. Ob in Zechen oder in der Unibibliothek, ob in Gewerkschaften oder in Parteien - das SED-Regime der DDR konnte in Bochum und Umgebung auf zahlreiche Helfer und Spione setzen. Zu diesem Ergebnis ist eine Gruppe von Forschern gekommen während einer Konferenz im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets.

Vor allem die Ruhr-Universität Bochum sei ein Schwerpunkt der Spionage gewesen, sagt der Berliner Politologe Helmut Müller-Enbergs. Beispielsweise habe ein informeller Mitarbeiter(IMs) in der Bibliothek im Bereich für Abschlussarbeiten gearbeitet. Über diesen Weg habe er für die DDR stets die neuesten technischen Forschungsergebnisse im Bereich Maschinenbau besorgen können. Industriespionage an der Quelle so zu sagen.

Zudem habe die Stasi den Campus der Ruhr-Uni als „Kaderschmiede“ genutzt. Studenten erhielten eine Förderung, wenn sie sozialistisch eingestellt waren und man Ihnen eine vielversprechende Karriere in Politik oder Wirtschaft zutraute.

Im Gegenzug sollten diese IMs dann später aus Spitzenpositionen Informationen an den Osten liefern. Ein Fall, in dem dies funktioniert habe, sei Erich Ziegenbein gewesen. Nach den Forschungsergebnissen von Müller-Enbergs habe der RUB-Student 1970 seine Karriere für die Stasi begonnen und später als Ministerialbeamter aus Gießen Berichte von hoher Qualität liefern können.

Selbst scheinbar nutzlose Informationen waren wichtig

Die meisten der Informationen, die die IMs in Bochum sammelten und schickten, wirken dagegen jedoch auf den ersten Blick nicht spektakulär, teilweise gar nutzlos. Neben den zahlreichen Patenten finden sich in den Akten Fotos und Beschreibungen über Stadt, Vereine und Parteien.

Doch selbst diese Informationen waren wichtig. Etwa um Agenten im Auslandseinsatz Legenden stricken zu können. „Wenn jedoch jemand einen falschen Pass mit Bochum als Ort nutze, dann war es wichtig, dass er die Stadt kannte“, sagte der Historiker Rüdiger Sielaff.

Auch die heute seltsam anmutenden Berichte und Fotos über Strommasten und Gasleistungen, die sich in den Akten finden, hätten einen düsteren Zweck erfüllt: Sie zeigten, wo die besten Orte waren für etwaige Sabotageakte. Im Fall des Falles.

Die Idee eines "Ostpakets"

Doch nicht nur die Stasi war im Ruhrgebiet tätig. Auch beispielsweise der DDR-Jugendverband FDJ und die ostdeutschen Gewerkschaften hätten versucht Informationen für die SED-Regierung zu beschaffen oder Einfluss im Ruhrgebiet zu gewinnen.

So sagte der Historiker Christoph Kleßmann, dass in der Anfangszeit des kalten Krieges die Idee vom „Ostpaket“ entstanden sei. Es habe im ostdeutschen Gewerkschaftsbund FDGB der Vorschlag existiert, die Kohlekrise Ende der 1950er mit in den Westen geschickten Versorgungspaketen auszunutzen.

Nahrungsmittel, Kleidung und andere Dinge in den Ostpaketen sollten die entlassenen Zechenarbeiter im Ruhrgebiet von der Überlegenheit des Sozialismus überzeugen. „Wie viel davon umgesetzt wurde, das wissen wir jedoch nicht“, sagte Kleßmann. Fest stehe jedoch, dass die FDGB in diesem Zeitraum intensiv Propaganda im Ruhrgebiet betrieben hätte.

Auch Opel geriet ins Visier der Stasi

Doch auch ohne Geschenke hat es offenbar unter der Arbeiterschaft zahlreiche Sympathisanten für die DDR gegeben. Bergarbeiter, die für den Kommunismus waren, hätten sich zwar oft nicht getraut, Mitglied in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) zu werden. Kleßmann: „Sie fürchteten die Konsequenzen einer Mitgliedschaft wie zum Beispiel eine Entlassung.“ Stattdessen hätten sie sich jedoch bereit erklärt, für die DDR im Geheimen Informationen zu sammeln.

So sei auch der Autobauer Opel ins Visier der Stasi geraten. „Bei Opel wollte man die neueste Form der Radaufhängung in Erfahrung bringen“, sagte Müller-Enbergs. Mit diesem Wissen habe die DDR sich eine Menge an eigener Forschung und Kosten sparen können und die sowjetische Automobilproduktion habe sich ebenfalls für die Information interessiert.

Ein Beispiel für diese ideologisch motivierten Helfer der DDR sei ein Bergarbeiter, der unter dem Decknamen „Werner“ arbeitete. Über die Jahre habe er neben zahlreichen Fotos von Bochum vor allem Berichte geliefert, die die Situation in den Zechen darstellen. Einen seiner Berichte an die Stasi beendete er mit den Worten: „Und viel Erfolg für den Sieg der Arbeiterklasse.“ Eine Hoffnung, die spätestens 1989 ihr Ende fand.

 
 

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