Bochum

Türkei-Experte aus dem Ruhrgebiet: „Ich spreche mich nicht mehr für Integration aus“

Ausgesucht hat Ismail Küpeli sich diese Position nicht: Heute ist er Türkei-Experte.
Ausgesucht hat Ismail Küpeli sich diese Position nicht: Heute ist er Türkei-Experte.
Foto: Matthias Biesel/ DER WESTEN

Bochum. Ismail Küpeli war dreizehn, da stiegen seine Eltern gemeinsam mit ihm und seinen beiden Schwestern in ein Flugzeug nach Deutschland. In der Türkei, ihrer Heimat, droht ihnen Inhaftierung, Folter oder gar der Tod. Die Eltern, türkische Linke, werden verfolgt. Ständig müssen sie die Identität und den Wohnort wechseln.

Sie kommen in einer Zeit, in der in Deutschland Flüchtlingsheime brennen und die Ausländerfeindlichkeit zunimmt. Früh versteht Ismail Küpeli: Der Alltagsrassismus ist allgegenwärtig. Er kommt in einer „Ausländerklasse“ in Duisburg mit afghanischen, iranischen und anderen türkischen Kindern unter. Die Lehrer sträuben sich davor, das multi-kulturelle Potpourri zu unterrichten.

Zu diesem Zeitpunkt, 1991, ist der junge Küpeli noch überzeugt: Integration kann gelingen. 29 Jahre später, als angehender Doktorand an der Ruhr-Universität Bochum und Türkei-Experte, hat sich seine Meinung geändert.

Geflüchtet aus der Türkei: „Sei froh, dass du hier sein darfst, stell' keine Ansprüche“

Durch das Versteckspiel in der Türkei ist Küpeli das Anpassen, die ständige Veränderung gewohnt. Schnell lernt er Deutsch, wechselt in die siebte Klasse einer Duisburger Gesamtschule. Der Tenor, der ihm häufig entgegenschlägt: „Sei froh, dass du hier sein darfst, stell' keine Ansprüche.“

„Es gibt viele Menschen in Deutschland mit ähnlichen Lebensgeschichten, ich bin da kein Einzelfall“, weiß der dreifache Familienvater.

Er zählt nun zu den Deutsch-Türken, für viele eine homogene Masse. Dabei spaltet sich die türkische Community unter anderem in konservative Migranten, die als Gastarbeiter Anfang der 60er Jahre in die BRD gekommen sind, und liberale, gemäßigte Kräfte. Noch heute schlägt sich die Spaltung bei Wahlen nieder, wenn gut 55 Prozent der Wähler in Deutschland ihre Stimme Erdogans konservativer AKP geben.

Mit „Ach und Krach“ besteht Küpeli sein NRW-Abi. Als zweite Fremdsprache hatte er sich für Türkisch entschieden, dafür erhält er einen Abschluss, der nur in NRW anerkannt wird. Wieder eine kleine Einschränkung im Lebenslauf. „Ich wollte eh nie aus dem Ruhrgebiet weg“, winkt Küpeli ab.

Plötzlich Türkei-Experte

Erst zum Ende seines Masterstudiums entflammt sein Interesse für die Türkei-Politik.

Immer häufiger wird Erdogan und seine AKP zum neuen Heilsbringer verklärt, ein EU-Beitritt der Türkei scheint nicht mehr ausgeschlossen. „Da bemerkte ich, dass ich die Rolle der Türkei erklären muss“, sagt der heute 41-jährige Küpeli. Inhaftierung und Repressalien gegen AKP-Gegner seien in den deutschen Medien zu kurz gekommen.

Obwohl die Türkei in seinem bisherigen Studium kein Thema war, spürt er den gesellschaftlichen Druck, sich zu positionieren.

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Schublade auf: Willkommen in der Welt der Vorurteile

Die Schublade geht auf und in ihr befindet sich plötzlich Küpeli, gemeinsam mit vielen anderen Deutsch-Türken.

Er selbst ordnet sich hingegen einer ganz anderen Schublade zu: „Ich bin Deutscher, der in der Türkei geboren ist. Meine Heimat ist Duisburg, dort lebe ich seit fast 30 Jahren.“ Durch das Erstarken der AfD kommen Parolen wie „Schickt die doch zurück nach Anatolien“ auf. Die, das sind Deutsche, Türken und Deutsch-Türken, teils in Deutschland geboren, seit Generation hier wohnhaft oder frisch zugewandert.

„Die deutsche Mehrheitsgesellschaft muss sich fragen: Wie wollen wir zusammenleben?“, appelliert Küpeli. „Lassen wir AfD-Aussagen einfach im Raum stehen, diskutieren wir diese sogar ernsthaft oder verurteilen wir sie deutlich?“ Der Alltagsrassismus sei heutzutage sichtbarer, weil Betroffene wie er öffentlich ihre Geschichten erzählen - über Twitter, Facebook oder in den Medien.

„Heute spreche ich mich nicht mehr für Integration aus“

Doch der Türkei-Experte hat einen Lösungsansatz an der Hand: „Heute spreche ich mich nicht mehr für Integration aus. Integration bringt nach wie vor die Vorstellung mit sich, dass jemand wohin kommt und sich an das anpasst, was da ist.“ Im Umkehrschluss hieße das auch: Die eigene Kultur, die mitgebracht wird, müsse aufgegeben werden.

„Wir müssen heute viel stärker über eine pluralistische Gesellschaft reden. Nicht der eine soll sich an den anderen anpassen, „sondern aus der Vielzahl der Lebenswege sollte etwas Gemeinsames erschaffen werden.“

„Wir müssen unsere Gesellschaft immer wieder neu formieren, sodass alle Lebenserfahrungen Platz haben“. Immer wieder müsse das Alte abgelegt und gelernt werden, gemeinsam das Neue zu schaffen. Erst dann, so glaubt der angehende Doktor, könne ein Zusammenleben ohne Ausgrenzung gelingen.

 
 

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