Produktionswirtschaft hat in Bochum großes Potenzial

Auch die „alte Industrie“ hat noch Entwicklungspotenzial.
Auch die „alte Industrie“ hat noch Entwicklungspotenzial.
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Allen Krisenanzeichen zum Trotz, zeigt eine Prognos-Studie für die Bochumer Produktionswirtschaft Wachstums- und Innovations-Chancen auf.

Bochum.. Gesundheit, Wissenschaft und Dienstleistung. Das sind die Branchen, die nach zum Teil eindrucksvollem Wachstum in den vergangenen Jahren gemeinhin auch als Bochums Zukunftsbranchen gelten. Eine gerade fertig gestellte Studie des Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmens Prognos, die der WAZ in Teilen vorliegt, macht aber auch die Produktionswirtschaft als Wachstumsmotor aus. Sogenannte Cluster, räumlich konzen-trierte Unternehmen unterschiedlicher Branche, die zur gleichen Wertschöpfungskette gehören, spielen dabei eine große Rolle.

Zwar hat die Stadt mit der Werksschließung von Opel 3000 Industrie-Arbeitsplätze verloren und wird durch das Aus bei Outokumpu und bei Jahnel-Kestermann noch einmal um gut 300 Arbeitsplätze in diesem Bereich schrumpfen. Aber die von der Wirtschaftsförderung Bochum GmbH im Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Schluss, „dass die Produktionswirtschaft für den Wirtschaftsstandort Bochum weiterhin eine große Rolle spielt“ – allen Krisenanzeichen zum Trotz.

Von einem „wirtschaftlichen Innovationsmotor“ spricht Wirtschaftsförderer Ralf Meyer. Als Jobmotor hat sich der Leitmarkt Industrieller Kern und Unternehmerische Dienstleistungen bereits erwiesen. Der Wirtschaftsbericht Ruhr 2014 nennt ein Wachstum von 9526 Stellen (3,3 Prozent). 28 450 Beschäftigte und damit jeder Fünfte Arbeitnehmer waren 2012 in Bochum in der Produktionswirtschaft tätig.

4,7 Milliarden Euro Jahresumsatz

Der Umsatz von 4,7 Milliarden Euro entsprach einem Drittel des Gesamtumsatzes aller Unternehmen. Die Bruttowertschöpfung von 1,5 Milliarden Euro entspricht fast 20 Prozent der Gesamtwirtschaft. Und die Produktionsquote, der Anteil sozialversicherungspflichtig Beschäftigter in der Produktionswirtschaft im Verhältnis zu allen Beschäftigten, war mit 21,9 Prozent höher als in Dortmund (21,4), Essen (19,8) oder Gelsenkirchen (17,3). Aber: „Wir dürfen den Anschluss nicht verlieren, um konkurrenzfähig zu bleiben“, mahnt Wirtschaftsförderer Meyer.

Zusammenarbeit muss besser werden

Sie haben Statistiken durchforstet, Branchen und Unternehmen analysiert, haben 30 Interviews mit Wissenschaftlern und Unternehmen geführt und sie sind zu der Erkenntnis gekommen, „Bochum ist ein Standort mit vielen Weltmarktführern, die in ihren Spezialgebieten teilweise seit Jahrzehnten eine Spitzenposition einnehmen“, so Dr. Olaf Arndt, Vize-Direktor der Prognos AG und Co-Autor der Studie zur Produktionswirtschaft in Bochum. Eine der Stärken sei, dass die Hochtechnologie nicht nur in abgeschlossenen Forschungseinrichtungen, sondern auch in kleinen und mittleren Unternehmen zu finden ist.

Großer Handlungsdruck

Und doch stehe Bochum unter einem „großen Handlungsdruck“, da wertvolle Arbeitsplätze verloren gehen und die Wertschöpfung sinkt. So ging nach Angaben des Statistikdienstleisters IT.NRW der Umsatz allein im Bochumer Maschinenbau zwischen 2011 und 2013 um zwei Drittel zurück. Ein Alarmsignal.

