Verkürzte Schulzeit - Diskussion um G8 nimmt keine Ende

Markus Rensinghoff
G8 oder G9, die Diskussion darüber hören nicht auf.
G8 oder G9, die Diskussion darüber hören nicht auf.
Foto: dpa
Repräsentative Umfrage hat ergeben, dass 79 Prozent der Eltern zu G9 zurück wollen. Dabei belegen Studien, dass der schnelle Weg nicht schlechter ist.

Bochum. In die Diskussion um G8 oder G9 kommt keine Ruhe. Es ist so bisschen wie mit einer Schülerbestrafung. Wenn einer permanent den Unterricht stört, muss er vor die Tür. Dort muss er die Klinke gedrückt halten und so zeigen, dass er da ist. So ist der Störenfried zwar aus den Augen, aber eben keineswegs aus dem Sinn.

Runder Tisch hat nicht geholfen

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW stellte unlängst mal wieder fest: „Die Befriedung des achtjährigen Gymnasiums ist gescheitert.“ Auch fast elf Jahre nach der Umstellung des Gymnasiums von neun auf acht Jahre sei keine Einigung zwischen Eltern, Lehrern und Schulbehörden in Sicht. „Die Hoffnung der Schulministerin das Thema Schulzeitverkürzung am Gymnasium, also G8, mit Hilfe des runden Tisches zu befrieden, ist gescheitert“, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann.

Zuvor hatte die Landeselternschaft der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen eine repräsentative Umfrage unter 50 000 Beteiligten veröffentlicht. Danach sind 79 Prozent der Eltern für G9. Die Direktoren von Gymnasien sprachen sich mit 70 Prozent für G9 aus.

Dabei haben die Schüler, die G8 durchlaufen, nach Einschätzung vieler Wissenschaftler, offenbar gar keinen Nachteil. Verschiedene Studien haben weder nachlassende Leistungen noch eine geringere Lebensqualität bei G8-Schülern feststellen können. Der schnelle Weg zum Abitur ist demnach gar nicht schlechter als der um ein Jahr längere. Stress hätten die Schüler zwar, das liege laut Studie aber nicht unbedingt an G8, sondern mehr am Unterricht oder dem „Schulklima“. Die zwei Geschwindigkeiten bis zum Abitur bringen keine Nachteile, ergab zum Beispiel eine Untersuchung der Uni Duisburg-Essen aus dem Jahr 2014.

Die Leiterinnen und Leiter der zehn Bochumer Gymnasien würden sich wünschen, dass in das Thema endlich Ruhe einkehren würde. Darüber hinaus haben sie Vorschläge, um G8 für alle, Schüler, Lehrer, Eltern weniger stressig, besser vermittelbar zu machen. Zum Beispiel, die Sekundarstufe I um ein Jahr zu verlängern.

Leiter der städtischen Gymnasien wollen nicht zu G9 zurück 

Zehn Gymnasien hat Bochum. Sie werden von einer Frau (Anna Bucher, Goethe-Schule) und neun Männern geleitet. Sie äußern sich zum Thema: Rückkehr zu G9.

Hellweg-Schule

Alfred Bienholz, stellvertretender Schulleiter der Hellweg-Schule: Ich persönlich bin dafür, bei G8 zu bleiben. es gab in der Vergangenheit schon einmal Kurz-Schuljahre, das hat auch geklappt. Wir optimieren zwar immer noch bei G8, aber das permanente Ändern, in diesem Fall also eine Rückkehr zu G9, würde die Situation auch nicht verbessern.

Neues Gymnasium

Oliver Bauer, Leiter des Neuen Gymnasiums: Die Rückkehr zu G9 ist aktuell in den schulischen Gremien des Neuen Gymnasiums kein Thema. G8 funktioniert bei uns gut.

Lessing-Schule

Frank Saade, Leiter der Lessing-Schule: Das ist nicht in unserer Entscheidungsgewalt, das ist Sache des Landtages und da muss man in Richtung Wahl sehen, ob es ein Wahlthema wird. Ich glaube, dass es das wird. In Düsseldorf hat das Thema auch für mehr Aufregung gesorgt als hier bei uns vor Ort. Weder aus der Schülerschaft noch aus der Elternschaft bekomme ich Hinweise, dass sie unzufrieden wären. Gerade die Schüler teilen mit, dass sie sich durch die Umstellung auf G8 nicht noch mehr belastet gefühlt haben. Auch nachdem es den Zehn-Punkte-Plan gab, mit dem die Umstellung noch einmal verträglicher gemacht werden sollte, mussten wir nicht viel umstellen. Das Einzige, was wir nach dem Erlass ändern mussten, war, dass die Jahrgangsstufe 7 nicht mehr an zwei, sondern nur an einem Nachmittag Unterricht hat.

Heinrich-von-Kleist-Schule

Eckhard Buda, Leiter der Heinrich-von-Kleist-Schule: Wenn ich privat entscheiden dürfte, würde ich mich nicht unbedingt für G8 entscheiden. Die Entscheidung für G8 aber ist ja bewusst getroffen worden, weil die anderen EU-Länder eine kürzere Schulzeit anbieten. Wir konnten ja dann nicht anders, als auf G8 umzustellen. Aktuell sehen wir keinen Handlungsbedarf, zu G9 zurückzukehren. Das liegt auch mit daran, dass wir ein Ganztags-Gymnasium sind. Wir haben mehr Zeit, den „Nachteil“ G8 auszugleichen. Wir haben dadurch auch bessere Ressourcen, 20 Prozent mehr Lehrer. Und wir haben ganz hervorragende Ergebnisse durch G8. Beim Zentralabitur lag der bundesweite Durchschnitt bei 2,47. An unserer Schule lag er bei 2,35.

