Mit „4630 Bochum“ wurde Grönemeyer vor 30 Jahren ein Großer

Jürgen Boebers-Süßmann, Jürgen Stahl
Im August 1984 erschien „4630 Bochum“. Drei Monate später gab Herbert Grönemeyer ein Konzert in der Bochumer Zeche.
Im August 1984 erschien „4630 Bochum“. Drei Monate später gab Herbert Grönemeyer ein Konzert in der Bochumer Zeche.
Foto: Hartmut Beifuß
Vor 30 Jahren begründete die Langspielplatte „4630 Bochum“ die Karriere von Herbert Grönemeyer. Anlass für die WAZ, in einer Themenwoche über die Kult-LP und die Stadthymne „Bochum“ zu berichten. In der ersten Folge lesen Sie, wie in Grönemeyers Karriere alles begann.

Bochum. Die LP, um die es geht – „4630 Bochum“ – wurde zwischen Januar und März 1984 im EMI-Tonstudio II am Maarweg in Köln aufgenommen. Das Album hielt sich 79 Wochen in den Charts und begründete Herbert Grönemeyers Ruhm, der bis heute anhält.

Rock-Fans vor allem im Ruhrgebiet hatten „Hebbert“ schon wegen seiner vorherigen Alben geschätzt: „Total egal“, erschienen 1982, und „Gemischte Gefühle“, das 1983 herauskam und das mit „Musik nur wenn sie laut ist“ schon einen kleinen Hit hatte, der vom musikalischen Ansatz her auch gut auf „Bochum“ hätte erscheinen können.

„Männer“ war erster Erfolg

„4630 Bochum“ kam schließlich am 14. August 1984 in die Läden, und spätestens mit der im Herbst einsetzenden Tournee wurde Grönemeyer ein ganz Großer. Er gastierte seinerzeit auch in der „Zeche“, und man kann auf Youtube ein Video des Konzerts sehen, das einem nicht nur wegen des Zeitkolorits unglaublich vorkommen mag. Sondern auch, weil der Bochumer Junge Herbert das Konzert mit dem „Bochumer Jungenlied“ eröffnet – „Und kommen wir wieder zusammen auf wechselnder Lebensbahn“ – und: weil „Bochum“ als erstes Stück gespielt wurde. Undenkbar heute, wo der Gassenhauer DER Klassiker jeder Grönemeyer-Zugabe ist.

Im Herbst 1984 machte ihn aber vor allem die Single-Auskopplung „Männer“ schlagartig bekannt. Das Titelstück der LP brauchte ein bisschen länger, um seine Wirkung zu entfalten. Was auch daran lag, dass die Komposition musikalisch durchaus komplex ist und der Name einer Stadt damals höchstens in der Volksmusik vorkommen konnte („Kufstein-Lied“), aber doch nicht in einem Rock-Titel!

Nach Ansicht des Pop-Experten Jürgen Stark umfing Herbert Grönemeyer seinerzeit „die Aura des gnadenlos Bürgerlich-Bodenständigen“. Gleichwohl kam er wie der Ruhrpott-Kumpel von nebenan daher, der über Männer, Kinder und Alkohol sang, ohne dabei aufdringlich oder peinlich zu wirken. Und das mit harten Rhythmen – er war immer ein Rocker, hat niemals Disco-Quark verbrochen – und einer hellen, kehligen, sich manchmal überschlagenden Stimme. „Ich bin kein Ruhrpott-Caruso“, hat er damals selbst gesagt: „Ich denke, die Dynamik der LP liegt darin, dass ich gerade die Plattenfirma gewechselt hatte. Ich konnte mich austoben, ich konnte so singen wie ich wollte, ich konnte Silben verschlucken wie ich wollte, wie ,Schattn im Blick’ und so.“

Klasse bis heute gehalten

Ein anderer Aspekt seines Schaffens war (und ist): „Jeder sollte schreiben, was ihm gerade einfällt.“ Um, möchte man ergänzen, damit zugleich vielen aus der Seele zu sprechen. Auf der „Bochum“-LP hat Herbert G. vorgemacht, wie das geht; gerade wegen ihrer Allgemeingültigkeit haben die zehn Songs ihre Klasse bis heute gehalten. „Alkohol“ – wer kennt es nicht, das verwirrende Gefühl, sein „Frühstück abends um 8“ zu nehmen? „Flugzeuge im Bauch“ – wer hat nie Verlassenheit gespürt, nie Enttäuschung so empfunden? Selbst der „Mambo“, der von einer vergeblichen Parkplatzsuche in der (Bochumer?) City erzählt, hat immer noch und immer wieder einen hohen Wiedererkennungswert.

Gymnasium am Ostring und Gehversuche am Schauspielhaus

Kaum zu glauben, aber es gab in Bochum eine Zeit, da konnte man in die Kneipe im Keller des Schauspielhauses gehen (das spätere „U-Bo“) und dort Herbert Grönemeyer an der Theke hocken sehen.

Manchmal machte er dort auch spontan Musik, überhaupt war das gegen Ende der 70er Jahre eine heiße Zeit. Damals gehörte „Hebbert“ wie selbstverständlich zur hiesigen Künstlerszene. Jeder Theatergänger wusste, wer er war, jeder Kneipengänger und jeder Absolvent des Gymnasiums am Ostring auch.

