Wohnprojekt vereint Generationen

Familie Buresch mit Großeltern, Kindern und Enkelkindern hat das Wohnprojekt  seit den 80er-Jahren mitgeprägt. Im Bild zu sehen sind (v. li.): Milo, Erich Buresch, Max, Anna Gülker-Buresch, Angelika, Alice und Sina Buresch.
Familie Buresch mit Großeltern, Kindern und Enkelkindern hat das Wohnprojekt seit den 80er-Jahren mitgeprägt. Im Bild zu sehen sind (v. li.): Milo, Erich Buresch, Max, Anna Gülker-Buresch, Angelika, Alice und Sina Buresch.
Foto: FUNKE Foto Services / Olaf Ziegler
Seit den 1980er-Jahren dient ein ehemaliges Zwangsarbeiterlager der alternativen Lebenskultur. Genossenschaftliche Gemeinschaft lädt zum Sommerfest ein.

Gerthe. Zwei Ziegelbauten überragen acht eingeschossige Wohnhäuser. Zwischen der ehemaligen Waschkaue und dem Schalthaus verweilen die Bewohner und Gäste. Kuchen soweit das Auge reicht, die Showbühne verspricht Musik. Dahinter säumen Wiesen und Blumen die Wege. Kinder tollen umher. Das Wohnprojekt Gerthe lädt ein zum wunderbaren Sommerfest.

Ein tiefer Blick in die Geschichte dieses dörflichen Denkmals auf dem Gelände der Zeche Lothringen III ist erstaunlich. Es handelt sich um ein ehemaliges, etwa 1940 errichtetes, Zwangsarbeiterlager, das später der Unterbringung von Bergwerkslehrlingen und Gastarbeitern diente.

Anfang der 1980er-Jahre bot die Eschweiler Bergwerksverein AG die Gebäude per Anzeige zu Vermietung an. Günstiger Wohnraum war rar und so griffen Studenten und der Asta der Ruhr-Universität zu. Im Mai 1983 fingen die Studenten an, die Wohngebäude zu renovieren. „Ursprünglich waren das hier vor allem Wohngemeinschaften mit insgesamt 70 Studenten und zwei Kindern . Heute hat sich das Projekt in Familienstrukturen entwickelt, es gibt aber auch Singlewohnungen“, berichtet Frank Stypers, eines von fünf Gründungsmitgliedern, die bis heute im Wohnprojekt leben.

In den Anfängen wurde es gefördert und gesponsert. „Doch möglich war die Finanzierung nur durch den hohen Selbsthilfeeinsatz des Vereins“, heißt es in der Chronik. Bereits nach acht Jahren waren alle Kredite und Darlehen aus den Mieteinnahmen getilgt.

Der gemeinschaftliche Geist des Projekts, eine basisdemokratische Selbstverwaltung, weht bis heute durch die Häuser und Gärten. Seit 2004 ist das Projekt selbst Besitzer der Gebäude und als Wohnungsgenossenschaft organisiert. „Jeder verpflichtet sich zur Selbsthilfe und Eigenleistung“, so Stypers.

An Interessenten mangelt es nicht, die Warteliste ist lang. Heute denkt der 56-Jährige darüber nach, wie hier ein Mehrgenerationen-Modell auch jenseits des Rentenalters möglich sein wird. „Die Wohnungen sind barrierefrei und variabel. Probleme lassen sich in der Gemeinschaft oft sinnvoller lösen“, sagt Frank Stypers.

Mittlerweile leben Familien in dritter Generation zusammen. Anna Gülker-Buresch wuchs einst mit ihren studierenden Eltern und zwei Schwestern hier auf. Die 33-Jährige, die nun selbst zwei Söhne hat, weiß Mutter und Schwester in direkter Nachbarschaft. „Damals gab es noch nicht viele Kinder hier. Wir haben mit den Kindern aus dem Asylantenheim gespielt, wir haben selbst Brot gebacken. Es war eine idyllische Kindheit. Heute weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist.“

Mutter Angelika Buresch erinnert sich auch an dunkle Zeiten. In den 1990er-Jahren hielt die Entwicklungsgesellschaft Ruhr das Gelände wegen einer Bodenbelastung mit Industriegiften für unbewohnbar. Dem Wohnprojekt drohte der Abriss. Dann kam die Obere Denkmalbehörde ins Spiel und die Erkenntnis, dass die Häuser einst ein NS-Zwangsarbeiterlager gewesen sind. Die böse Wahrheit war jetzt ein Vorteil. „Der Boden wurde 60 Zentimeter abgetragen und fast 500 Bäume fielen. Das war eine schlimme Zeit“, so die 59-Jährige. Heute blüht und grünt es wieder allerorten. Doch bleibt die NS-Vergangenheit ein Teil des Projekts. Im Schalthaus richteten die Bewohner ein kleines Museum ein. Und beim Sommerfest findet neben kunterbuntem Trubel und Heiterkeit eine Führung über die unheilvolle Geschichte statt.

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