Moslems essen bei Mondenschein

Nach dem Essen treffen sich die Moslems im Gebetsraum. Erasmus- und Theologie-Student Mustafa Topsir (21) darf als Vorbeter agieren.
Nach dem Essen treffen sich die Moslems im Gebetsraum. Erasmus- und Theologie-Student Mustafa Topsir (21) darf als Vorbeter agieren.
Foto: WAZ FotoPool
Seit dem 28. Juni verzichten muslimische Menschen auf Essen,Trinken, Rauchen und Sexualität. Wenn die Sonne untergeht, brechen viele Studenten ihr Fasten in der Merkez-Moschee. „Millionen von Menschen hungern. Das zu verstehen und zu fühlen, das ist der Sinn des Fastens“, sagt Mobashwen Hassan Saad.

Bochum.. Der Duft geschmorten Lammfleischs und türkischer Rindfleischfrikadellen zieht bis auf den Hof der Merkez-Moschee an der Schmidtstraße. 30 Tage lang kocht Ismail Şahin hier in der Küche der türkisch-islamischen Gemeinde DITIP für rund 130 Moslems täglich ein warmes Essen. „Es gibt jeden Tag etwas anderes“, sagt der 69-Jährige, der sein Handwerk in einem Restaurant am Schwarzen Meer gelernt hat, bevor er vor 44 Jahren als Gastarbeiter nach Bochum kam.

Die Gäste sind sehr hungrig, haben sie doch seit Anbeginn der Morgendämmerung um 3.59 Uhr weder gegessen noch getrunken. Um Punkt 21.48 Uhr dürfen sie ihre Bedürfnisse stillen, genau dann geht die Sonne an diesem Abend unter. Der tagesabhängige Zeitpunkt ist jedem hier präsent und taucht sogar in einer Ramadan-App auf dem Smartphone auf.

Lernen für das Leben

In der ebenerdigen Halle am Hof sitzen viele muslimische Studenten, alles Männer, die hier in der Bochumer Innenstadt das Fasten gemeinsam brechen und beten möchten. Mobashwen Hassan Saad stammt aus Dhaka in Bangladesch. Das erste Mal habe er mit sieben Jahren gefastet, allerdings nur für fünf Tage, berichtet er. Seit er zwölf ist fastet er den kompletten Ramadan. „Millionen von Menschen hungern. Das zu verstehen und zu fühlen, das ist der Sinn des Fastens“, sagt der 26-Jährige, der an der Technischen Universität Dortmund studiert. Saad kommt jeden Tag in die Merkez-Moschee nach Bochum.

Mustafa Golem stammt auch aus Bangladesch. Er begreift die Fastenzeit der Moslems als Lebensschule: „Alles, was wir hier in dem einen Monat lernen, können wir die restlichen elf Monate umsetzen. Es ist ein Prozess, in dem wir Solidarität mit unseren Brüdern, Disziplin und ein harmonisches Beisammensein, unabhängig von Herkunft oder Beruf, lernen“, erläutert der Student.

Viel Zeit zum Essen bleibt nicht

Viel Zeit zum Essen bleibt erst einmal nicht, denn gegen 22.15 ruft der Imam zum Abendgebet auf. Der Gebetsraum der Merkez-Moschee ist an den Wänden mit türkischen Fliesen gekachelt, der Boden mit weichem Teppich ausgelegt. Der Vorbeter, den heute ausnahmsweise ein Erasmus-Student geben darf, steht in der Gebetsnische, die Männer in geraden Reihen vor ihm. Gemeinsam knien sie sich hin, führen ihren Kopf gen Boden und stehen gemeinsam wieder auf. Wenig später sucht sich jeder einen persönlichen Platz im Raum und nimmt sich Zeit für ein eigenes Gebet.

Neben dem Gebetsraum im Gemeinderaum wurden die Tafeln für offizielle Gäste eingedeckt. Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche in Bochum, Ratsmitglieder und nicht zuletzt Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz sowie der Kulturattaché des türkischen Generalkonsulats in Essen, Suat Okuyan, nehmen heute am Fastenbrechen teil. Es ist eine traditionelle Veranstaltung der Gemeinde, die seit 1989 mit ihrer Moschee hier ansässig ist. „Ich bin der Meinung, dass so ein Beisammensein der verschiedenen Kulturen gegenseitiges Verständnis schafft“, sagt der Vorsitzende der Gemeinde, Faruk Öztürk, und wünscht allen einen „Guten Appetit!“. Denn auch hier zählt die digitale, türkische Wanduhr die Sekunden bis zum Fastenbruch.

Die große Gastfreundlichkeit der türkischen Kultur spüren die Gäste nicht zuletzt an einem köstlichen Essen von Ismail Şahin, der schon seit 13 Jahren ehrenamtlich für die Gemeinde kocht. Als alle satt und zufrieden sind, zeigt er seine spartanische Küche mit zwei Gas-Hockerkochern und 135 dreckigen Tabletts. Hier räumt er mit Helfern bis tief in die Nacht auf – für den nächsten Fastenbruch, für den nächsten Sonnenuntergang.

 
 

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