Dennoch bieten sich Entwicklungschancen zu einem „funktionierenden Cluster“ durch einen „Verbund aus produzierenden Unternehmen, komplementären Dienstleistern und profilierten Forschungseinrichtungen“. Vor allem drei Felder bieten großes Potenzial: Smart Productions (Industrie 4.0 mit IT-Sicherheit, Automatisierung etc.), Hochleistungswerkstoffe und Antriebstechnologie. Weitere vielversprechende Themenfelder seien Bergbautechnologie/Nachbergbau und Geothermie.

Bochums Hochschulen spielen dabei eine große Rolle. „Allerdings werden bestehende Kompetenzbereiche der Forschung bisher für die regionale Produktionswirtschaft nicht immer ausreichend genutzt“, heißt es in der Studie; obwohl es international führende Einrichtungen wie das Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit oder das Institut für Werkstoffe an der Ruhr-Uni gibt. Es fehle an Anreizen für Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Das Resultat: Bei den High-Tech-Gründungen belegte der IHK-Bezirk Mittleres Ruhrgebiet im Bundesvergleich nur Platz 57 unter 80 Standorten (2011).

Den Austausch zwischen Hochschule und Wirtschaft zu verbessern, ist daher eine der wesentlichen Voraussetzungen, um aus technische Innovationen Umsätze und Arbeitsplätze zu generieren. Wirtschaftsförderer Ralf Meyer sieht Bochum auf einem guten Weg, diesen Mangel zu beheben. Mit dem neu geschaffenen Institut für Technologie „schaffen wir gerade mit regionaler Industrie und Hochschulen gemeinsam eine Einrichtung, die genau dieses Problem angeht.“ Auf diese Weise sollen mehr Fördermittel eingeworben und „wissenschaftliches Know-How in regionale Wertschöpfung umgewandelt werden“. Eine Untersuchung des Institut für Mittelstandsforschung hat ergeben, „dass insbesondere Forschungsanreize und die erfolgreiche Vermarktung eigener Forschungsergebnisse“ sowie Netzwerke und Infrastrukturangebote „gründungsfördernd wirken“.

Unterentwickelt ist aber nicht nur der Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, „die Anzahl der Gründungen wie auch Antragserfolge für Förderprogramm sind klar identifizierte Schwachpunkte“. Auch die Zusammenarbeit zwischen kleinen und mittelständischen Firmen muss besser werden.

Wie dringend notwendig das ist, hat Arndt Kirchhoff, erfolgreicher Unternehmer und Präsident des Verbandes der Metall- und Elektro-Industrie NRW, beim IHK-Jahresempfang im Februar deutlich gemacht. „Das Zusammenarbeiten zwischen Unternehmen ist noch nicht so populär, aber es muss stattfinden. Sie müssen“, so Kirchhoff zu seinen Unternehmen-Kollegen, „Vernetzung stattfinden lassen zwischen den Produkten und zwischen unterschiedlichen Unternehmen.“

Vernetzung zulassen

Ähnlich sieht es die Studie. Die Zukunft der Produktionswirtschaft mit ihren zahlreichen innovativen Unternehmen liege im „Verbund von Industrie und Dienstleistung, ergänzt durch Forschung und Entwicklung“. Außerdem müsse das Ruhrgebiet auf dem internationalen Markt sichtbarer werden. Nach Auskunft der Wirtschaftsförderung Bochum bereitet der Regionalverband Ruhr daher momentan eine Werbe-Kampagne für das gesamte Ruhrgebiet vor.

Forscher mit Unternehmergeist

Der Preis kam mit der Post. Und er hat Danijel Borosa beinahe umgehauen. „Ich musste mich erst einmal setzen“, sagt der 31-Jährige. Dass er eine vielversprechende Innovation auf den Weg gebracht hat, das ist ihm schon klar gewesen. Aber nur ein Jahr, nachdem ihm das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ein Gründerstipendium bewilligt hat, auf der Hannover-Messe als Träger des Industriepreises 2015 in der Kategorie Forschung und Entwicklung zu stehen und damit an der Seite von Konzernen wie Daimler oder anderen etablierten Unternehmen, hat auch den gebürtigen Duisburger verblüfft. Wofür andere Jahre brauchen und mitunter Millionen Euro ausgeben, haben er und sein Geschäftspartner Charles Rizk geradezu im Handumdrehen geschafft.

