Warum Mariama (19) aus Bochum wie eine Mörderin abgeführt wurde

Thomas Mader
Verbrannte sich selbst den Oberkörper aus Angst vor Abschiebung: Mariama B. im Bochumer Bergmannsheil.
Verbrannte sich selbst den Oberkörper aus Angst vor Abschiebung: Mariama B. im Bochumer Bergmannsheil.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Warum legte man Mariama B. Handschellen an? Wie konnte sie sich verbrühen? Gab die JVA eine falsche Auskunft? Mariama B.s verhinderte Abschiebung wirft viele Fragen auf. Der Fall sorgt für eine Welle der Empörung. Das Verhalten der Behörden sei eine "Unverschämtheit" und "ziemlich dämlich".

Bochum. Das Flüchtlingsmädchen Mariama B. sagt zu ihrer Deutschlehrerin: „Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl. Gleich passiert etwas.“

Beatrix Schäfer hat die 19-Jährige aus Guinea am Montagmorgen ins Bochumer Rathaus begleitet, weil ihre Duldung in wenigen Tagen ausläuft. Sie weiß, dass das Mädchen traumatisiert ist. Nachdem ihr Vater starb, wurde sie in ihrer Heimat vom Onkel vergewaltigt und an den Genitalien verstümmelt. Sie glaubte einer Schleuserin, die ihr einen Job in einer europäischen Boutique versprach – oder sah keine andere Möglichkeit, als ihr zu glauben. In Madrid verkaufte man sie an ein Bordell und versklavte sie. Mit Hilfe eines deutsche Freiers gelang ihr die Flucht. Mariama B. hat schon oft erlebt, dass auf Menschen kein Verlass ist.

„Hier passiert Dir nichts. Ich bin ja bei Dir“, sagt die Lehrerin.

Doch dann drehen plötzlich starke Männer ihrer Schülerin die Hände auf den Rücken, fesseln sie mit Handschellen und weg ist sie. Man ruft ihr zu, sie möge bloß kein Theater machen. Beatrix Schäfer ist einfach nur geschockt.

Die Mitschüler zogen zum Rathaus für ihre Freundin

Und mit ihr das gesamte Alice-Salomon-Berufskolleg, an dem in drei speziellen Klassen Flüchtlinge wie Mariama B. unterrichtet werden. 800 Unterschriften haben sie gesammelt an einem Nachmittag und im Rathaus abgegeben mit Radau. Die Schulsprecherin informierte die Presse, die Sozialarbeiterin die Abgeordneten. Mariama B. übergoss sich in der JVA Büren mit siedendem Wasser, um ihrer Abschiebung nach Spanien zu entgehen, wo bereits ein Asylverfahren läuft.

Mariama B. stammt aus Guinea. Dort war sie von ihrem Onkel vergewaltigt und an den Genitalien verstümmelt worden. Nach eigenen Angaben war sie dann von Schleusern an ein Bordell in Madrid verkauft und dort zur Prostitution gezwungen worden.

Die traurige Wahrheit

Karl Hafen, Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, erklärt: „Wir hätten für ihr Leben keinen Pfifferling gegeben.“ Die Hilfsorganisation glaubt, dass hinter den Schleusern der dubiose guineische Geschäftsmann N’Faly Keita steckt. Bereits 2006 stand das Auswärtige Amt in der Kritik, weil es N’Faly Keita als Sachverständigen nach Dortmund bestellt hatte, um guineische Flüchtlinge zu identifizieren – die er zuvor über sein Netz geschleust haben soll. Ermittlungen führten dazu, dass N’Faly Keita nicht mehr nach Deutschland einreisen darf. Nun soll er als Diplomat arbeiten – ausgerechnet in Spanien.

Die traurige Wahrheit ist: Sie wäre vermutlich trotzdem abgeschoben worden. „Ein Amtsarzt hätte wahrscheinlich ein Brandpflaster draufgemacht. Nachher hätte es geheißen, sie sei unmittelbar nach ihrer Ankunft medizinisch versorgt worden“, sagt Serdar Yüksel, SPD-Landtagsabgeordneter. Letztlich hat der politische Druck Mariama B. gerettet, die Öffentlichkeit. Allein der Bundestagsabgeordnete Axel Schäfer (SPD) hat am Mittwoch fünf Stunden lang Telefondiplomatie betrieben zwischen all seinen Sitzungen.

