Und am Abend spielt im Aufnahmelager die Welt Fußball

Andreas Rorowski
Edith Cremer, Margret Hopmann und Erika Golinski (v.l.) helfen in der Kleiderkammer des Aufnahmelagers mit.
Edith Cremer, Margret Hopmann und Erika Golinski (v.l.) helfen in der Kleiderkammer des Aufnahmelagers mit.
Foto: WAZ FotoPool
Knapp zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Bochum weicht bei vielen Flüchtlngen im Aufnahmelager an der Lewacker Schule allmählich die Furcht. Zwei neue Erdenbürger sind zur Welt gekommen: Linda und King. Viele Frauen und Männer leisten ehrenamtliche Arbeit.

Bochum. Die Empörung über Misshandlungen von Flüchtlingen durch Sicherheitsdienste in NRW-Flüchtlingseinrichtungen im Siegerland und in Essen ist groß. Und sie sorgt auch bei ehrenamtlichen Helfern in Bochum für Entsetzen. „Schlimm, das ist mir unbegreiflich, wie man Menschen so behandeln kann“, sagt Margret Hopmann.

Die 64-Jährige gehört zur großen Schar von Ehrenamtlichen, die in dem kurzfristig eingerichteten, vorübergehenden Aufnahmelager an der Lewacker Schule in Linden tatkräftig anpackt. „Wir wohnen in der Nachbarschaft und waren überrascht, als wir aus dem Urlaub kamen.“ Spontan boten sie und ihr Mann Hilfe an. „Wir gehören zu den Naturfreunden Linden-Dahlhausen und in unseren Statuten sind Völkerverständigung und Toleranz verankert“, sagt Joachim Hopmann (67). Und dies stehe nicht nur auf dem Papier, es müsse auch gelebt werden. Deshalb seien sie hier. Wie selbstverständlich.

Erstaunliche Entwicklung der Flüchtlinge

Neben einer 33-köpfigen Einsatzgruppe des Deutschen Roten Kreuzes, die abwechselnd das DRK Bochum oder Einheiten anderer DRK-Kreisverbände stellt und für eine Betreuung rund um die Uhr sorgt, bringt sich dort eine Vielzahl von Bochumern täglich ein. „Ich bin schon stolz, wie der Stadtteil diese Aufgabe meistert“, sagt Bezirksbürgermeister Marc Gräf (SPD), der gleichwohl weiß, dass es auch kritische Stimmen zur Einrichtung des Aufnahmelagers gibt.

Der 40-Jährige ist in der Regel jeden Tag mindestens einmal vor Ort und hat wie viele andere Ehrenamtliche ein erstaunliche Entwicklung unter den 134 Flüchtlingen aus vielen verschiedenen Ländern festgestellt. „Am ersten Tag habe ich viel Furcht in den Gesichtern gesehen, einige Kinder wollten nicht einmal den Bus verlassen, der die Menschen hierhin gebracht hat.“

Fußball nach dem Abendessen

Doch die Furcht ist offenbar gewichen. „Ich habe heute zum ersten Mal eine junge Frau lächeln sehen, die bislang ganz in sich gekehrt war. Ich konnte sehen, wie die Starre von ihr abfällt“, sagt Gudrun Hilgen-
stock-Rohrschneider. Die 68-Jährige hatte bei einer Info-Veranstaltung der Stadt zur Einrichtung des Aufnahmelagers die Bochumer ermuntert hatte: „Geht auf die Flüchtlinge zu.“ Morgens hat sie mit vier Kindern aus vier unterschiedlichen Ländern Memory gespielt. Und mittags sitzt sie mit drei jungen Männern aus Ghana und Nigeria an einem Tisch, um ihnen die ersten Brocken Deutsch beizubringen.

Sie mögen zu denen gehören, die nach dem Abendessen erst so richtig aus sich herauskommen. „Wenn auf dem Schulhof der Ball auf den Boden tickt, dann spielt die Welt hier Fußball“, sagt Marc Gräf begeistert.

„Die Leute sind sehr freundlich“ 

Afrika ist weit weg. Und es wird für einige der Flüchtlinge im Aufnahmelager an der Lewacker Straße in Linden vielleicht für lange Zeit weit weg bleiben. „Ich kann nicht mehr zurück“, erklärt der junge Nigerianer, der an diesem Mittag im Pavillon der früheren Förderschule zusammen mit zwei anderen Männern an einem Tisch sitzt. Er sei geflohen vor der Terrorgruppe Boko Haram. Was mit seiner Familie geschehen sei, wisse er nicht.

Freiheit und Recht

Gemeinsam sitzen die drei über einer Karte Afrikas und zeigen den weiten Weg, den sie zurückgelegt haben: quer durch Afrika über Libyen nach Europa. Der anfängliche Argwohn gegenüber dem Reporter ist gewichen. „Wir fühlen uns wohl hier“, sagen die drei. Sich frei bewegen zu können, Freiheit und Recht zu erfahren, sei großartig. Dass das Essen für Afrikaner manchmal gewöhnungsbedürftig sei, verhehlen sie nicht. Mehr Reis zum Beispiel oder Porridge Yam, wäre schön, sagt einer der Nigerianer. Aber viel wichtiger sei: „Die Leute sind sehr freundlich zu uns.“

Es sind viele helfende Hände in der Lewacker Schule. Tom (48) zum Beispiel, der zum Flüchtlingsnetzwerk Süd-West gehört, sich als „Mädchen für alles“ im Aufnahmelager bezeichnet und der sagt: „Ich habe so oft selbst von der Gemeinschaft profitiert. Jetzt ist es an der Zeit, etwas zurück zu geben.“

24-Stunden-Dienst

Individualisten ebenso wie Organisierte finden sich hier. Daniel Nikodem gehört zur der DRK-Einheit, die vor zehn Tagen alarmiert wurde und die binnen 56 Stunden die Strukturen für die Betreuung der Flüchtlinge aufgebaut hat. Als Angehöriger des Deutschen Roten Kreuzes stellt ihn sein Arbeitgeber zwar frei, wenn der Einsatzbefehl kommt. Aber auch wenn er Urlaub hat, so wie in den vergangenen Tagen, versieht der 28jährige Einsatzleiter der Sanitätseinheit seinen Dienst.

24 Stunden am Stück, mit wenig Schlaf, und wenn dann nur auf einem der schmalen Notbetten in der Turnhalle, die als Einsatzzentrale und Unterkunft für die DRK-Einheiten eingerichtet wurde. „Es ist schon viel Arbeit hier und schlaucht auch“, so Nikodem. Aber zu spüren, für einen guten Zweck zu arbeiten – „egal ob bei einem Fußballspiel oder hier im Aufnahmelager“ vermittle ebenso ein gutes Gefühl wie die Kameradschaft und das Wissen, gemeinsam eine Aufgabe zu meistern.

Und bei aller Müdigkeit, in der Nacht von Sonntag auf Montag bekam der Einsatzleiter gerade einmal zweieinhalb Stunden Schlaf, gibt es da ja auch noch die besonderen Momente, die allen Ehrenamtlichen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Zwei neue Erdenbürger wurden in diesen Tagen geboren: Linda und King, ein Mädchen und ein Junge. Sie sind nicht irgendwo auf der Flucht zur Welt gekommen, sondern in einem Bochumer Krankenhaus. Willkommen.