Nutzbringend kann ihr Gerät etwa in der Medizin sein, um die Herstellung und Wirkungsweise von Medikamenten zu verbessern oder gar neue Medikamente zu entwickeln. Bei der akustischen Levitation werden mit einem Lautsprecher starke Ultraschallwellen erzeugt und reflektiert. Der richtige Abstand zwischen Lautsprecher und Reflektor ist entscheidend, um im freien Raum dazwischen Proben zum Schweben zu bringen. Ganz neu ist das Verfahren nicht. Neu ist aber das Gerät, seine kostengünstige Nutzung und die Software.

Mit ihrem Start-up-Unternehmen Borosa Acoustic Levitation hoffen die beiden Wissenschaftler der Ruhr-Universität nun auch auf ökonomischen Erfolg. Im Juni werden sie auf der Achema in Frankfurt, der Internationalen Leitmesse der Prozessindustrie, erstmals ihr prämiertes Produkt zeigen. „Und dann hoffen wir natürlich auf Bestellungen.“

200 000 Euro für ein Gerät

Etwa 200 000 Euro wird das Gerät kosten. Viel Geld für einen zwar schick anmutenden, aber vergleichsweise kleinen Kasten. Doch der hat es in sich. Mit ihm lassen sich Stoffe unter kontaktfreien Bedingungen – sozusagen frei schwebend – und vor allem bei unterschiedlichen Drücken untersuchen. Schwerelosigkeit lässt sich damit simulieren, was den unschätzbaren Vorteil mit sich bringt, auf einen Flug ins All verzichten zu können.

Und nicht nur das. Während bei bisherigen Untersuchungsmethoden große Mengen verbraucht werden, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, reicht Danijel Borosa ein einziger Tropfen. Bei Produktionskosten für Proteine oder Hormone im fünf- oder sechsstelligen Bereich pro Liter, ist das ein immenser Wettbewerbsvorteil. Dazu kommt eine beinahe selbsterklärende Touchscreen-Bedienung und eine Software, die Borosa und Rizk von einem Start-Up in Süddeutschland haben schreiben lassen.

Die beiden Forscher mit Unternehmergeist wollen nun in einem nächsten Schritt ihre Firma, die bislang nur aus zwei Personen besteht – den Inhabern – richtig aufbauen. Am liebsten in Bochum. Denn: „Bochum soll etwas zurück bekommen“, sagt Danijel Borosa.

„Gründungsförderung ist eine immense Hilfe“

Wenn sie gewusst hätten, worauf sie sich einlassen, hätten sie es vielleicht nie getan. Selbstständigkeit kennt viele Tücken und Hindernisse. Am größten, so Charles Rizk, sind die der DIN-Normen und der Bürokratie. Mit beidem zurecht zu kommen, koste viel Kraft.

Es bindet zudem Zeit und Geld – und davon haben Jungunternehmer nie genug. „Wir sind nicht anspruchsvoll und müssen keinen Mercedes fahren“ so Rizk. Aber ohne das Gründerstipendium hätten sie den Schritt zum Unternehmen schwerlich gehen können. „Das ist eine immense Hilfe“, so Danijel Borosa. Zumal die Bearbeitung des Antrags beim Ministerium zügig voran ging und ihr Antrag schon nach drei Monaten bewilligt wurde.