„Dämlich“ und „unverschämt“

„In diesem Fall formal zu argumentieren, ist mit Menschenrechten überhaupt nicht vereinbar“, kritisiert der SPD-Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel. „Alle Aspekte, die zu einer anderen Bewertung hätten führen können, sind nicht berücksichtigt worden.“ Auch das BAMF habe sich unsensibel und „ziemlich dämlich“ verhalten. „Es ist aber auch eine Unverschämtheit, wie die Bochumer Rechtsbehörde hier vorgegangen ist. Von Fluchtgefahr konnte keine Rede sein. Das Mädchen ist ja regelmäßig zur Schule gegangen.“

Als Mitglied des Petitionsausschusses hat er mit dem Bochumer Bundestagsabgeordneten Axel Schäfer (SPD) massiv daran gewirkt, die Abschiebung des Mädchens am Mittwochnachmittag in letzter Minute zu verhindern. Der Petitionsausschuss war sich schon am Mittwochmorgen überparteilich einig, dass die Abschiebung ausgesetzt werden sollte. Die Bochumer Rechtsdezernentin Diane Jägers (CDU) habe sich jedoch „völlig uneinsichtig“ gezeigt, so Yüksel. Erst nachdem sich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) einschaltete, habe die Stadt nachgegeben.

Aus Bochum ist nur zu hören: „Oberbürgermeisterin und Dezernentin sind dem Wunsch des Petitionsausschusses gefolgt, wie es guter Brauch ist.“ Zu allen weiteren Fragen wollte die Stadt am Freitag keine Stellung nehmen.

Auch die Behörden zweifeln offiziell nicht an Mariamas Geschichte

Warum setzen sich Abgeordnete so massiv für ein Mädchen ein, dessen Geschichte sich nicht ohne Weiteres nachprüfen lässt? Schäfer vertraut der Einschätzung der Schule, die er gut kennt. Yüksel sagt: „Die Geschichte von Mariama B. wurde auch von den Behörden nicht in Zweifel gezogen.“ Sie wurde aber nicht berücksichtigt.

Doch es bleiben viele Fragen. Die Hauruck-Festnahme begründete Bochum mit Fluchtgefahr. Am Mittwoch vergangene Woche gab es eine Kontrolle in ihrem Zimmer in einem Asylbewerberheim. Es sei leer gewesen, sagt die Stadt. Mariama B. sagt, sie sei nur bei einer Freundin gewesen und habe bei ihrer Rückkehr ein neues Schloss vorgefunden. Daraufhin schlief sie im Park und bei zwei Lehrerinnen. Ihre einzige Tasche sei verschwunden. In jedem Fall aber hat Mariama B. durchgehend die Schule besucht. „Der Richter hat sich an die Stellungnahme der Ausländerbehörde gehalten“, sagt Yüksel, „aber auch den Haftbefehl muss man hinterfragen.“

Und wie kam Mariama B. überhaupt an das heiße Wasser in der JVA Büren? Schließlich hatte sie vor Monaten schon einmal versucht, sich umzubringen, als eine Abschiebung drohte, sie trank ein Haarmittel. Den Behörden war das bekannt. Als Axel Schäfer am Mittwoch gegen 17 Uhr in der JVA anrief, gab man ihm noch die Auskunft, es sei alles in Ordnung. Mariama B. musste sich da schon verletzt haben. „Das muss geprüft werden“, fordert der Parlamentarier.

Das Asylverfahren geht von neuem los

Der Zeitpunkt ihrer geplanten Abschiebung scheint auch kein Zufall zu sein. Am 30. April ist Mariama B. so lange in Deutschland, dass sie nicht mehr nach Spanien abgeschoben werden kann. Auch darum musste es offenbar schnell gehen. Tatsächlich befindet sie sich nun bis zum 2. Mai in ärztlicher Behandlung im Bergmannsheil. Sie hat sich Verbrennungen zweiten und dritten Grades zugefügt.

Ihr Asylverfahren geht nun von Spanien auf Deutschland über, was bedeutet: Es geht von Neuem los und kann lange dauern. Guinea gilt nicht als Konfliktgebiet. Persönliche Gründe aber können dazu führen, dass Mariama B. in Deutschland bleiben darf. Der Petitionsausschuss des Landtages wird den Fall jedenfalls weiterhin behandeln.

Und an ihrer Schule fassen viele Menschen wieder Vertrauen. „Ich unterrichte Politik in Mariamas Klasse, die hauptsächlich aus Flüchtlingen besteht“, sagt Lehrerin Julia Appelhoff. „Ich predige ihnen Demokratie – und dann wird ein Mädchen abgeführt wie eine Mörderin. Aber was dann geschah, hat ja gezeigt: Menschenmassen können doch etwas bewegen.“