Museum zwischen Sado-Maso-Club und Autobahn

Der sehr ungewöhnliche  Ausstellungsort Museum Berggate 69 ist eröffnet.
Der sehr ungewöhnliche Ausstellungsort Museum Berggate 69 ist eröffnet.
Foto: Dietmar Wäsche / WAZ-Fotopool
Das temporäre Museum Berggate 69 befindet sich zwischen A40, Tanzverein und Sado-Maso-Sexclub. Hier an diesem Ort empfing Inge Baecker einst die Fluxus-Avantgarde . Jetzt gehört die Doku-Schau zum Projekt „B1/A40 - die Schönheit der großen Straße“

Bochum.. Es gibt Orte, die kann es gar nicht geben. Berggate 69 ist eine Adresse eines solchen Ortes. Ein multifunktionales, nicht-repräsentatives Gebäude, wenige Meter neben der A40. Darin u.a. ein Sadomaso-Sexclub namens „Das Stahlwerk“ und ein netter Tanzverein. Und seit kurzem ein Museum. Das Museum „Berggate 69“ gehört zum Projekt „B1/A40 - Die Schönheit der großen Straße“. Projektkurator Markus Ambach stieß erst bei der Recherche darauf, dass hier Kunstgeschichte geschrieben wurde.

Weltelite der Fluxus-Kunst

„Erst als der Hausmeister mir ein Porträt von Allan Kaprow zeigte, merkte ich, was hier los war“, so der Kurator. Hatte hier an der Berggate doch Inge Baecker ihre Galerie, in der Anfang der 1970er Jahre die gesamte Weltelite der Fluxus-Kunst ein- und ausging. Zu Gast waren nicht nur der Erfinder des Happenings in den USA Allan Kaprow, sondern auch Künstler wie Nam June Paik, Wolf Vostell, Mauricio Kagel, Harald Szeemann und Geoffrey Hendricks.

Direkt hier an der B1 kam Kaprow etwa der Gedanke zum Reifenturm, der im Ruhr-Park anlässlich der dortigen, mit dem Museum gemeinsam organisierten Kunst-Wochen entstand – und im Verlaufe eines Raubzuges bei Karstadt von den Dieben zur Ablenkung angezündet wurde und verbrannte. Andy Warhol und Richard Hamilton gehörten zu denen, die eine Neuaufbau forderten, erinnerte sich Inge Baecker anlässlich des Gesprächs zur Eröffnung des temporären Museums.

„Lippenstiftbomber“ von Vostell ging an Hans Schalla

Im Souterrain sind jetzt Exponate aufgebaut, die einerseits die Geschichte der Galerie von Baecker dokumentieren (zu großen Teilen Exponate, die Teil der Schau „Inge Baecker- Bochum“ vor zwei Jahren im Kunstmuseum waren), zum anderen auch Objekte, die den Status des Hauses heute zeigen. Etwa Fotos (Stephan Schneider) der Tänzer in den Räumen des Sex-Studios. Eine ungewöhnliche Nachbarschaft, doch eine freundliche.

[kein Linktext vorhanden] Im Gespräch erinnert sich die immer noch aktive 70-jährige an die Anfänge in Bochum. Ihr allererster Käufer sei dabei der damalige Schauspielhaus-Intendant Hans Schalla gewesen. Der habe für 1000 D-Mark die Grafik „Lippenstiftbomber“ von Wolf Vostell gekauft – „letztens für 50 000 Euro“ verkauft worden, so Baecker lakonisch.

Künstler genossen die neugier im Ruhrgebiet

Die legendäre Galerie musste aber dennoch umziehen, zunächst in die Nähe des Museums, dann ins Rheinland. „Ich hätte in Bochum nicht mehr überleben können“, so die Max-Imdahl-Schülerin Baecker. Das schöne, interessante und so unwahrscheinliche Museum erzählt eines besonders: Es war kein Kreativviertel, das den inneren Kreis der Avantgarde einer für die Weltkunst maßgeblichen Bewegung nach Bochum holte. Es waren die Orte, und es war die damals hier massiv vorhandene Neugier der Menschen, die diese Künstler so genossen.

EURE FAVORITEN