66 000 Euro haben die beiden erhalten für ein Jahr, inklusive 17 000 Euro für Material. Das ist nicht viel. Schon gar nicht, wenn teure Geräte und Materialien angeschafft werden müssen Rizk: „Wir haben auch eigenes Geld investiert.“

Aber Geld allein reicht ohnehin nicht, damit Wissenschaftler ihren Elfenbeinturm verlassen, ihr Glück in der Wirtschaft versuchen und damit das tun, was nach Einschätzung der Experten in Bochum noch deutlich unterentwickelt ist. Der Campus in Bochum biete für diesen Schritt zwar gute Voraussetzungen. „Aber trotzdem fällt der Übergang vielen schwer“, sagt Charles Rizk.

Drei Studiengänge abgeschlossen

Ihm und seinem Kompagnon nicht, was sie auf ihren Hintergrund zurückführen. Rizk (34) kommt aus dem Libanon, 2001 kam er mit einem Stipendium nach Aachen, schloss dort Studiengänge der Biomedizintechnik und der Physik ab, studierte danach Maschinenbau an der Ruhr-Uni und arbeitet nun an seiner Doktorarbeit. Danijel Borosa hat bereits seinen Doktortitel, nachdem er ebenfalls an der Ruhr-Uni Umwelttechnik und Ressourcenmanagement studiert hat. Geboren ist er in Duisburg, seine Eltern kommen aus Kroatien. „Ich bin ein Arbeiterkind“, sagt der 31-Jährige.

Die Sicherheit, einen Abteilungsleiterposten in einem Konzern anzutreten und 60, 70 Wochenstunden gegen ein festes Entgelt zu arbeiten, reizt sie nicht; die eigenen Ideen zu realisieren und für die eigene Tasche zu arbeiten, dagegen schon.

Drei Fragen an: Dr. Olaf Arndt (Prognos AG)

1 Wie schätzen Sie das Potenzial der Produktionswirtschaft in Bochum ein?

Bochum bringt gute Voraussetzungen für einen zukunftsfähigen, modernen Produktionsstandort mit – durch hohe Qualität und Vielzahl der Forschungseinrichtungen sowie Know-How und spezialisierte Unternehmen in wichtigen Wachstumsmärkten. Dies ist eine hervorragende Basis.

2 Ihre Studie spricht von Chancen kleiner, spezialisierter Ausgründungen. Schafft das genügend neue Arbeitsplätze?

Das Beschäftigungswachstum aus dem Bestand heraus bleibt ja unbenommen – allein dadurch sind einige Hundert zusätzliche Arbeitsplätze möglich. Es muss künftig darum gehen, die vorhandenen Kompetenzen der Bochumer Hochschulen noch stärker in Wachstumsimpulse für die regionale Produktionswirtschaft zu überführen.

3 Was empfehlen Sie der Wirtschaftsförderung?

Die Bedeutung von Vernetzung und Kooperation wird zunehmen. Daher ist es wichtig, solche Vernetzungsangebote zu schaffen, die Firmen und Forschung gezielt zusammenführen. Es sollten Förderangebote für Gründungen entwickelt werden. Und viel Potenzial liegt in der Standortvermarktung.

Drei Fragen an: Ralf Meyer (Wirtschaftsförderung Bochum)

1 Wie können Sie den Wunsch der Unternehmen nach einer Dialog-Plattform befriedigen?

Wir sehen verschiedene Veranstaltungs-Formate vor. Ein erster Baustein war die „Themenwerkstatt Produktion der Zukunft“.

2 Wie erfüllen Sie den Wunsch nach Markenbildung?

Mit der Marke Bochum sind wir dabei, ein Markenzeichen für die Stadt zu formen. Sie bildet alle Facetten der Stadt ab – auch den Wirtschaftsstandort und die Bochumer Kompetenzen in der Produktionswirtschaft aus. Das Ziel heißt: Eine starke Stadtmarke, von der auch die Wirtschaft profitiert.

3 Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Studie?

Grundsätzlich bestärkt sie uns in unserer bisherigen Einschätzung. Die Kooperation von Hochschulen und Unternehmen ist die Keimzelle für eine nachhaltige Entwicklung. Und es muss gelingen, die Vernetzung der Firmen untereinander weiter voranzubringen, da dies in Zukunft einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für kleine und mittlere Unternehmen ist.

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