Stadtwerke-Geschäftsführer im Gespräch

DerWesten
Bernd Wilmert, kaufmännischer Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum. Foto: Ingo Otto
Bernd Wilmert, kaufmännischer Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum. Foto: Ingo Otto
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool

Bochum. Die zur FAZ-Gruppe gehörende Fachzeitschrift „Der neue Kämmerer“ rief Bernd Wilmert in Essen unlängst zum „Steuermann des Jahres 2011“ aus.

Der Preis würdigt besondere Leistungen im Bereich kommunaler Unternehmen. Dem Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke Bochum attestierte die Jury Visionen und Initiativen, die zu einer kommunalen Welle in der Energieversorgung geführt hätten. WAZ-Redakteur Thomas Schmitt sprach mit dem 59-Jährigen.

Herr Wilmert, wann waren Sie das letzte Mal beim Arzt?

Wilmert: Vor zwei Monaten zum Bluttest. Es war alles okay. Wieso fragen Sie?

Weil Sie ein legendäres Zitat, den Spott Ihres Parteifreundes, Altbundeskanzler Helmut Schmidt, widerlegt haben. Sie sind für Ihre Visionen soeben ausgezeichnet worden. Was war die Grundlage für Ihren Antrieb, zur Entwicklung der Bochumer Stadtwerke Allianzen zu schmieden?

Wilmert: Es ging darum, die Zukunft der Stadtwerke zu sichern. Bis 1998 hatte in unserer Branche jeder sein eigenes Monopol. Man blickte ein wenig auf die Kosten. Der Umsatz war sicher. Die Liberalisierung des Energiemarktes war eine Kulturrevolution. Plötzlich mussten wir uns um unsere Kunden und um neue Märkte bemühen. 1000 Stadtwerke in ihrer alten Form hatten keine Chance zu überleben.

War es leicht, Ihre Ideen im Hause und in der Politik umzusetzen?

Wilmert: Nein, es bedurfte Überzeugungsarbeit. Den Wettbewerb anzunehmen ist für viele Kollegen nicht leicht gefallen. Mir auch nicht immer. Mit den Mitarbeitern gemeinsam haben wir uns die Überzeugung erarbeitet, dass der Wettbewerb nicht nur Bedrohung sondern auch eine Chance ist.

Als Beispiele für Ihren Beitrag zur kommunalen Welle im Bereich der Energieversorgung gelten der Verbund Energie und Wasser Mittleres Ruhrgebiet, ihr Mitwirken bei Trianel, der Kauf von Gelsenwasser und nicht zuletzt der Erwerb der Evonik-Kraftwerkssparte Steag durch ein Stadtwerke-Konsortium. Ihr Unternehmen ist am Markt erfolgreich, die Arbeitsplätze scheinen sicher, aber was haben die Bochumer Bürger als Eigentümer von alledem?

Wilmert: Wenn Sie auf die Preise von Strom und Gas hinaus wollen, dann muss man feststellen, dass der Effekt, der durch den Wettbewerb erzielt werden sollte, durch politische Vorgaben konterkariert wurde. Unsere Großhandelspreise sind seit 1998 nahezu gleich geblieben. Hinzu gekommen sind Ökosteuer und Abgaben für Erneuerbare Energien oder Kraftwärmekopplung. Wir waren im letzten Jahr wild entschlossen, den Strompreis zu senken. Politisch beschlossen wurde dann aber, die EEG-Umlage von 2 auf 3,5 Cent pro Kilowattstunde zu erhöhen. Das hört sich wenig an, bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden Kilowattstunden sind das aber allein 22,5 Millionen Euro für die Stadt Bochum.

Nach Fukushima stehen wir erneut vor einer Energiewende. Wie haben Sie es in den vergangenen Jahren mit der Atomkraft gehalten?

Wilmert: Ich war stets ein relativ atomkritischer Mensch. Das hat aber nie eine Rolle gespielt. Spannend wurde es 2001, als Rot-Grün den Ausstieg aus der Kernenergie beschloss. Fortan haben wir in effiziente Kohle- oder Gaskraftwerke und regenerative Energien investiert. Dann kam unter Schwarz-Gelb der Ausstieg vom Ausstieg. Das war eine Verzerrung des Wettbewerbs, die uns schon nervös machte. Nach Fukushima ist man nun auf einmal umzingelt von Atomkraftgegnern. Ich finde es schon bemerkenswert, dass jemand wie Horst Seehofer versucht, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen.

Verbraucher haben das Gefühl, immer der Dumme zu sein und zur Kasse gebeten zu werden, während sich die Energieunternehmen die Taschen vollstopfen.

Wilmert: Die Energiewende zahlt immer der Endkunde, wer sonst? Das ist nicht zynisch gemeint, sondern leider im Wettbewerb marktwirtschaftliche Realität. Die Preise werden aber nicht so dramatisch steigen, wie einige befürchten. Ich rechne bis 2015 bei den Großhandelspreisen mit einem Preisanstieg um knapp ein Drittel. Das bedeutet für die Endverbraucher in den nächsten Jahren eine Steigerung von 6-10%. Große Offshore-Windparks müssen gebaut werden. Wir benötigen 3600 Kilometer neue Stromtrassen, 60 davon sind im Bau. Wenn das alles fertig ist, werden die Preise wieder sinken, auch weil es dann mehr Wettbewerb im konventionellen Erzeugungsbereich geben wird. Aber das dauert mindestens zehn Jahre.

