Nachtstudium mit Suppe und Yoga

Daniel Schnaithmann arbeitet während der "langen Nacht gegen aufgeschobene Hausarbeiten" an seinen Uni-Aufgaben.
Daniel Schnaithmann arbeitet während der "langen Nacht gegen aufgeschobene Hausarbeiten" an seinen Uni-Aufgaben.
Foto: WAZ
Bei der langen Nacht der Hausarbeiten gab es keine Ausreden mehr: Rund 30 Studenten werkelten die Nacht hindurch an ihren liegengebliebenen und aufgeschobenen Schriftstücken.

Da sitzen sie, denken und tippen. Einige verkrampft, andere gelöst und gedankenfrei, das sieht man in ihren Gesichtern, die in Richtung ihrer Laptop-Bildschirme gewandt sind. Alle in dem Raum, in dem eine meditative Ruhe herrscht, sind so konzentriert, dass sie mit ihren bloßen Gedanken Löffel verbiegen könnten.

Es ist spät geworden. Rund 30 Studenten aller Fachrichtungen nehmen teil an der „langen Nacht gegen aufgeschobene Hausarbeiten“ im Euro-Eck am Unicenter. Die WAZ war dabei. Wie sie einen hypnotischen Rhythmus in ihre Tastaturen klopfen oder grimmig Löcher in die Bücher stieren. Das Angebot des Schreibzentrums der Ruhr-Universität ist für viele von ihnen eine der letzten Gelegenheiten, den Berg aus Arbeit, der vor Semesterschluss Ende März erledigt sein muss, Zeile für Zeile abzutragen. Die Mitarbeiter der Schreibwerkstatt helfen den Studierenden dabei, Blockaden zu beseitigen und einen Abschluss, oder überhaupt erstmal einen Anfang, zu finden und der „Aufschieberitis“ Einhalt zu gebieten.

Daniel Schnaithmann, Student aus Essen, ist spät dran mit seinem Unikram. Sein kreativer Atem ist aber lang genug, um einen Endspurt einzulegen. Der 25-Jährige gehört zu denjenigen, die jeden Gedanken fix im Textprogramm manifestieren können anstatt erst einen finden zu müssen. „Nachts kann ich besser lernen und bin kreativer“, erzählt er, während er sich um 23.30 Uhr im Aufenthaltsraum eine Pause und einen Kaffee gönnt. „Außerdem muss ich tagsüber oft arbeiten. Da ich viele Hausaufgaben abarbeiten muss, habe ich die Möglichkeit wahrgenommen.“

Weder Massage noch Kaffee hat geholfen

Maike Wiethoff, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schreibzentrum, berät derweil eine Studentin, die sich „verrannt“ hat. Auch die Yogaübungen oder die Massage, der Kaffee oder die Suppe, die jedem der Schreibenden angeboten werden, haben ihr nicht geholfen. „Ich habe das Gefühl, dass ich mich nach der ersten halben Seite wiederhole“, beschreibt sie. Der nächste Tag bricht an. Ein Beamer wirft die Tagesschau kurz nach Mitternacht an eine Leinwand, gezeigt wird ein Beitrag über die Bochumer Aktion, das Medieninteresse an diesem Abend ist groß. „Hast du schon mal versucht, jede Seite einzeln zu strukturieren“, fragt Wiethoff. Mit diesem Ratschlag verschwindet die angehende Kunsthistorikerin zurück in den Schreibraum eine Etage höher.

Um drei Uhr geht es für einen Teil bei Nieselregen schließlich zu einem Nachtspaziergang auf den Campus, zu einer Schnitzeljagd nach der nächsten Idee für die Hausarbeit. Obwohl der kräftige Wind der Gruppe viel Sauerstoff um die Ohren bläst, können einige der zehn Flaneure das Gähnen nicht unterdrücken.

Energie - eher die Ausnahme

Daniel Schnaithmann bleibt auf seinem Platz und ist so vertieft in seine Arbeit, dass er das Kommen und Gehen kaum bemerkt. „Ich war gerade so gut drin im Schreibfluss, da brauche ich keinen Spaziergang“, sagt er und tippt mit einer beneidenswert schnellen Zehnfingertechnik weiter. „Ich bin momentan voller Energie“, versichert Schnaithmann. Damit ist er wohl eher eine Ausnahme.

Die Gruppe ist um die Hälfte geschrumpft, als um fünf Uhr das Frühstück serviert wird. „Ich hätte nicht gedacht, dass um diese Uhrzeit noch so viele Leute da sein werden“, verrät Schreibzentrum-Mitarbeiter Benny Slowig. „Uns bleibt ja nichts anderes übrig“, sagt eine Studentin mit einem angespannten Lächeln. Zwei Stunden bleiben ihnen noch für Fortschritte. Die wachen, konzentrierten Blicke vom Vorabend sind weich geworden. Die Sonne geht so langsam auf. Die Augen aber, die gehen immer weiter zu.

 

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