Und fast alle waren glücklich beim Still-Leben A40

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Bochum. Was für eine ungewöhnliche Stimmung: ein wenig Woodstock-Lebensfreude, ein bisschen Hektik eines verkaufsoffenen Sonntags, dazu noch strahlender Sonnenschein und blaue Autobahnschilder – fertig ist das „Still-Leben A 40“.

Als drei Fallschirmspringer von der Polizeistaffel vom Himmel fielen, am gelben Wahrzeichen-Ballon vorbei und dann ihre Punktlandung auf dem kleinen Wiesenstück zwischen A 40 und der Auffahrt Stadionring, Richtung Essen, mit Bravour vollbrachten, rauschte der Beifall tausender Menschen von der Autobahn her. Von dort, wo sonst nur Fahrzeuge vorbeirauschen, wenn sie nicht gerade im Stau stecken.

Das Flanieren auf der Autobahn, um an der Kulturhauptstadt-Aktion „Still-Leben“ teilzuhaben, musste man sich an den Bochumer Anschlüssen erst einmal verdienen: Fast eine Stunde lang harrten weit über 800 Menschen in der Mittagszeit gegen 12.30 Uhr in Höhe „Starlight“-Parkhaus aus, bevor der zeitweise gesperrte Zugang am Stadionring wieder geöffnet wurde.

Mindestens zwei Millionen Menschen gingen am Sonntag zwischen 11 und 17 Uhr auf der A 40 spazieren, lagen gegen 16 Uhr die erste offiziellen Schätzungen vor und man sprach von 500.000 Radfahrern, die sich dort auf der „Mobilitätsspur“ eingefädelt hatten.

„Bisher keine Alkoholprobleme“, meldeten die Ordnungskräfte gegen 16.30 Uhr. Und einer meinte, er habe noch nie so wenige Raucher bei einer so großen Veranstaltung gesehen. Und so wenig Müll auf der Straße. was kaum verwunderte angesichts so vieler Dix-Klos und grauen Müllbehälter.

Zu diesem Zeitpunkt, eine halbe Stunde vor dem Ende, gab es auf dem Bochumer A 40-Abschnitt 31 Sanitätsbehandlungen, 7 Krankentransporte, 15 Einsätze mit dem Rettungswagen, 6 mal musste der Notarzt ran. Zwei Teilnehmer waren vom Fahrrad gestürzt, bei einem Teilnehmer bestand Verdacht auf Herzinfarkt, ein anderer hatte einen Allergieschock nach einem Wespenstich.

Kulturdezernent Townsend, mit einem Bein schon in Urlaub, schwänzte die Abschlusspressekonferenz auf der Autobahn, Block 79, Tisch Nummer 25, Kilometer 9,5. Er ließ einen langweiligen Satz ausrichten an die Medienvertreter, irgendwas mit „sensationell“.

In der Hitze wirkten die vielen Menschen auf der Autobahn glücklich. Was für eine ungewöhnliche Stimmung: ein wenig Woodstock-Lebensfreude, ein bisschen Hektik eines verkaufsoffenen Sonntags, dazu noch strahlender Sonnenschein und blaue Autobahnschilder – fertig ist das „Stillleben A 40“.

Laiengruppen klimperten allerorts auf Gitarren und Graffiti-Künstler verschönerten Pappwände, an manchen Stellen gab es fast einen kulturellen Stau, wenn etwa verschiedene Lieder sich mischten oder man gar nicht mehr wusste, welcher Stand mehr lockt: Astronomie oder Jazz-Konzert. Aber auch die reinen Zuschauermassen beeindruckten, da wurde aus dem Sonntagsspaziergang schon schnell mal ein schieben und schieben lassen. Kein Wunder: aus ganz NRW waren Besucher angereist um die Veranstaltung auf der Autobahn zu erleben. Oben am Himmel kreisten immer wieder Hubschrauber und kleinere Flugzeuge

„Autobahn ist ja auch gefährlich, wenn da gar keine Autos fahren“, erkannte Lena (6) aus Münster und deutete auf die „Mobilitäts-Spur“. Dicht an dicht drängten sich da im Schritttempo die Radler, an den Auffahrten mussten sie meist gar absteigen – wieder einmal Stau auf der A 40.

 
 

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