Wendland, Pouryousefi, Zarske und Ermann nach der OB-Wahl

Stefan Kober
Hier regiert jetzt Thomas Eiskirch (SPD) als Oberbürgermeister: das Bochumer Rathaus - im Bild bei einer Feier zum „50-Jährigen“ der Ruhr-Universität.
Hier regiert jetzt Thomas Eiskirch (SPD) als Oberbürgermeister: das Bochumer Rathaus - im Bild bei einer Feier zum „50-Jährigen“ der Ruhr-Universität.
Foto: FUNKE Foto Services / Olaf Ziegler
Vier unabhängige Bewerber sind bei der OB-Wahl angetreten. Was ist nach dem Urnengang aus Wendland, Pouryousefi, Zarske und Ermann geworden?

Bochum. Rekordverdächtige zwölf Kandidaten sind bei der Oberbürgermeister-Wahl in diesem Herbst in Bochum ins Rennen gegangen. Ein Drittel von ihnen waren Parteilose. Seit der Stichwahl steht Thomas Eiskirch (SPD) an der Spitze der Stadt, die übrigen parteigebundenen Kandidaten sind bis auf seinen schärfsten Konkurrenten Klaus Franz (CDU) dem politischen Alltagsgeschäft erhalten geblieben - was aber wurde aus den unabhängigen Bewerbern? Drei sind aus der Politik ausgestiegen, einer verfolgt sie zumindest aus direkter Nähe. Die WAZ hat bei ihnen nachgefragt.

Wolfgang "Wölfi" Wendland

Für Wolfgang Wendland, im Hauptberuf Frontmann der Punk-Band „Die Kassierer“, begann nach dem Urnengang „das ganz normale Tagesprogramm“. Konzerte hat er mit seiner Combo wieder gegeben, Reklame für eine Best-Of-CD der „Kassierer“ gemacht. Und natürlich hat er sich inzwischen wieder auf der Bühne ausgezogen - unter anderem im Dortmunder Schauspielhaus, wo Wendland bis vor kurzem im „Häuptling Abendwind“ mitgewirkt hat. „Aber da gehört das Nacktsein ja zum Stück dazu“, beschwichtigt der Sänger. Inzwischen strebt Wendland ein neues Ziel an. Er möchte mit den „Kassierern“ zum European Song Contest geschickt werden. Was mit einer Abneigung gegen den zunächst designierten und inzwischen wieder geschassten eigentlichen Bewerber Xavier Naidoo begann („ich habe mich einfach geärgert, dass der NDR den aufgestellt hat“), nimmt langsam ernstere Züge an. Per Fax haben sich die Kassierer mittlerweile bei dem verantwortlichen Sender gemeldet und ihr Interesse bekundet. „Für den Fall, dass es sich nochmal jemand überlegt. Wir wollten zu den ersten gehören, die sagen: Wir können das besser.“ Der Ruhrgebiets-Blog „Ruhrbarone“, der schon die OB-Bewerbung Wendlands tatkräftig unterstützte, wirbt seit Tagen für das Projekt, dessen Ende offen ist. Dass Wendland für Achtungserfolge sorgen kann, hat er bei der OB-Wahl bewiesen. Er holte immerhin 7,92 Prozent. Für ihn ist die Wahl noch frisch: „Ich muss das alles erstmal sortieren und sacken lassen.“ Aus der Kommunalpolitik hat sich Wendland zurückgezogen, „aber ich beobachte, was in Bochum läuft“. Dem neuen OB wolle der Sänger noch Zeit geben, ehe er ein Urteil fälle, sagt Wendland mit einem Unterton: „Vielleicht macht Thomas Eiskirch seine Sache so brillant, dass ich als Fan zu Hause sitze und alles schön finde - aber noch ist ja nicht soviel passiert.“