Herbie war ein Bochumer Junge. Geboren wurde er zwar in Göttingen. Aber 1957, als er ein Jahr alt war, zog seine Familie nach Bochum um. Herberts Penne war das GaO. Dort spielte er in der Schulband. Mit Anfang 20 heuerte er am Schauspielhaus an. Damals war das Theater unter Intendant Peter Zadek ein Hort der Jugend, der Offenheit und des Experiments.

Als Sänger der „BO-Band“ am Schauspielhaus kam Grönemeyer erstmals als Darsteller in Kontakt mit dem Theaterleben. Seine Entdeckung als Schauspieler verdankt er Joachim Preen, der ihn für das Stück „John, George, Paul, Ringo & Bert“ von William Martin Russell erstmals auf die Bühne brachte.

Erinnerungen ans Schauspielhaus

Alte Zeiten, an die sich auch WAZ-Leserin Sophie Reich gern erinnert: „Als Statistin am Schauspielhaus gingen wir oft nach der Theatervorstellung gegenüber ins ,Bänksgen’, wo Herberts Vater einen Stammplatz hinten am runden Tisch hatte und auch Sohn Herbert ab und zu vorbeischaute. Unvergessen auch, wenn sich Herbert im Foyer der Kammerspiele bei einer Kalten Ente ans Klavier setzte, improvisierte und die ,Rose vom Wörthersee’ schluchzte...“

Nach dem Abi 1975 studierte er Musikwissenschaft und Jura an der Ruhr-Uni, brach die akademische Laufbahn jedoch nach fünf Semestern wieder ab. 1976 wurde er musikalischer Leiter am Schauspielhaus. Der Rest ist Geschichte.

Die Zeit der ersten großen Liebe

Was bedeutet ,4630 Bochum’ für mich? Das war die Zeit der ersten großen Liebe, die wie ich großer Herbert-Fan war“, schwärmt Frank Weeke, zwar Gastronomie-Chef der Dortmunder Westfalenhalle, aber ein waschechter Bochumer Junge und VfL-Fan.

Seine erste Freundin nannte er Diamant – nach dem gleichnamigen Grönemeyer-Lied. „Dann kam 4630 Bochum und damit auch eine Zahl der Jugend, eine Zeit, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren. Heute ist es so, dass mich das Lied und das Album an alte, tolle Zeiten erinnern. An mein erstes Grönemeyer-Konzert in der Zeche 1983 für zwölf Mark. ,Musik nur wenn sie laut ist’, ,Moccaaugen’, ,Etwas Warmes’. 1984 ein Konzert in der Ruhrlandhalle für 13 Mark und ,4630 Bochum’ – nicht nur eine Zahl, sondern für uns alle ein Lebensgefühl.“

Premiere in Saudi-Arabien - Ihr Erlebnis ist gefragt

„Das Lied ,Bochum’ habe ich das erste Mal 1985 in Saudi-Arabien gehört“, schreibt WAZ-Leser Oskar Detering, der an der Hiltroper Straße wohnt. Damals war er beruflich in Saudi-Arabien tätig. Ein Arbeitskollege brachte aus Deutschland eine Musikkassette mit. Darauf war der Song „Bochum“ aus Grönemeyers aktuellem Album zu hören. „Ich war sofort begeistert und stolz darauf, als Bochumer ein Teil dieses Liedes zu sein. Diese Begeisterung hat sich bis heute gehalten.“

BO-Kennzeichen im Osten bestaunt

Ein Autokennzeichen als Sensation: R. Rosslau-Hoberg hat’s erlebt. „Nicht allzu lange nach der Wende hatten wir unser Auto auf einem kleinen Parkplatz in Mecklenburg-Vorpommern geparkt“, schreibt der WAZ-Leser. „Bei unserer Rückkehr sahen wir eine Gruppe von vier Leuten, die um unser Auto stand. Wir rechneten, etwas verstimmt, mit einer Beule. ,Ist das Ihr Auto?’, fragten die Anwohner. – ,Ja.’ – ,Kommen Sie aus Bochum?’ - ,Ja.’ – ,Wir haben uns gerade Ihr Nummernschild angesehen. Sie sind die ersten Bochumer, die wir treffen. Wir sind nämlich große Grönemeyer-Fans.“ Die alte Langspielplatte „4630 Bochum“ habe er selbstverständlich auch noch daheim, betont R. Rosslau-Hoberg. Ebenso einen Plattenspieler, auf dem er den Klassiker abspielen kann – echt und original nur mit dem herrlichen Rauschen...

Kreis-Tanz und Gesang

„Seit 1986 lebe ich hier. ,4630 Bochum’ und Herbert Grönemeyer waren mir damals völlig unbekannt“, schreibt Gerda Sowade. Das änderte sich, als auf einem Fest „Bochum“ erklang. „Ein Trupp von Leuten fand sich in einem Kreis zusammen, der sich mal rechts, mal links herum zu der Musik bewegte. Das war Klasse! Immer wenn dieses tolle Lied gespielt wird, sehe ich den Kreis der Menschen vor mir, die den Text laut und begeistert mitgesungen haben.“

Aufruf: Machen Sie mit!

Weitere Grönemeyer-Fans sind eingeladen, sich aktiv an der WAZ-Themenwoche zu beteiligen. Welche Erlebnisse verbinden Sie mit dem Album und der Stadt-Hymne? Besitzen Sie noch alte Fotos oder Konzertkarten? Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften an die WAZ-Redaktion, Huestraße 25 in 44787 Bochum, E-Mail: redaktion.bochum@waz.de