Rückschau auf die ersten Premieren unter Weber

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Eleganz ist kein Verbrechen: Hauke Heumann, Friederike Becht, Gotta Depri, Franck Edmond Yao.Foto: Declair
Eleganz ist kein Verbrechen: Hauke Heumann, Friederike Becht, Gotta Depri, Franck Edmond Yao.Foto: Declair

Bochum. Anselm Weber ist seit einem guten Vierteljahr Intendant am Schauspielhaus Bochum. Langsam aber sicher füllt sich der Spielplan. Zeit für eine Rückschau auf die wichtigsten Inszennierungen in Kurzform.

Ein gutes Vierteljahr der ersten Intendanz von Anselm Weber ist ‘rum, und langsam aber sicher füllt sich nach einer wahren Premierenflut der Spielplan des Schauspielhauses. Was wurde geboten? Wie war’s? Die WAZ fasst die wichtigsten Inszenierungen in Kurzform zusammen – zum Nachlesen oder zum Neugierigmachen, je nachdem. Eine subjektiv benotete, gleichwohl repräsentative Auswahl.

Eleganz... ( 1 -)

Gintersdorfer/Klaßen lassen zwei deutsche Schauspieler und zwei Tänzer von der Elfenbeinküste in einer durchgeknallten Performance den Überfluss von Show, Machismo, Globalisierungsverrat, Protz und Angeberei beschwören. Heftiges, physisches Tanztheater mit Rap-Einflüssen. Wer Experimentelles liebt, ist hier richtig, für Theater-Konservative eher schwierig.

Die Labdakiden (1-)

Roger Vonthobel verschmilzt vier Dramen aus der Antike zu einer Familien-Polit-Saga. Mit Paul Herwig hat er einen Darsteller, der als Ödipus das gravitätische Zentrum dieser intensiven Inszenierung bildet. Die hängt, den schwächeren Vorlagen geschuldet, in der Mitte leicht durch, doch ist es insgesamt eine kluge, sauber strukturierte und treffend aktualisierte Interpretation der griechischen Tragödien. Ein großer Abend.

Jim Knopf (2+)

Hübsch-launiges Theater für Kinder und Erwachsene. Katja Lauken eignet sich den bekannten Stoff so kongenial an, dass es eine Freude ist. Besonderen Eindruck machen die wunderschön kostümierten Chinesen und der erst böse, dann liebenswerte Drache Frau Malzahn. Am Ende stimmt die Bühnenschar mit dem Publikum das Lummerland-Lied an. Schwungvoll, musikalisch, schön!

Irgendwo (3-)

Irgendwo begegnen sich fünf Breakdancer und vier zeitgenössische Tänzerinnen. Sie erschaffen Hindernisse, um sie zu überwinden, erbauen Höhen, um sie zu erklimmen, erfinden Wege, um sie zu erkunden. Zwischen HipHop und Walzer entspinnt sich ein mal flotter, mal zäher Bilderreigen mit staunenswerten akrobatischen Einlagen der jugendlichen Street-Artisten. Dennoch: zu viel Oberfläche, zu wenig Tiefe.

Der Sturm (3+)

David Bösch zerschnipselt Shakespeares gewaltiges Drama so lange, bis nur noch der Luftgeist Ariel und der missgebildete Caliban überbleiben. Nicola Mastroberardino und Florian Lange sind in diesen beiden Rollen die Säulen dieser von Bildern und Effekten überbordenden Inszenierung. Die ist streckenweise nett, aber am Ende nicht packend genug. Ein Abend mit Längen, aber mit tollen Schauspielern.

Candide (2)

Der Auftakt zur Spielzeit und Intendanz wurde vom genialischen Holländer Paul Koek und seiner Musikertruppe bestritten. Er bringt Voltaires Candide als dynamisches, bilderreiches Musiktheater auf die Bühne, lässt das Ensemble mächtig tanzen. Das wirkt manchmal maniriert, bemüht und sperrig, ist aber gleichzeitig ein faszinierendes Panoptikum der menschlichen Verfasstheit in der Moderne. Experiment gelungen.

