Seit 40 Jahren im Dienst der Kunden

Sven Westernströer
40 Jahre hat Gertrud Vahrenholt den Laden an der Danziger Straße in Bochum. Foto: Karl Gatzmanga
40 Jahre hat Gertrud Vahrenholt den Laden an der Danziger Straße in Bochum. Foto: Karl Gatzmanga
Foto: WAZ FotoPool

Bochum. Herrlich! Ein Geschäft wie dieses gibt es kaum noch: Seit 40 Jahren betreibt Gertrud Vahrenholt ihren Tante-Emma-Laden. Und noch immer sieht’s hier aus wie damals. Der Fortschritt kommt der Kauffrau nicht ins Haus.

Fertig! Die junge Dame hat’s geschafft. Milch, Butter, Bananen: Alles, was Mutti dem Mädchen zum Einkaufen aufgetragen hat, legt es brav auf die Theke. „Darf’s sonst noch was sein?“, fragt Gertrud Vahrenholt und kennt die Antwort längst. „Süßkram!“ Das Mädchen nickt. Fünf Brausebonbons und ein paar Lakritze wandern in eine Tüte, die Kasse springt auf, und das Mädchen huscht aus dem Laden.

Es ist halb zwölf, nicht viel los bei Gertrud Vahrenholt. „Verdächtig still“, nennt das die nette Kauffrau. Seit genau 40 Jahren betreibt Gertrud ihr kleines Lebensmittellädchen am Drusenberg an der Danziger Straße. Von draußen empfangen den Besucher die schönen Wörter „Lebensmittel“ und „Feinkost“ in herrlicher 20er-Jahre-Schrift. Und drinnen sieht’s original so aus wie im Jahr 1971, als Gertrud den Laden übernahm und dort seither eisern die Stellung hält.

Jeden Morgen auf dem Großmarkt

Ihr Angebot ist sagenhaft. Lollis, Vasen, Luftschlangen, Kleiderrollen, Fleckenteufel, Fliegenklatschen, Konserven, ein Porzellan-Schwan, Pfefferminz-Taler, Einladungskarten („printed in West Germany“): Wer zum ersten Mal durch Gertruds Glastür tritt, möchte sich am liebsten erst einmal setzen. Und in Ruhe das ganze wohlgeordnete Durcheinander an Dingen betrachten, die in den Regalen ihren Platz gefunden haben. Die Flasche Klosterfrau Melissengeist sieht zwar so aus, als stünde sie schon etwas länger gemeinsam mit Gertrud im Laden. Sonst legt die Kauffrau großen Wert auf frische Ware: Die Käse- und Wursttheke wird jeden Tag frisch bestückt.

„Tut mir leid, hab’ ich nicht.“ Dieser böse Satz ist der Kauffrau noch nie über die Lippen gekommen. „Eigentlich hab ich alles“, meint sie und lächelt. „Und wenn doch nicht, dann besorge ich es am nächsten Morgen im Großmarkt.“ Dort beginnt auch ihr Alltag: Morgens um sechs versorgt sie sich mit Ware, danach schließt sie pünktlich um kurz vor acht ihren Laden auf. Bis mittags steht sie hinter der Theke, am Nachmittag übernimmt ihre Schwägerin. Und wenn doch mal wie verhext die Brötchen knapp werden? „Dann klingel ich bei Elly durch.“

Kaufmanns-Gen scheint in der Familie zu liegen

Was nämlich nicht jeder weiß: Gertrud Vahrenholt ist die ältere Schwester von Elly Altegoer, die einen ganz ähnlichen Tante-Emma-Laden an der Farnstraße unweit des Schauspielhauses betreibt. Das Kaufmanns-Gen scheint also in der Familie zu liegen, gemeinsam wohnen sie Haus an Haus in Stiepel. Doch während sich bei Elly die Stars wie Armin Rohde, Herbert Grönemeyer und fast jeder Intendant des Theaters ablichten lassen, hält sich die Promi-Dichte drüben bei Gertrud in Grenzen. „Nee, bei mir ist es ruhiger“, sagt sie. Nicht einen einzigen Ladendieb hat sie in den 40 Jahren dingfest gemacht. Dafür gibt es reihenweise Stammgäste, die sie alle beim Vornamen kennt.

Und da liegt auch ein Problem: Die Kunden kommen zwar gern zu ihr, um etwas zu kaufen und dabei mit Gertrud zu klönen. Doch für den Großeinkauf vertrauen die meisten auf den schicken Supermarkt ein paar Straßen weiter. „Als der aufmachte, hat mich das schon Kunden gekostet“, sagt sie. Mit den Kampfpreisen der großen Märkte kann Gertrud nicht mithalten. Dafür hat sie die meisten ihrer Preisschilder mit der Hand geschrieben.

Bislang guter Dinge

Wenn es niemand weiter tratscht: 74 Jahre ist Gertrud Vahrenholt mittlerweile. Wie lang sie den Laden noch führen möchte, weiß sie nicht. „Ich plane immer ein, zwei Jahre im voraus“, sagt sie. „Aber bislang bin ich guter Dinge, dass ich es noch eine Weile mache.“ Dafür macht sie ihre Arbeit einfach viel zu gern, und ihre Kunden wissen das zu schätzen. „Zwei Scheiben Leerdammer bitte“, sagt die blonde Frau. „Moment“, sagt Gertrud und geht von der Kasse rüber zur Frischetheke. „Darf’s sonst noch was sein?“