Schumi-Drama ist im Knappschaftskrankenhaus Langendreer Alltag

Jürgen Stahl
Foto: NRZ
Millionen Sportfans blicken in diesen Tagen voller Sorge nach Grenoble, wo Michael Schumacher um sein Leben ringt. Grenoble: Das ist Alltag in Langendreer. Im Knappschaftskrankenhaus werden jährlich 500 Patienten mit Schädel-Hirn-Traumata behandelt.

Bochum. Derzeit kämpfen die Ärzte im Universitätsklinikum um zwei ältere Patienten. Beide liegen wie Schumi im Koma. Beide haben sich bei Treppenstürzen schwerste Kopfverletzungen zugezogen. „Das erleben wir sehr häufig. Unfälle im häuslichen Umfeld sind an der Tagesordnung. Senioren sind besonders oft von Treppenstürzen und im Winter von Glatteis-Unfällen betroffen. Verkehrsunfälle kommen hinzu“, schildert Dr. Brenke.

Die meisten Schädel-Hirn-Traumata sind zum Glück nicht lebensbedrohlich. Bei rund 50 der 500 Patienten indes beginnt das bittere Bangen. Blutergüsse drücken auf das Gehirn oder entstehen im Hirn selbst. Höchste ärzliche Kunst ist gefordert, um vor allem die ersten Stunden und Tage zu überstehen.

Todesrate bei bis zu 70 Prozent

Die Unfallopfer landen bereits ohne Bewusstsein in der Klinik oder werden (wie Schumi) ins künstliche Koma versetzt. Für Tage. Mitunter für mehrere Wochen. Unschwer zu erahnen, welches Leid, welche Tragödien sich regelmäßig auf den Fluren in Langendreer abspielen. Denn die Angehörigen werden von zwei Fragen zerrissen: Wie hoch ist die Überlebenschance? Und: Welche Folgeschäden bleiben zurück?

Bei Frage 1 verweist Dr. Christopher Brenke auf eine niederschmetternde Statistik. Bei bis zu 70 Prozent liegt die Todesrate bei schweren Schädel-Hirn-Traumata. Frage 2 birgt zumindest Hoffnung. „Es gibt Fälle, in denen die Patienten am Ende vollständig gesunden“, weiß der Facharzt. Das sei allerdings die Ausnahme. Bei Wachpatienten ist die Prognose dabei deutlich besser als bei Koma-Patienten.

Prognosen sind reine Spekulation

Klar, dass auch Dr. Brenke und seine Kollegen derzeit mit großer Aufmerksamkeit die Medienberichte über Schumi verfolgen. Für die zurückhaltende Informationspolitik der französischen Ärzte haben sie nicht nur menschlich, sondern auch fachlich volles Verständnis. „Während eines Komas sind sämtliche Prognosen über den weiteren Krankheitsverlauf reine Spekulation“, betont Dr. Brenke. Entscheidend sei die Schädigung des Hirngewebes. „Was hier einmal zerstört ist, erholt sich nie wieder.“ Bei Schumi wie bei allen Schädel-Hirn-Trauma-Patienten gilt: Gewisse Klarheit gibt es erst, wenn der Patient aufwacht.

Wenn er aufwacht. Denn auch das lebenslange Wachkoma, weiß man in Langendreer aus langjähriger Erfahrung, ist bei derart schweren Verletzungen eine traurige, aber leider realistische Option – die Schumi und allen anderen Patienten bitte erspart bleiben soll.