Märkische Schule

Alfred Pieper-Eiselen, Leiter der Märkischen Schule: Als die Entscheidung G8/G9 anstand, hatte man nicht die Wahl, es gab keine echte Alternative. Wir stellen fest, dass nach der Umstellung auf G8 die Schüler für einige Themen nicht reif genug sind. Ich wäre daher dafür, die Aufteilung der acht Schuljahre zu ändern. Nicht fünf Jahre Unterstufe plus drei Jahre Oberstufe, sondern sechs und zwei. Und die zwei Jahre zudem dann individuell gestaltet. Heißt, daraus können für die einzelne Schule oder den einzelnen Schüler auch vier Jahre werden. An der Eltern-Lehrer-Initiative ist falsch, dass sie nur zu G9 zurück will. Man darf nicht die positiven Effekte von G8 in Frage stellen.

Theodor-Körner-Schule

Bernhard Arens, Leiter der Theodor-Körner-Schule: Der Wunsch nach G8 kam seit 2002 aus den Kreisen der Eltern- und Wirtschaftsverbände, nicht aus der Lehrerschaft der Gymnasien. Wären wir damals gefragt worden oder hätten wir Einfluss gehabt, wären wir bei G9 geblieben. Nun aber ist in langen Schulentwicklungsprozessen die Schulzeitverkürzung am Gymnasium durchaus erfolgreich umgesetzt worden. Nach weiteren Optimierungen anlässlich des Runden Tisches beim Schulministerium und mit Blick auf die Abschlusserfolge (Abiturnotendurchschnitt)sehe ich G8 nicht als gescheitert. Eine Rückkehr zu G9 würde die Gymnasien mindestens weitere zehn Jahre mit Organisations- und Umstellungsproblemen belasten, die Zeit für die eigentlich wichtige pädagogische Arbeit nehmen. Warum ist es nicht akzeptabel, dass es in NRW zwei Modelle nebeneinander gibt? Wer 9 Jahre bis zum Abitur Zeit haben möchte, geht den Weg zunächst über Gesamt-, Real- oder Sekundarschulen. Dort haben die Schüler für die Sekundarstufe I (6 Jahre statt 5 Jahre) Zeit. Die Oberstufen sind an beiden Systemen gleich lang. Vielleicht sollte mit Blick auf die Grundschulempfehlungen genauer geschaut werden, welches Kind für den verkürzten und welches eher für den sechsjährigen Bildungsgang in der Sekundarstufe I geeignet ist. Wichtig wäre dann, dass die Eltern diesem Votum folgen. Zurückkehren möchte ich also nicht mehr zu G9 am Gymnasium, sondern sehe hier eher eine sinnvolle Alternative, dürfte ich das Rad ins Jahr 2005 zurückdrehen und hätte Entscheidungsbefugnis, würde ich bei G9 bleiben.

Schiller-Schule

Hans-Georg Rinke, Leiter der Schiller-Schule: Da habe ich eine klare Position, schon seit Jahren. Ich bin für sechs Jahre in der Sekundarstufe I und zwei in der Sekundarstufe II, statt fünf plus drei. Ganz viele Probleme der Sekundarstufe I wären damit behoben. Und wer Abitur machen möchte, dem ist zuzumuten, dass er von Anfang an Gas gibt. Außerdem könnte dann in der neuen 10.2 auf die Arbeit in der Oberstufe vorbereitet werden, zudem wäre mit Abschluss der Sekundarstufe I nach 10.2 auch der mittlere Schulabschluss zu vergeben.

Goethe-Schule

Anna Bucher, Leiterin der Goethe-Schule: Im Zusammenhang mit G8 wird bislang hauptsächlich die Überlastung der Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I durch Nachmittagsunterricht und Hausaufgaben beklagt. Eine Rückkehr zum „alten G9“ sehen wir nicht als Lösung. Aus meiner Sicht ist eine individuell wählbare G8 oder G9 Gymnasialschulzeit anzustreben. Die Sekundarstufe sollte wie beim alten G9 sechs Jahre dauern, allerdings mit der Neuerung der zweiten Fremdsprache ab Klasse 6. Der mittlere Schulabschluss könnte wie bei anderen Schulformen nach der 10. Klasse vergeben werden. Wie beim alten G9 könnte die Sekundarstufe fast ohne Nachmittagsunterricht auskommen. Die Sekundarstufe könnte variabel zwei oder drei Jahre dauern. Leistungsstarke und schnell lernende Schülerinnen und Schüler wechseln nach der 10. Klasse in die zweijährige Qualifikationsphase. Andere Schüler hätten aber auch die Option, ein Vorbereitungsjahr zwischen Sekundarstufe I und gymnasialer Oberstufe einzuschieben. Je nach individuellem Lerntempo und Leistungsbereitschaft könnte so zwischen G8 und G9 gewählt werden.

Hildegardis-Schule

Werner Backhaus, Leiter der Hildegardis-Schule: In der Nachfolge des Runden Tisches im Ministerium sind wir auch im laufenden Schuljahr noch dabei, die schulische Umsetzung von G8 zu optimieren. Vor allem anderen täte den Schulen wieder mehr Ruhe im schulischen Alltag gut, um sich dem Kerngeschäft einer umfassenden schulischen Bildung wieder uneingeschränkt zuwenden zu können.

Graf-Engelbert-Schule

Dirk Gellesch, Leiter der Graf-Engelbert-Schule: Es gibt in unserer Bildungslandschaft die Möglichkeit, Leute nach zwölf oder 13 Jahren zum Abitur zu führen. Dass das Gymnasium die Verkürzung anbietet, damit kann ich grundsätzlich leben. Über das inhaltliche würde ich herzhaft streiten wollen. Rein emotional hängt man an 13 Jahren.