Ist das überhaupt zu realisieren? Denken Sie an Stuttgart 21 und den Widerstand von Bürgern gegen CO2-Pipelines. Das wird bei Stromtrassen nicht anders sein.

Wilmert: Das Ganze wird nur funktionieren wenn die Bundesregierung die Planungswege signifikant verkürzt. Die Bundesnetzagentur sollte die Planungshoheit haben, nicht die Länder.

Sie sprechen nur von Windparks auf See. Was halten Sie von Solarenergie oder Biomasse?

Wilmert: Wenn die AKW abgeschaltet sind, fehlen rund 20 000 Megawatt an Strom. Das können Sie mit Biomasse und Solarenergie nicht auffangen. Von Photovoltaik halte ich volkswirtschaftlich relativ wenig. In Deutschland scheint die Sonne zu selten. Ein Großkraftwerk läuft 7500 Stunden im Jahr, Photovoltaik können sie maximal 1900 Stunden nutzen. Auch sozialpolitisch sehe ich die Solarenergie kritisch. Großgrundbesitzer oder wohlhabende Einfamilienhaus-Besitzer nutzen die Förderprogramme, bezahlen tun das die Menschen, die in Mietshäusern wohnen.

Sind einzelne Windräder in unserer Region überhaupt sinnvoll? In Gerthe muss gerade eines abgerissen werden, weil es zu nah an der Wohnbebauung stand und sich Anwohner beschwerten.

Wilmert: Können sie sich im Ballungsgebiet einen größeren Windpark vorstellen? Wir setzen darauf, dass das Land Flächen bereit stellt. Zum Beispiel dort, wo Kyrill gewütet hat. Die Beteiligung an einem solchen Projekt mit Trianel wäre dann sicher möglich – und sinnvoll.

Sehen sie den Kauf der Steag durch ein Stadtwerke-Konsortium nach Fukushima noch positiver als zuvor?

Wilmert: Man muss vorsichtig sein, um vor dem Leid der Menschen in Japan nicht zynisch zu wirken. Fest steht aber: Wir haben exakt zum richtigen Zeitpunkt gekauft.

Ist der Wert der Steag nach den Entwicklungen der vergangenen Wochen gestiegen?

Wilmert: Zumindest ist das Unternehmen nicht wertloser geworden. Unsere Chancen sind gut, man muss jetzt auf die genauen Vorgaben der Bundesregierung warten, wenn das Moratorium abgelaufen ist. Ich glaube zwar, dass wir keine neuen Kohlekraftwerke mehr bauen werden, die vorhandenen aber werden wir für die Übergangszeit intensiver nutzen müssen. Bis ausreichend Gaskraftwerke als neue Brückentechnologie vorhanden sein werden, wird es noch Jahre dauern. Gas ist heute noch zu teuer und der Preis für Strom zu niedrig.

Bislang hat das Stadtwerke-Konsortium 51 Prozent der Steag gekauft, für den Rest gibt es eine Option. Es heißt, Sie drängen darauf, die restlichen 49 Prozent nun so schnell wie möglich zu erwerben und an einen Partner für das Auslandsgeschäft weiterzuverkaufen. Warum?

Wilmert: Weil ich glaube, dass wir schnell Klarheit haben müssen. Wir müssen eine Lösung für das Auslandsgeschäft der Steag finden, das der Steag und uns gut tun wird. Einen Minderheitsanteil zu verkaufen, ist im Übrigen kein Selbstläufer. Außerdem glaube ich, dass die Zinsen steigen werden. Das ist meine persönliche Meinung. Es gibt Partner, die wollen erst die Steag entwickeln.

Werden Sie für die Stadtwerke Bochum nach neuen Kooperationen suchen?

Wilmert: Wir können ja nicht aufhören, das Unternehmen weiterzuentwickeln. Als Energieversorger mit mehr als 100 000 Kunden müssen wir über eine eigene Netzgesellschaft verfügen. Mein ganz persönliche Meinung ist, dass es mittelfristig keinen Sinn macht, Netze alleine zu bewirtschaften. Kooperationen mit befreundeten Unternehmen verbessern auch in diesem Bereich unsere Position. So hätten wir im Wettbewerb um Konzessionen größere Chancen auf dem Markt. Entscheidungen dazu wird es sicher in diesem, spätestens im nächsten Jahr geben.

Welche Argumente sprechen dagegen?

Wilmert: Skeptiker sagen: Wir müssen aufpassen, dass die Identität der Stadtwerke nicht verloren geht.

Thilo Sarrazin war Steuermann des Jahres 2009. Er hat wenig später ein Buch geschrieben, das bundesweit für Aufsehen sorgte. Werden Sie auch unter die Autoren gehen?

Wilmert: Das bin ich schon. In der vergangenen Woche haben wir, Sven Becker, Chef der Trianel und ich in Berlin ein Buch vorgestellt. Es ist eine Antwort auf eine RWE-Studie, die den Stadtwerken ihre Daseinsberechtigung streitig macht. Gemeinsam mit anderen Autoren machen wir darin deutlich, dass die Energiewende in Deutschland ohne das mittelständische Element der Stadtwerke nicht gelingen kann. Das Buch heißt übrigens D:Zentral. Verantwortlich und effizient. Für die Energie-Zukunft einer offenen Gesellschaft.