Steuerberater gibt Veruntreuung von Sterbegeld zu

Bernd Kiesewetter

Bochum. Offenbar als Selbstbedienungsladen hat ein ehemaliger Steuerberater eine Sterbekasse missbraucht. Der Bochumer gab beim Prozessauftakt am Landgericht zu, 1,35 Millionen Euro aus der „Gerther Versicherungs-Gemeinschaft“ veruntreut zu haben.

Der ehemalige Steuerberater (61) blickt auf der Anklagebank so verschüchtert drein, als könne er kein Wässerchen trüben. Die Schultern unter seinem Freizeitpulli sind stark zusammengezogen, als fröstele ihm. Dazu gäbe es auch reichlich Anlass: Von 2004 bis 2008, so gab er am Montag vor dem Landgericht zu, habe er aus der Sterbekasse „Gerther Versicherungs-Gemeinschaft“, die er 15 Jahre als ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender geleitet hatte, 1,35 Millionen Euro veruntreut. Vor allem Bochumer, Herner und Castrop-Rauxeler sind dort Mitglied. Kontrollen hatte er mit einem Unterkonto umgangen.

Das Tatmotiv ist teilweise absonderlich. Um seine Steuermandanten vor der schlechten Nachricht des Finanzamtes über eine Steuernachforderung zu bewahren, überwies der Bochumer die Summe einfach selbst an den Fiskus. Mal 14 029 Euro, mal 37 302 Euro - oder auch mal 153 000 Euro auf einen Schlag, wie es in der Anklage heißt. Seit dem Jahr 2000 habe er Depressionen gehabt, erklärte er mit sehr leiser Stimme. „Ich habe mich aufgrund meiner Angst nicht getraut, denen die Wahrheit zu sagen.“ Die Begünstigten habe er über die Bereinigung ihrer Schulden gar nicht informiert. Sie hätten gedacht: Mit dem Steuerbescheid sei alles okay.

Spätere Ehefrau mit 50.000 Euro begünstigt

Aber auch für höchst eigennützige Zwecke soll der bisher nicht vorbestrafte Mann in die Sterbekasse gegriffen haben: 325 000 Euro für seine Ehescheidung, 50 000 Euro für seine spätere Ehefrau, 7500 Euro für Verbindlichkeiten seiner Tochter, fünfstellige Summen auch für sich ganz allein - das sind auszugsweise Einzelposten aus der Anklageschrift. Auch üppige Darlehen soll er aus der Sterbekasse vermittelt haben, einmal sogar mit einer gefälschten Unterschrift.

„Ich war in einer Notsituation“, sagte er. Durch eigene Verbindlichkeiten habe er Sorge um sein Steuerbüro und die Arbeitsplätze seiner Mitarbeiter gehabt. „Aber haben Sie auch einmal an die Mitglieder der Gerther Versicherungs-Gemeinschaft gedacht?“ fragte Richter Dr. Markus van den Hövel. Diese haben durch den Skandal fast alle Boni verloren. „Ich weiß, dass sie durch mich Ärger und Probleme haben. Ich weiß, das ist nicht zu entschuldigen“, antwortete er. „Mir geht es nicht gut. Aber ich will das durchstehen.“

Der Prozess geht am 2. November weiter, dann gibt es möglicherweise auch schon ein Urteil.