Professor der Ruhr-Uni erklärt Mathe mit Fischertechnik

Der Mann der Technik: Prof. Dr. Thomas Püttmann, Mathematiker an Ruhr-Universität.
Der Mann der Technik: Prof. Dr. Thomas Püttmann, Mathematiker an Ruhr-Universität.
Foto: FUNKE Foto Services / Olaf Ziegler
RUB-Professor Püttmann hat 16 Meilensteine der Technikgeschichte nachgebaut. 2000 Jahre Technikentwicklung zusammengefasst in einem Buch.

Bochum.. Thomas Püttmann (47) kann sehr anschaulich erklären, warum er Fischertechnik so gut findet. Er macht das im Vergleich mit Lego. „Fischertechnik fasst sich besser an“, sagt er und drückt dabei auf einem Modell herum, das er aus den eckigen, verschieden großen schwarzen, grauen und roten Steinen gebaut hat. „Es klingt auch besser. Bei Lego gibt es immer nur Klickgeräusche. Bei Fischertechnik ist der Ton satter.“ Und was vielleicht am wichtigsten für ihn ist: „Fischertechnik lässt sich gut durch Fremdmaterial erweitern.“ Mit Zahnstochern oder auch einer Fahrradklingel. So konnte er wesentlich einfacher 16 Meilensteine der Technikgeschichte mit Fischertechnik nachbauen.

360 Seiten Technik-Entwicklung

Zusammen mit dem Informatiker Dirk Fox hat der Professor für Mathematik an der Ruhr-Uni ein Buch daraus gemacht: Bauen, erleben, begreifen: Technikgeschichte mit Fischertechnik. 16 Meilensteine zum Nachbauen.

Dass es nach fast 40 Jahren erstmals wieder ein Fischertechnik-Buch gibt, zeigt nicht nur, was mit Fischertechnik möglich ist. Auf 360 Seiten stellen Püttmann und Fox 2000 Jahre Technikentwicklung, von der Frühzeit bis in das zwanzigste Jahrhundert, vor. „Wir stellen an 16 ausgewählten Meilensteinen herausragende technische Innovationen der Menschheit vor“, sagt Püttmann.

Also zum Beispiel den Flaschenzug, das Getriebe, das Differentialgetriebe oder den Telegraf aber auch das Radar oder den Hubschrauber. Alles haben die beiden mit Fischertechnik nachgebaut. Dazu gibt es im Buch (und ergänzend im Internet) umfangreiche Informationen zu den Entwicklern, den (ideen-)geschichtlichen Kontext und die technische Funktion der Meilensteine.

Dass es so lange mit der Veröffentlichung eines neuen Buches gedauert hat, zeigt aber eben auch, dass Fischertechnik in der Rangliste der beliebtesten Zusammenbau-Spielzeuge – immer schon und immer noch – weit hinter Lego angesiedelt ist. „Das war und ist ein Nieschenprodukt. Damit spielt nicht jeder. Bei Fischertechnik gibt es eben keine Star-Wars-Figuren“, sagt Püttmann. Besser geeignet, Modelle daraus zu bauen aber sei es eben doch. Zur Vermittlung von Themen der Mathematik, Technik und Naturwissenschaften entwickelt er gezielt Modelle. „Wenn möglich aus Fischertechnik. Und als echter Mathematiker optimiere ich meine Konstruktionen so lange, bis man keinen Stein mehr weglassen oder verschieben kann.“

Mathematik "mit allen Sinnen" näher bringen

So hat er längst die Idee für ein zweites Buch. Er möchte ein Buch über seine mathematischen Fischertechnik-Modelle schreiben und diese Modelle in den Mathematikunterricht an Schulen einbringen. „Einige Lehrer an Gymnasien in und um Bochum sind schon von der Idee begeistert und haben großes Interesse an einer Zusammenarbeit.“ Offensichtlich haben auch sie eine Fischertechnik-Vergangenheit. Ganz im Gegensatz zu den Studierenden, denen Püttmann anhand seiner speziellen Modelle die Mathematik „mit allen Sinnen“ näher bringen will.

„Es ist eben etwas anderes, wenn man eine Rechenmaschine nachbauen und dann anfassen kann“, sagt Püttmann. „Man versteht dann besser, was und wie der Erfinder gedacht hat. Konstruktives Denken ist wesentlich beim Problemlösen. Das fehlt den heutigen Studienanfängern und Schülern. Im historischen Zusammenhang werden konstruktive Prozesse nachvollziehbar und mit Fischertechnik begreifbar. Dadurch sollen abhandengekommene Kombinationsfähigkeit und Spielfreude wieder belebt werden.“

Spielzeug als Babysitter

Für Dirk Fox, den Co-Autor von Thomas Püttmann, war Fischertechnik in der Kindheit sein „wichtigstes Spielzeug. Dabei habe ich viele physikalische Grundlagen nebenbei gelernt, so dass ich später im Physikunterricht vieles intuitiv verstand, was zahlreichen Klassenkameraden Kopfzerbrechen bereitete, denn ich hatte eine mechanische Vorstellung davon. Ganz sicher hat mich die intensive Beschäftigung mit Fischertechnik zum Ingenieur gemacht“.

Die Studenten von Thomas Püttmann haben dagegen bis zum Besuch seiner Kurse noch nichts von Fischertechnik gehört. Seine vier Kinder wachsen damit auf. Sie hat er längst mit dem Fischertechnik-Virus infiziert. So wie er von seinem Vater.

„Er hatte einen der ersten Fischtechnik-Kästen, die es überhaupt gab. Ich durfte den mitnutzen und habe Mühlen gebaut und Fahrstühle.“ Seine vier Kinder sind da (noch) verspielter. „Ich habe Zwillinge, die sind dreieinhalb. Die bauen mit meiner 17-jährigen Tochter gerne Kugelbahnen. Oder sie nehmen einen vom mir gebauten Wagen, mit dem man Entfernungen messen kann. Alle 50 Zentimeter fällt da ein Metallstift in einen Auffangbehälter. Damit können sie sich zweieinhalb Stunden beschäftigen.“ Fischertechnik als Babysitter. Klingt auch gut.

 
 

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