Stehende Ovationen für Mario Adorf im Schauspielhaus Bochum

Sven Westernströer
Mario Adorf auf Lesetour: Aktuelle Fotos seines Bochum Auftritts hat seine Agentur leider nicht gestattet.
Mario Adorf auf Lesetour: Aktuelle Fotos seines Bochum Auftritts hat seine Agentur leider nicht gestattet.
Foto: Alexander Heil
Filmlegende Mario Adorf erzählt im ausverkauften Schauspielhaus Anekdoten aus seiner langen Karriere – insbesondere aus der frühen Theaterzeit.

Bochum. Diesen feigen Mord verzeiht sie ihm nie: „Was habe ich ihn damals gehasst!“ erinnert sich die ältere Dame aus Reihe 9. Im Jahr 1963 füllte „Winnetou 1“ die bundesdeutschen Lichtspielhäuser – und Mario Adorf beging darin eine Gräueltat, die ihn für eine Weile zum Staatsfeind Nummer eins machte.

Er schickte Winnetous hübsche Schwester Nscho-tschi in die ewigen Jagdgründe und zog dafür den Zorn eines Millionenpublikums auf sich. „Schlimm war das“, meint die Dame und muss lachen. Die Zeit heilt viele Wunden.

Über 50 Jahre und unzählige Filme später empfangen die über 800 Besucher im seit Wochen ausverkauften Schauspielhaus einen der größten deutschen Film- und Fernsehschauspieler der letzten Jahrzehnte mit euphorischem Beifall. In schwarzem Anzug und blauem Hemd betritt Adorf leichten Schrittes die Bühne, und so mancher hält diesen besonderen Augenblick mit seinem Handy fest. „Gut sieht er aus“, meint eine Frau. „Gar nicht wie Mitte 80“, so ihre Nachbarin.

Charmanter Herr mit kräftiger Stimme

In der Tat: Dass dieser charmante Herr mit dem weißen Schopf und der kräftigen Stimme schon im fortgeschrittenen Rentenalter sein soll, ist kaum zu glauben. Vielleicht hat ihn sein sportlicher Lebensstil fit gehalten (Adorf war bekanntlich talentierter Boxer), vielleicht liegt es auch am ruhigen Leben in seiner Wahlheimat St. Tropez.

Mit seinem Buch „Schauen Sie mal böse“ ist der 85-Jährige auf Lesereise. Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Wien und heute Bochum: Statt daheim Rosen zu züchten, sammelt Adorf lieber Flugmeilen.

Adorf hält sich eng ans Skript

Warum es ihn noch einmal auf große Deutschlandtour zieht, erklärt er zu Beginn seiner Lesung so: Die Sehnsucht nach seinem Publikum habe ihn vor die Tür getrieben. „Filme sind Konserven“, sagt er. „Aber auf der Bühne, da wird frisch gekocht.“ Und wenn man sieht, mit welchem Spaß und welcher Inbrunst sich Adorf rund zwei Stunden lang seinem Publikum stellt, dann glaubt man ihm das sofort.

Dabei hat es den Anschein, als halte sich Adorf eng an sein Skript. Ein paar persönliche Bemerkungen etwa über seinen „Bellheim“-Dreh im Kortum-Haus hätte sich mancher im Saal sicher gewünscht, doch Adorf scheint nach Klatsch und Tratsch aus der Promi-Szene nicht der Sinn zu stehen.

Erinnerungen an die Kindheit in der Eifel

Viel lieber erzählt er von seiner Kindheit in dem Städtchen Mayen in der Eifel, von seiner Zeit als Statist am Schauspielhaus Zürich und vom Weg auf die berühmte Otto-Falckenberg-Schule in München. Von einer Zeit also, in der Adorf noch kein Star war und ein junger Bursche wie er viel Glück brauchte, um zur richtigen Zeit den richtigen Menschen zu begegnen.

Theater wichtiger als die Filmerfolge

Überhaupt: Seine Theaterzeit scheint Adorf rückblickend weitaus mehr zu beschäftigen als seine Filmerfolge, die in Mini-Ausschnitten kurz auf einer Leinwand angerissen werden. Mit Ausnahme von „Nachts wenn der Teufel kam“ und einigen lustigen Erinnerungen an Regisseur Robert Siodmak sind es vor allem seine Bühnenauftritte, die im Zentrum der Lesung stehen.

Adorf erinnert an Kollegen wie Therese Giese oder Horst Tappert, spielt den trinkfesten Heinrich George – und erzählt immer wieder bewundernd von seinem Idol Fritz Kortner, dem gefürchteten Regisseur, der einem Kollegen Adorfs mal bescheinigte: „Ich habe den scharfen Verdacht, Sie schwänzen einen anderen Beruf!“

Und dann spielt er einen Lachanfall und rollt über die Bühne wie es mancher mit Anfang 60 nicht mehr schafft. Stehende Ovationen für einen der Größten.