Melanie Goebel entführt die Menschen in die Märchenwelt

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Bochum. Melanie Goebel weiß, wie man die Zuhörer aus einem kargen Tagungsraum ins klirrend kalte Russland transportiert. Rein gedanklich versteht sich. Die 31-Jährige aus Bochum ist Märchenerzählerin.

Selbst mit geschlossenen Augen und einer gehörigen Portion Phantasie lässt sich der nüchterne Raum des Euro-Ecks im Parterre des Studentenwohnheims am Spechtweg nicht wirklich in einen russischen Märchenwald verwandeln. Doch Melanie Goebel gelingt dies mit wenigen Worten. Sie bringt die klirrende Kälte Russlands in den Raum zu den rund 40 Zuhörern und lässt imaginären Schnee unter imaginären Stiefeln knirschen. Die Verführung durch Worte, an diesem Abend gelingt die Entführung in die Märchenwelt. Kein Wunder, denn die 31-jährige Bochumerin ist professionelle Märchenerzählerin, verdient ihr Geld mit der Faszination dieser Gleichnisse, die nicht nur für Kinder, sondern immer mehr auch für Erwachsene ein Ort der Sehnsucht werden.

Gerade zur Weihnachtszeit boomt es. Was an einem Abend die Studenten, sind an den folgenden Tagen Grundschüler der Von-Waldhausen-Schule, die sich mit glühenden Wangen verzaubern lassen. Warum das alles, warum zieht das „Es war einmal”, das „Und, wenn sie nicht gestorben sind...” gerade in dieser Zeit der Nintendos, Facebooks und DVD-Welten?

Man kann viel aus den Märchen lernen

„Die Märchen sagen uns viel über unsere heutigen Probleme, man muss nur genau hinhören”, glaubt Melanie Goebel und ihr Erfolg scheint der studierten Historikerin recht zu geben. Während ihres Studiums arbeitete sie zunächst bei einer Zeitung später beim Studentenradio ct an der Ruhr-Universität. In dieser Zeit entdeckte sie auch ihre Liebe zur gesprochenen Sprache. Später besuchte sie ein Märchenseminar am Bochumer Figurentheater-Kolleg, absolvierte ein Sprechtraining. „Vielleicht kommt meine Liebe zu Märchen aber auch daher, dass mir meine Oma früher regelmäßig Märchen erzählt hat”, sagt sie.

Irgendwie kam dann der Kontakt zu Mittelalter-Banketts zustande. In historischer Umgebung spielt ein Barde auf und Melanie Goebel gibt sich als Kräuterhexe Milisande die Ehre. Die Märchen sind stets frei gesprochen. „Zur Sicherheit habe ich die Texte immer in der Nähe, so als eine Art Rückversicherung”, räumt sie ein. Doch der Gau einer jeden Märchenerzählerin, eingetreten ist er noch nicht, der Blackout.

Je nach Anlass hat die junge Frau ein gutes Märchenrepertoire beisammen. Fast noch wichtiger, als das gute Erzählen sei es, sich in die Stimmung, die Gefühle eines Märchens einzufühlen, so wie bei ihrer Prüfung am Kolleg, als sie das Märchen von der Traurigen Traurigkeit vortrug. Hinzu kommt, dass Melanie Goebel gern mit Objekten arbeitet:

Auch zu Besuch im Altenheim

Wie an jenem Kulturabend mit Studenten, als es um russische Märchen ging, da durfte natürlich das sogenannte Wässerchen, der Wodka nicht fehlen. Diese Requisiten schaffen eine Verbindung von der Märchenwelt zur Wirklichkeit. Schwuppdiwupp, da ist die durchscheinende Flüssigkeit, die gerade noch den, sagen wir, Wladimir, glücklich gemacht hat, schon im Euro-Eck.

Übrigens: (keine Angst, liebe Eltern) Bei Kindern wechseln diese Accessoieres natürlich, da nimmt sie etwa ihre Klangschale mit, oder Tücher mit verschiedenen zu den jeweiligen Märchen passenden Objekten.

Eines ihrer intensivstesn Erlebnisse als Märchenerzählerin hatte Melanie Goebel in einem Altenheim. „Als ich ich geendet hatte, kam eine Zuhörerin auf mich zu, nahm meine Hand und sagte nur 'Danke'.”

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