Vom Leben als Flüchtling in einer Bochumer Turnhalle

Diese Frau wohnt mit ihren Kindern in einer „Parzelle“ neben Riad. Die Räume für die Familien sind etwas größer und haben keine Stockbetten.
Diese Frau wohnt mit ihren Kindern in einer „Parzelle“ neben Riad. Die Räume für die Familien sind etwas größer und haben keine Stockbetten.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Serv
Die Turnhalle neben dem Neuen Gymnasium hat Kapazitäten für 250 Menschen. Viele verbringen hier einige Monate, bevor sie eine Wohnung bekommen.

Bochum. „Welcome to my home“, sagt der 33-jährige Riad mit einem Lächeln und hebt das Bettlaken hoch, das er als Tür benutzt. Seit über zwei Monaten wohnt der Syrer in einer Turnhalle an der Querenburger Straße. Seine wenige Quadratmeter große „Parzelle“ teilt er sich mit drei anderen Männern. „Hier schlafe ich“, sagt Riad und deutet auf die untere Etage eines Stockbettes.

Unter seinem Kissen holt er mehrere Hefte hervor: „Das sind meine Deutschbücher“, sagt Riad. „Leider habe ich kein Regal, wo ich sie reinlegen kann.“ Einen Schrank gibt es auch nicht. Handtücher, Kleidung und Tüten hängen an den Wänden – vier Bauzäune mit eingespannten Planen.

Zusammenleben auf engstem Raum

239 Flüchtlinge sind zur Zeit in der Turnhalle neben dem Neuen Gymnasium untergebracht. „70 Prozent von ihnen sind Syrer“, sagt Ursula Duve-Tesch von der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Zusammen mit fünf anderen Mitarbeitern hat sich die 47-Jährige freiwillig gemeldet, um in der Unterkunft zu arbeiten. Seit der Eröffnung am 12. November 2015 ist sie hier im Dienst.

„Wir waren mit die ersten, die eingezogen sind“, erklärt Riad und zeigt auf seinen Bruder und Schwager. Wohl fühlt sich der 33-Jährige in der Turnhalle nicht unbedingt. „Ich kann mich hier nicht aufs Deutschlernen konzentrieren“, sagt er, obwohl er schon erstaunlich gut Deutsch spricht. „Man hört und riecht alles.“ Tagsüber gehe er oft in die Stadtbücherei oder die Unibibliothek. Nachts sei es in der Unterkunft oft laut: Viele würden mit dem Handy einen Film schauen oder Musik hören.

„Man kann sich hier auch sehr leicht mit seinen Nachbarn treffen“, lacht Riad und deutet nach oben. Hinter einem der etwa zwei Meter hohen Bauzäune ist ein junges Mädchen aufgetaucht. Jemand hat sie auf seine Schultern gehoben. „Das ist das Nachbarskind“, sagt Riad. Während er redet, taucht die Mutter des Mädchens in seiner „Parzelle“ auf – auch sie will ihre Geschichte erzählen. Die Frau hat Krebs und würde gerne in eine eigene Wohnung ziehen. Eine andere Frau drängt sich in den kleinen Raum. Auf ihrem Arm trägt sie einen Jungen. Er hat eine Fehlstellung der Füße und ist vermutlich Autist. Auch sie ruft immer wieder „Transfer, Transfer“.

Viele wünschen sich eine Wohnung

Transfer – damit meinen die Asylbewerber den Übergang von der Erstaufnahmeeinrichtung in eine eigene Wohnung. „Aber das ist nicht so leicht“, meint Heidemarie Maraun vom Sozialamt. Wer wo in welche Wohnung ziehen kann – hierbei spielten viele Faktoren eine Rolle, unter anderem die Nachbarschaft. „Trotzdem: Ich kann verstehen, dass die Menschen wollen, dass es weitergeht.“

Awo-Mitarbeiterin Duve-Tesch bekommt in ihrer täglichen Arbeit mit, dass unter den Flüchtlingen Gerüchte die Runde machen: „Viele denken: Je länger ich hier bin oder je mehr Diagnosen ich vom Arzt habe, desto schneller bekomme ich eine Wohnung.“

Tatsächlich versuchen die Beteiligten, Kranke und Kinder möglichst schnell zu versorgen. „Erst vor kurzem haben wir es geschafft, einem kleinen Mädchen eine Traumatherapie zu ermöglichen“, so Duve-Tesch. Die Sechsjährige habe miterlebt, wie ihre beiden Geschwister ums Leben kamen und habe in der Nacht oft geschrien. „Um das Mädchen zu vermitteln, war nicht ein Anruf nötig, sondern zehn“, so Duve-Tesch. „Aber es hat sich gelohnt.“

Traumatisiert sind die Flüchtlinge alle auf eine Art, da sind sich Duve-Tesch und Maraun sicher. Dass einige mit dem Leben in der Turnhalle unzufrieden sind – sei es das Essen, die Hygiene oder die Lautstärke – sei verständlich. „Das ginge jedem so, der für längere Zeit mit so vielen Menschen auf engstem Raum zusammenlebt“, so Maraun.

Auch Riad ist froh, wenn er etwas Raum für sich hat. „Dann kann ich hoffentlich besser lernen.“

Der Alltag im Flüchtlingsheim

Neben festen Essenszeiten gibt es auch einen Termin für Arztbesuche

Ab 8 Uhr Frühstück, ab 12.30 Uhr Mittagessen, ab 17.30 Uhr Abendessen, zwischendurch Behördengänge und Deutschkurse – so sieht ein üblicher Tag für die Flüchtlinge in der Turnhalle an der Querenburger Straße aus. „In dem Pavillon neben dem Neuen Gymnasium gibt es auch zwei Räume mit einer Kleiderkammer, wo sich die Asylbewerber Kleidung oder Schuhe kaufen können“, erklärt Ursula Duve-Tesch von der Awo. „Ein Erwachsener bekommt 143 Euro im Monat Taschengeld.“ Das sei der normale Regelsatz, der etwa auch für Obdachlose gelte.

Sprechstunde für Flüchtlinge

Das Essen, die Hygiene, die Lautstärke: Ursula Duve-Tesch weiß, welche Probleme die Bewohner der Turnhalle haben. „Ich habe eine Sprechstunde, in der jeder zu mir kommen kann.“ Bevor die 47-Jährige mit ihrer Arbeit in der Flüchtlingsunterkunft begonnen hat, war die gelernte Krankenschwester 14 Jahre im Offenen Ganztag einer Grundschule tätig. „Die OGS ist auch anstrengend, aber das hier ist noch mal was Neues“, sagt Duve-Tesch. Eigentlich habe sie eine 30-Stunden-Woche. „Aber am Anfang war ich jeden Tag zwölf Stunden hier.“

Viele Flüchtlinge würden sich an sie wenden, wenn sie etwa einen Arzt bräuchten. „Seit sechs Wochen haben wir eine ehrenamtliche Hebamme, die ein tragbares CTG-Gerät hat.“ Einmal pro Woche käme zudem eine Ärztin in die Turnhalle.

Was die tägliche Hygiene betrifft, müssen die Menschen mit den Gegebenheiten vor Ort zurecht kommen: Auf 239 Menschen kommen etwa 20 bis 30 Duschen. „Aber das klappt irgendwie. Ich habe noch nie mitbekommen, dass es da Probleme gab“, so Duve-Tesch.

 
 

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