Mit Redeangst in viele Augen sehen

Annette Gargulinski bereitete einen so genannten „Eisbrecher“ vor und sprach über das Thema „Fasten“.
Annette Gargulinski bereitete einen so genannten „Eisbrecher“ vor und sprach über das Thema „Fasten“.
Foto: WAZ FotoPool / Olaf Ziegler
Die Kunst der freien Rede – kaum jemandem ist sie in die Wiege gelegt. Es heißt, 40 Prozent aller Menschen hätten Angst, vor einer Gruppe zu sprechen. Bei den Toastmasters Bochum kann man lernen, vor einer großen Gruppe von Menschen zu sprechen.

Bochum.. Annette Gargulinski (31) spricht vom Fasten und Susanne Kraus (50) rezitiert das Gedicht „Die Lust kommt“ von Robert Gernhardt. Matthias Fuchs (35) philosophiert über die Gründe für Gewalt von Fußballfans. Er überträgt dazu die Kriege „schildkrötenartiger Wesen“ aus der Science-Fiction-Serie „Babylon 5“ auf das Verhalten aufgebrachter Hooligans. Jeder erntet warmen Applaus.

Der Abend der Toastmasters Bochum ist bunt und doch verläuft er von 19 bis 20.31 Uhr strikt nach Plan. Ein „Timer“ stoppt die Zeit, die bei vorbereiteten Vorträgen fünf bis sieben, bei Stegreif-Reden ein bis zwei Minuten nicht überschreiten soll. Der „Ah-Counter“ zählt Füllwörter und die „Evaluators“ bewerten die Vorträge möglichst konstruktiv. „Wir Toastmasters sind Feedback-Junkies“, merkt Barbara Stauch (47) an, die den Club 2011 gründete.

Die Kunst der freien Rede – kaum jemandem ist sie in die Wiege gelegt. Es heißt, 40 Prozent aller Menschen hätten Angst, vor einer Gruppe zu sprechen. ...

Wovor haben die Leute Angst oder ist das nur Lampenfieber?

Clubpräsidentin Tatjana Leuzzi- Schenk (37): Ich glaube, die Leute haben Angst, sich zu blamieren und vor einer Blockade. Ich glaube, dass man nicht so oft die Chance hat, vor Publikum zu sprechen. Lampenfieber ist die leichte Variante, es bringt den Adrenalinspiegel hoch wie ein kleiner Schnupfen. Redeangst ist eher negativ, vergleichbar mit einem grippalen Infekt. Zu uns kommen Menschen mit Lampenfieber und Redeangst. Wir sind dafür da, dass sie ihre Ängste selbst bearbeiten mit Hilfe anderer, die auch dort standen.

... Susanne Kraus hat Fortschritte gemacht. Guido, ihr Evaluator, schildert, früher habe sie oft eine Brille in der Hand gehabt, die den Zuhörer ablenkte. Jetzt sei das anders, es sei eine „Verwandlung“. Die Rednerin selbst fühlt sich wohl in ihrer Haut:„Ich finde Toastmasters einfach klasse, es ist ein Lernraum, in dem ich mich ausprobieren kann. Mir hat es am Anfang total geholfen, dass alle Angst haben.“ Dass ihr Gedichtvortrag eine persönliche Anekdote zum Thema „Lust“ vertragen hätte, nimmt sie heute als wohlwollenden Hinweis von Guido mit. Von einem Blackout war bei der 50-Jährigen hingegen keine Spur ...

Gibt es Tricks, wenn der berüchtigte Blackout zuschlägt?

Leuzzi- Schenk: Bei einem Blackout kommen einem Sekunden wie Stunden vor. Am besten macht der Redner kurz etwas anderes: springen, klatschen oder einfach kurz rausgehen. Die Atmung ist wichtig.Wir bieten dazu auch Intensivseminare an, in denen wir Theatertechniken üben.

... Das neue Mitglied, Nora, ist keine Rampensau. Doch strahlt die junge Studentin durch ihre helle Haut, die blonden Haare und großen Augen auf ganz eigene Weise. „Ich habe mich immer vor diesen Situationen gedrückt“, gibt sie zu. Gern möchte sie ihre Scheu vor der Publikumsrede überwinden. Der Club heißt sie herzlich willkommen. Das Du ist hier von Anfang an selbstverständlich.

Kann jeder Mensch vor einer Gruppe reden oder gibt es Menschen, denen das Talent dazu gänzlich fehlt?

Leuzzi- Schenk: Ich glaube, dass das jeder kann. Es kommt dabei vor allem auf die innere Einstellung an und von sich selbst überzeugt zu sein. Jeder Mensch ist einzigartig und hat etwas zu sagen, was auch andere Menschen interessiert.

 
 

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