Franz-Josef Ermann

Franz-Josef Ermann, mit 0,37 Prozent im September auf dem letzen Platz, kommt der großen Stadtpolitik nach der Wahl zumindest physisch nahe. Er verfolgt jetzt die Sitzungen des Stadtrats von der Zuschauer-Tribüne. Erste Verbesserungsvorschläge sind ihm dort schon eingefallen. So schlägt er vor, dass Abstimmungsverhalten per Beamer übertragen zu lassen. Er wolle mit Eiskirch darüber einmal persönlich sprechen, kündigt er an und lobt den neuen Oberbürgermeister für seine Transparenz: „Ich bin mit der Politik zufrieden. Mich werde ich weiter einsetzen.“ Weiter will er ohne Parteibuch bleiben: „Davor habe ich mich immer gesträubt.“ Trotzdem wolle er weiter „aktiv an der Kommunalpolitik teilnehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass man als Unbeteiligter so tief einsteigen kann.“ Ein Antreten bei der nächsten OB-Wahl steht für ihn fest, wenn er gesundheitlich dazu in der Lage ist: „Dann wäre ich 61 Jahre alt...“ Dem neuen Stadtoberhaupt könnte der Beamte im Ruhestand, der weiter seiner Frau bei Austragen eines Anzeigen-Blatts hilft, noch an einem Ort jenseits des Stadtrats begegnen: Im Stadion des VfL Bochum, in dem Ermann als Ehrenamtler für das Deutsche Rote Kreuz bei jedem Heimspiel im Einsatz ist und wo Eiskirch wie angekündigt weiter von der Ostkurve aus seinem Verein die Daumen drücken will.

Markus Zarske

„Ich habe mein Ziel erreicht, ich bin nicht letzter geworden“, sagt heute Markus Zarske, der Orthopäde, „mir war von Anfang an klar, dass ich die Wahl nicht gewinnen werde.“ Flagge habe er zeigen wollen, Inhalte zur Sprachen bringen, „die sonst vergessen werden“. Auch das sei ihm gelungen. Die Kandidatur habe er als Forum begriffen. Zarske praktiziert weiter als Arzt in seiner Wattenscheider Praxis, für ein Engagement in der Kommunalpolitik fehle ihm da die Zeit. Ihn stört auch, dass das politische Geschäft „so schnelllebig“ geworden sei. Ganz abgeschlossen hat Zarske, der sich seit eigenen Angaben seit dem 16. Lebensjahr für Politik interessiert, damit aber noch nicht. Auch er würde seinen Hut noch einmal in den Ring werfen: „Die nächste Wahl ist noch zu früh, aber vielleicht in zehn Jahren...“

Omid Pouryousefi

„Ich hätte vier, fünf Jahre Politik studieren können“, so blickt Omid Pouryousefi vor allem auf die heiße Phase des Wahlkampfs zurück, „und ich hätte nicht soviel gelernt wie in dieser Zeit.“ „Sehr, sehr stressig“, sei das gewesen. Pouryousefi, den die FDP und die Stadtgestalter bei seiner Kandidatur unterstützten, konzentriert sich wieder ganz auf seine Haupt-Tätigkeit als Leiter des Integrationsprojekts X-Vision Ruhr: „Ich schätze meine Arbeit mehr als vorher.“ Auch damit leiste er seinen Beitrag für die Gesellschaft. Die Kandidatur sei eine Erfahrung gewesen, „die ich nicht missen, aber auch nicht wiederholen möchte.“ Aus der Kommunalpolitik sei er jetzt erstmal raus, sagt Pouryousefi: „Ich wollte nachhaltig wirken, aber ich bin kein Politiker. Das machen andere besser. Ich bin Idealist.“ Ein Nebeneffekt der Bewerbung des gebürtigen Iraners, der nach Deutschland geflohen ist, um die Stadtspitze: Er werde jetzt bundesweit eingeladen zu Diskussionsrunden, Seminaren und Vorträgen, vor allem zum Thema Flüchtlinge. Anmoderiert werde er dann oft so: „Hier ist der Fast-Oberbürgermeister von Bochum.“ Wie bei seinen damaligen Konkurrenten ist es eine leichte Übertreibung.