Für jemanden da sein können

harlotte Daupel (links) und Renate Heera lieben es, die Zeit gemeinsam zu verbringen, z.B. beim Spaziergang.
harlotte Daupel (links) und Renate Heera lieben es, die Zeit gemeinsam zu verbringen, z.B. beim Spaziergang.
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Das Grummer Pilotprojekt „Zuhause alt werden“ bringt Ehrenamtliche mit Senioren im Stadtteil zusammen. Beide Seiten partizipieren

Grumme. Bei beiden Frauen war die Sympathie von Anfang an da. Charlotte Vaupel (88) und Renate Heera (75) gehören zu den ersten „Paaren“, die vor fast zwei Jahren durch das Projekt „Zu Hause alt werden“ zusammenfanden: „Heute sind wir Freundinnen“, sagt Charlotte Vaupel. Sie erzählt: „Vor drei Jahren habe ich meinen Mann verloren, die Kinder wohnen nicht in Bochum. Ich suchte Kontakt, als ich von der Aktion las.“

Die Idee des Projektes in Grumme: Senioren im Stadtteil werden mit Ehrenamtlichen zusammengebracht, die die gleichen Interessen teilen. Wer etwa Hilfe beim Einkaufen braucht oder frisch aus dem Krankenhaus kommt, kann trotzdem „Zuhause alt werden“. Die Begegnungen sollen beiden Seiten etwas geben. Daniela Risse: „Wir sind kein sozialer Lieferdienst, sondern die Schnittstelle vor der Pflege, eher eine Nachbarschaftshilfe.“

Fragt man die beiden Frauen Vaupel und Heera, geraten sie ins Schwärmen: „Die Treffen mit Renate Heera sind eine Bereicherung. Im Alter wird der Freundeskreis immer kleiner“, sagt die Ältere. Die Jüngere weiß die Intelligenz der Freundin zu schätzen: „Ich kann von ihr sehr viel lernen.“ Zweimal pro Woche treffen sie sich; gehen bei schönem Wetter spazieren, sonst machen sie Spiele und unterhalten sich. Beide betonen, wie sehr sie sich jedes Mal auf die Treffen freuen, dass jede von ihnen gut zuhören könne: „Zu wissen, da ist jemand, verlässlich und freundlich.“

Hans-Peter Kleffmann ist mittwochs zur Stelle: Er ruft die zu Betreuenden an, erkundigt sich nach ihrem Befinden, ihren Bedürfnissen; ein Service in Ergänzung zur regelmäßigen Begleitung. Er macht das gern: „Ich habe früher auch bei anderen Einrichtungen freiwillig geholfen. Doch nirgends ist es für Ehrenamtliche so angenehm wie hier.“

Rainer Koch kümmert sich um zwei ältere Menschen in Grumme. Für eine Frau geht er einmal pro Woche einkaufen; mit einem älteren Mann, der selbst ehrenamtlich im Krankenhaus tätig ist, hat er sich zusammen getan, für den Fall, dass dieser einmal erkranken sollte. „Wir treffen uns auf einen Kaffee und quatschen. Mir ist die Wertschätzung so wichtig. Die Leute freuen sich, wenn ich komme.“

Seit fast einem Jahr besucht Marc Scheffler (40) die lebensbejahende Rentnerin Maria Bomm (84). Weil sie nicht mehr gut sehen kann, hilft er ihr bei Einkäufen. In erster Linie aber steht für beide die Kommunikation ganz vorn: „Ich bin alleine, hier die Wohnanlage ist ziemlich anonym. Die Gespräche mit ihm tun mir gut, genauso wie das Menschliche“, versichert Maria Bomm. Und Marc Scheffler argumentiert: „Ich bin froh, für jemanden da sein zu können. Das gibt mir einen Sinn im Leben. Ich werde nach meiner Meinung gefragt, das tut mir gut.“ Er ist Schichtarbeiter bei Thyssen-Krupp, was seinen ehrenamtlichen Einsatz auf einmal pro Woche begrenzt. Doch verzichten mag er auf keinen Fall: „Ich kann solch’ einen Einsatz anderen nur empfehlen.“

Chemie muss stimmen zwischen den Partnern

Das Projekt „Zu Hause alt werden“, verortet am Stadtteilladen Grumme, fand beim Bundesministerium für Familie und Senioren Anklang, so dass es als Pilot für drei Jahre gefördert wird. Beteiligt sind auch der Bürgerverein Grumme, die evangelische Kirchengemeinde, das Augusta-Krankenhaus und die Wohnungsgesellschaft VBW. Mit dem Geld wird die Sozialpädagogin Daniela Risse als einzige Hauptamtliche finanziert.

Zum Jahresende läuft es aus, eine Weiterförderung ist nicht vorgesehen. Daniela Risse ist dennoch zuversichtlich, 2015 weiterhin einen Job zu haben: „Es gibt den demographischen Wandel; die meisten haben die Zeichen der Zeit erkannt. Wir stoßen mit unserem Projekt in eine Nische dank der Philosophie, gemeinsam etwas zu schaffen. Es ist eine Antwort auf die Frage, wie wir in Zukunft im Alter leben wollen.“ Sie geht davon aus, dass der Bedarf für eine Zukunft des Projektes gesehen wird; eine Anschlussfinanzierung könnte dann indes nicht mehr über den Bund, sondern etwa über Stiftungen erfolgen.

Zurzeit gibt es 14 Paare; 19 Ehrenamtliche sind im Einsatz. Weitere sechs warten darauf, einen älteren Menschen betreuen zu können, während auf der Seite der Senioren die Liste nur einen Namen enthält. Meldet sich jemand neu, fragt Daniela Risse Bedürfnisse und Wünsche ab, um verschiedene Persönlichkeiten zusammen zu bringen: Die Chemie muss stimmen. Bei jeder ersten Begegnung ist sie dabei: „Ich spüre beim Kennenlernen, ob’s zwischen beiden Seiten hinhaut, ob sie etwa zusammen lachen können.“

Inzwischen gibt es das Projekt nicht nur in Grumme, sondern auch in der Innenstadt. Anlaufstelle ist das Café an der Pauluskirche, mittwochs von 14.30 und 16.30 Uhr (Telefon 0234-5844351). Es ist geplant, das Angebot auch auf Stahlhausen auszudehnen, wo es eigentlich in diesem Jahr starten sollte. Doch weil sich die Fertigstellung des multikulturellen Stadtteilzentrums an der Friedenskirche verzögert, wurde auch der Start verschoben

 
 

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