„Situation Rooms“ vom Weißen Haus bis Afrika

Ein „Situation Room“ aus der theatralen Installation von „Rimini-Protokoll“ für die Ruhrtriennale.
Ein „Situation Room“ aus der theatralen Installation von „Rimini-Protokoll“ für die Ruhrtriennale.
Foto: Jörg Baumann
Eindringlich, direkt ansprechend: Die Kreation der Theatergruppe Rimini Protokoll für die Ruhrtriennale in der Turbinenhalle der Bochumer Jahrhunderthalle. Exakt 20 Besucher werden mit Kopfhörer und I-Pad auf die Reise durch verwinkelte Räume des Elends und der Kriege geschickt, exakt 80 Minuten lang.

Bochum. Ein „Multiplayer Video-Stück“ nennt die Künstlergruppe „Rimini Protokoll“ unnötig verklausuliert ihre jüngste Kreation für die Ruhrtriennale, „Situation Rooms“. Eine Produktion, die an Eindringlichkeit die Eröffnungspremiere von Partchs „Delusion of the Fury“ bei weitem übersteigt und direkter anspricht als es der umständliche Titel vermuten lässt.

„Situation Room“, das ist das Zimmer im Weißen Haus, in dem Weltgeschichte geschrieben wurde, von der Kuba-Krise bis zum Fernsehabend, an dem die Obamas die Ermordung Ben Ladens verfolgten. „Rimini Protokoll“, das Künstler-Trio um Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel verwandelten die Turbinenhalle der Bochumer Jahrhunderthalle in ein Labyrinth aus 15 verschachtelten, durch Treppenaufgänge und Korridore zusätzlich verwinkelten Zimmern, die, liebevoll und bisweilen erschreckend realistisch gestaltet, die vielseitigen, aber allesamt schlimmen Facetten des Kriegs aus der Perspektive von Opfern, vermeintlichen Siegern und Gewinnlern beleuchten.

Die Besucherzahl, exakt 20 pro Aufführung, wird genauso penibel eingehalten wie die Dauer von 80 Minuten. Jeder Teilnehmer erhält ein iPad mit Kopfhörer, mit dem er mit Hilfe eines ausgeklügelten Systems individuell durch die Räume geführt wird, wobei es zu beabsichtigten Begegnungen kommt.

Die Räume führen in Vorstandsetagen großer Banken und Waffenfabriken wie in ärmliche Wohnküchen von Rüstungsarbeitern, in Verhörzimmer von Geheimdiensten, in die Trophäenhallen von Sportschützen, die sich von Waffenfabriken sponsern lassen, bis hin zu afrikanischen Folterzellen und mexikanischen Friedhöfen. Erzählt werden individuelle Lebensgeschichten, die in den Räumlichkeiten plastische Konturen gewinnen. Selbst bleischwere kugelsichere Westen kann man anlegen, die Drehbank einer Munitionsfabrik betätigen und einen Schießstand betreten.

Am Ende treffen sich alle 20 Teilnehmer im zentralen „Situation Room“, werden dann jedoch mit ihren Eindrücken allein gelassen. Die Möglichkeit einer Aussprache bleibt leider ungenutzt. Das einzige Manko dieser lebensnahen Produktion, die zwar nur einen Schimmer von der Situation echter Kriegsopfer vermitteln kann, damit aber mehr leistet als viele Worte.

Aufführungen: mehrmals täglich in der Turbinenhalle der Bochumer Jahrhunderthalle bis zum 15. September. Informationen: www.ruhrtriennale.de

 
 

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