Reise ins „Herz der Finsternis“ gerät zum Alptraum

Jürgen Boebers-Süßmann
Düsteres Zwiegespräch: Szenenfoto mit Matthias Hecht (re.) und Mark Tumba.
Düsteres Zwiegespräch: Szenenfoto mit Matthias Hecht (re.) und Mark Tumba.
Foto: Maren Leerhoff
Alexander Ritter gelingt im Theater Rottstraße 5 eine starke Bühnenaneignung von Joseph Conrads Kongo-Roman. Anklage gegen den Kolonialismus.

Bochum.  Joseph Conrads berühmtes Buch „Herz der Finsternis“ bringt das Theater Rottstraße 5 auf die Bühne. Regisseur Alexander Ritter inszeniert einen packenden Kopfkino-Abend, der es in sich hat.

Ausbeutung, Versklavung, Terror, Mord – „Herz der Finsternis“, erschienen 1899, ist eine Anklage gegen den europäischen Kolonialismus in Afrika, die nach wie vor betroffen macht. Joseph Conrad (alias Konrad Korzeniowski) brach damals für eine belgische Handelsgesellschaft in den kaum erschlossenen Kongo auf, entlang des gleichnamigen Flusses, „dieser faszinierenden langen Schlange“.

In den Kammern des Schreckens

„Alles, was dort geschieht, dient der Entwicklung des Territoriums und der Befreiung der Völker“, hatte man Korzenioswki versichert. Aber der Reisende, der es nicht nur mit organisatorischen Schwierigkeiten zu tun bekommt, sondern gegen seine Ängste ebenso ankämpfen muss wie gegen die kräftezehrende Gleichgültigkeit des Dschungels, erkennt schnell, dass es in Wahrheit um etwas anderes geht: Elfenbein. Also um Reichtum, Einfluss, Ausbeutung. Terror und Erniedrigung sind die Triebkräfte dieses rein ökonomischen Interesses; die „Boten des Lichts“ entpuppen sich als Schlächter.

Diffuse Raumstimmung

Conrads Buch ist berühmt für seine unwiderstehliche poetische Kraft, die das Furchtbare nicht von Außen her beschreibt, sondern einen verstörenden Blick in die Kammern des Schreckens zulässt. Ritter hält sich daran und plustert den Abend nicht zu einer plakativen Anklage gegen den Kolonialismus auf. Vielmehr vertraut er auf das Wort des Romans, füttert das eher statische Bühnengeschehen lediglich mit Lichteffekten, Songs & Sounds an, wodurch in der Theater-Katakombe unter den Bahngleisen eine verrätselte, diffuse Raumstimmung hervorgerufen wird, die eine ganz eigenen Magie entfaltet.

Präzises Spiel der Schauspieler

Um bei so einem reduzierten Konzept dennoch das Theaterherz schlagen zu hören, braucht es gute Schauspieler. „Herz der Finsternis“ hat sie. In Collagemanier mit wechselnden Rollen spielen, sprechen, leben, erdulden und erleiden Matthias Hecht und Mark Tumba den seelischen und körperlichen Untergang der Kongo-Fahrer und die Vergewaltigung der urtümlichen afrikanischen Kultur. Tumba mit indigenem Stolz, Hecht als (auch körperlicher) Koloss, der sich seiner Kraft anfangs so sicher ist und der sich nach und nach geradezu aufzulösen scheint, trumpfen mit präzisem Spiel auf.

Das Theater Rottstraße 5 hat schon manche starke Inszenierung gesehen, „Herz der Finsternis“ ist eine der stärksten!

Theater Rottstraße 5, „Herz der Finsternis“, Regie, Ausstattung und Video: Alexander Ritter, Musik: Manuel Loos, Szenische Beratung: Kristina Peters. Weitere Vorstellungen am 14. und 22.10. jeweils um 19.30 Uhr. Karten: 0163/ 761 50 71.