Verwundung wird zum Konzept

Eine Kollegin vom Deutschen Ärzteblatt war zum Presserundgang nach Weitmar gekommen. Nicht unbedingt üblich bei einer Kunstausstellung. Doch für „Deine Wunden - Passionsimaginationen in christlicher Bildtradition und Bildkonzepte in der Kunst der Moderne“ könnten sich auch Mediziner interessieren. Dennoch geht es in dieser konzeptionell und personell herausragenden Schau im Kubus der Situation Kunst nicht nur um den verwundeten Körper.

Die Wunde wird im Kontext der Ausstellung nicht als (Ab)Bild historisiert. Natürlich zeigen die Exponate Verwundungen . Sie bluten, Öffnungen klaffen, Verletzungen sind sichtbar. Besonders die Passion Jesu findet in immer neuen Varianten ihre Repräsentation. Doch die von Prof. Dr. Richard Hoppe-Sailer vom Kunsthistorischen Institut der RUB und von Prof. Dr. Reinhard Hoeps von der Uni Münster kuratierte Schau begnügt sich nicht damit. In spannenden Konstellationen stellt sie Alte, Moderne und Zeitgenössische Kunst nebeneinander, um so etwas wie ein „Konzept“ zur Wunde zu extrahieren. Künstler zeigen nicht nur Wunden, sie denken sie auch.

Um dieses hier stark verkürzte, doch akademisch exzellent ausformulierte (der Katalog umfasst 280 Seiten, 28,50 €) Forschungsinteresse in eine Ausstellung zu verwandeln, wurde exquisite Leihgeber gefunden. Allein die Gaben des Museums Schnütgen aus Köln sind hinreißend. Etwa seltene historische Andachtskarten, das unglaublich modern wirkende Blutkruzifixus-Bild vom Niederrhein aus dem 13. Jahrhundert oder das übewältigende Holzkruzifix von Meinrad Guggenbichler (Anfang 18. Jahrhundert). Letzteres repräsentiert mit den unzähligen Wunden auf dem Körper eine Entfernung der Darstellung vom konkret in der Bibel Erzählten. Die Wunde ist hier schon nicht mehr reine Bebilderung von Überliefertem. Und in dieser Hinsicht ergeben sich in einem siebenteiligen Kunst-Parcours für den Betrachter faszinierende ästhetische Konfrontationen. 90 internationale Werke kommunizieren miteinander: Malerei, Skulptur, Druckgrafik. Vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart. Darunter etwa 19 Blätter der Serie „Desastres de la guerra“ von Francisco de Goya, die Gräueltaten aus den napoleonischen Kriegen darstellen. Hin zur Gegenwart zeigt die Schau Werke von Beuys, Baselitz, Hermann Nitsch, Paul Thek oder George Grosz. Und auch superbe Kunst-Stars der Gegenwart sind zu sehen. Etwa Mark Wallinger (mit “Ecce Homo“), und Anish Kapoor (“Wound“).

 
 

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