Medea (2+)

Der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi übersetzt das antike Drama im Stil eines Tatort-Krimis in die Gegenwart. Jason ist ein im Ruhrgebiet lebender Grieche, Medea seine anatolische Ehefrau. Das ergibt zwei schöne Bühnenstunden, auch wenn die Inszenierung der Tiefe des Stoffes nicht gerecht wird. Großartig ist die minimalistische Bühne, großartig ist Nadja Robiné als Medea.

Transit (3)

Reto Fingers Adaption von Anna Seghers’ Exilanten-Roman: Anselm Weber fächert die ernste Geschichte ernsthaft auf, Spielraum für Brechungen, Lakonik, gar Witz lässt er kaum zu. So entwickelt sich in einer so trostlosen wie faszinierenden Kulisse des Untergangs ein ästhetisch interessanter, doch risikoloser Abend. Aber auch hier gilt: ganz große Schauspieler!

Peer Gynt (1)

Schockierend, lärmend, und doch von zärtlicher Innerlichkeit beseelt: Florian Lange ist in der Titelrolle eine Schau! Ibsens bekanntes Sinnsucher-Drama wird in der Inszenierung von Roger Vontobel lustvoll bis zum bitteren Ende ausgespielt. Die Schauspieler waten in Strömen von Farben, und am Ende sieht die Bühne aus wie ein Schlachtfeld. Also genau wie Peer Gynts gebeutelte Seele. Großartig!

Nathan (3+)

Regisseurin Lisa Nielebock nimmt Lessings großen Text sehr ernst, arbeitet sorgfältig an Sprache und Figuren und verzichtet auf überflüssige Effekte. Eindringliches Theater, gleichwohl scheint mancher Griff in die Regiekiste wenig plausibel. Trotzdem hält der Abend die Spannung über zwei Stunden.

Eisenstein (3)

Eine deutsche Familiengeschichte, erzählt von 1945 bis heute, von Christoph Nußbaumeder speziell für Bochum geschrieben. Die Suche nach Erlösung aus verwickelten Familienbanden dauert bei Anselm Weber 3,5 Stunden (zu) lang. Das Ensemble – u.a. mit Dietmar Bär und Maja Beckmann – überzeugt durch beinahe unterkühltes Spiel. Ein emotionales Drama, aber die Emotionalität der Figuren bleibt unterbelichtet.

Faust ( 4 +)

Der türkische Regisseur Mahir Günsiray fasst Goethes Faust 1 in 3:15 Stunden zusammen, was nur gelingt, indem er den gewaltigen Stoff in kleine und kleinste Partikel zertrümmert und diese mosaikhaft wieder zusammensetzt. So bleibt von der Story eigentlich nichts übrig, schon gar kein Heilsversprechen. In düsterer Kulisse verachtfacht sich Mephistopheles, treiben die Teufel mit dem taumelnden, suchenden Faust ihr Spiel. Eine rätselhafte Inszenierung, aus der man unschlüssig nach Hause geht.

Next Generation (ohne Wertung)

Was treibt Jugendliche von heute, die nächste Generation des Ruhrgebiets, um? Wovon träumen sie? Was mögen sie? Was erwarten sie? Das waren konkrete Fragen, die im Projekt Next Generation gestellt wurden. Regisseur Nuran David Calis hat die künstlerischen Ergebnisse dieser Zukunfslabore zu einer authentischen Bühnen-Collage verdichtet. Die Ruhrpott-Jugendlichen spielen sich selbst, und das mit Leidenschaft. Ein trubeliger, lauter Abend mit Street Dance, Rap und einer satten Portion Coolness.

Hikikomori (2)

Menschen, die den Kontakt zu ihren Mitmenschen komplett abbrechen, nennt man Hikikomori – ein Phänomen, das in Japan bis zu einer Million junger Leute betrifft. Krankheit oder Protest gegen die verqueren Erwartungen der Gesellschaft? Martina van Boxens dichte, beklemmende Inszenierung des Stücks von Holger Schober für das Junge Schauspielhaus gibt darauf keine Antwort. Weil es vielleicht gar keine mehr gibt.