Soziale Stadtführung zeigt Bochum ganz unten

bodo-Verkäufer Markus (rechts) leitet die „soziale Stadtführung" des Straßenmagazins.
bodo-Verkäufer Markus (rechts) leitet die „soziale Stadtführung" des Straßenmagazins.
Foto: Svenja Hanusch
Einmal im Monat zeigt sich Bochum ganz unten. Das Stadtmagazin bodo nimmt Bürgerinnen und Bürger mit auf eine „soziale Stadtführung“. Deutlich wird: Das tägliche Elend armer Menschen ist groß. Sichtbar wird aber auch: Es gibt ein engmaschiges Netzwerk der Hilfe.

Bochum.. Wer hier Quartier bezieht, ist neben den Gleisen. Aus der Spur. Der „Schlaf am Zug“, die Notschlafstelle der Evangelischen Stiftung Overdyck eingangs der Castroper Straße, liegt unmittelbar neben dem Gleisbett. Die Nah- und Fernzüge rauschen quasi durchs Zimmer. Für jährlich 180 Jugendliche kein Problem. Sie sind froh, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Mehrere hundert Menschen in Bochum (genaue Zahlen gibt es nicht) gelten als wohnungslos. Wie verbringen sie ihren Tag? Wo halten sie sich auf? Welche Angebote und Hilfen gibt es? Das Straßenmagazin bodo kennt die Antworten, kennt Bochum von unten. An jedem dritten Samstag im Monat lädt bodo zu einer „sozialen Stadtführung“ ein. Die 15 Plätze sind regelmäßig ausgebucht. „Die Leute wollen wissen, wie es auf der anderen Seite aussieht“, sagt bodo-Verkäufer Markus, der den Stadtführer gibt. Jeder, der mitläuft, kauft für 1,80 Euro ein Magazin. Markus behält pro Heft 90 Cent: sein Lohn für zweieinhalb Stunden.

Übernachten darf niemand

Vom bodo-Büro an der Stühmeyerstraße marschieren wir mitten durch den samstäglichen Einkaufstrubel zum Westring. 1000 Besucher jährlich schlagen in der „Beratungsstelle für alleinstehende wohnungslose Männer“ der Diakonie auf. Übernachten darf niemand. Dafür gibt es das Fliednerhaus am Stadion. Doch die Männer können sich aufwärmen, duschen, Kaffee und Tee trinken, Wäsche waschen, ein Schließfach nutzen und sich eine Postadresse einrichten lassen. „Das ist wichtig“, sagt Markus.

Über die Bahnhofsmission geht’s zum „Sprungbrett“. Die ehemalige Kneipe an der Ferdinandstraße, unweit des Hauptbahnhofs, ist Anlaufstelle für Jugendliche ab 14 Jahren, die Stress mit ihren Eltern haben oder sich bereits auf der Straße eine Ersatzfamilie suchen. Das Jugendamt finanziert den Treff. Kein Problem, das hier nicht durch die Tür kommt. „Das Wesentliche ist, Vertrauen aufzubauen. Erst dann wird Hilfe angenommen“, sagt die Leiterin Nikola Worringen. Ein Arzt im Ruhestand und ein engagierter Anwalt bieten kostenlose Sprechstunden an.

Das „Sprungbrett“ katapultiert viele der Jugendlichen zum „Schlaf am Zug“. Bis zu acht Gäste können hier ab 20 Uhr übernachten. Nach zehn Nächten ist ein Beratungsgespräch Pflicht. Niemand soll sich dauerhaft einrichten.

Die Stadtführung dokumentiert: Das Elend auf der Schattenseite der Wohlstandsgesellschaft ist groß. Doch ein engmaschiges Netzwerk an Hilfe und Beratung fängt viele Menschen auf. Manche bringt es sogar zurück in die Spur.

Wärme in der Bahnhofsmission

Seit 16 Jahren ist Daria Sengüner (42) eine von zwei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen der Bochumer Bahnhofsmission. WAZ-Redakteur Jürgen Stahl sprach mit der Diplom-Sozialpädagogin.

Welche Aufgaben hat die Bahnhofsmission?

Daria Sengüner : Wir sind für jeden da, der am Bahnsteig Unterstützung braucht: für reisende Blinde ebenso wie für Senioren, Behinderte oder Eltern mit Kleinkindern. 75 Prozent unserer Arbeit machen aber Hilfen für Menschen in psychischer und materieller Not aus. Wir leisten knallharte Sozialarbeit und Seelsorge.

Welche Menschen kommen zu Ihnen?

Daria Sengüner Bettler, Obdachlose, Jugendliche, die von zu Hause abgehauen sind: Da ist alles dabei, auch viele Stammkunden. Auffällig ist: Es kommen immer mehr Menschen wie du und ich. Menschen, die nach Jobverlust oder einer Trennung nicht weiterwissen, verzweifeln, Existenzängste haben. Da begegnen uns schlimme Schicksale. Die meisten wollen einfach Trost, einfach nur ‘ne Runde heulen. Unsere Arbeit wird immer härter.

Was leistet die Bahnhofsmission?

Daria Sengüner Wir haben mit unseren 25 ehrenamtlichen Mitarbeitern täglich rund 85 Kontakte. Im Aufenthaltsraum ist es warm, es gibt es Kaffee, Tee, Wasser. Zu Essen gibt es nur Brot. Wir sind nicht die Suppenküche. Das Erstgespräch ist wichtig. Wir hören den Menschen zu und vermitteln sie bei Bedarf an andere Hilfseinrichtungen, Jugendliche zum Beispiel an das „Sprungbrett“. Für akute Notfälle halten wir Jacken, Pullover und Decken bereit.

 
 

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