Mehr Zeit für Aktien-Entscheidung

„Es gibt es in diesem Jahr keine Dividende. Insofern stellt sich die Frage, brauche ich die Steuerschachtel noch“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Dietmar Spohn. Die Entscheidung darüber fällen der Aufsichtsrat des Energieversorgers und später der Rat.
„Es gibt es in diesem Jahr keine Dividende. Insofern stellt sich die Frage, brauche ich die Steuerschachtel noch“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Dietmar Spohn. Die Entscheidung darüber fällen der Aufsichtsrat des Energieversorgers und später der Rat.
Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services
Bochum hat noch Zeit, um über die Beteiligung an der RWE-Aktienschachtel zu entscheiden. Stadtwerke-Chef stellt dauerhaft gute Gewinne in Aussicht.

Bochum.. Zeit lassen kann sich der Rat offenbar noch mit der Frage, ob er die 6,6 Millionen RWE-Aktien trotz des großen Wertverlustes und der in diesem Jahr ausbleibenden Dividendenausschüttung behält oder verkauft. Die Frist zur Kündigung der Schachtelbeteiligung, die Bochum ebenso wie weitere Städte nutzt, um Steuern aus den RWE-Gewinnen zu sparen, endet nach Auskunft von Stadtwerke-Geschäftsführer Dietmar Spohn erst am 15. Juli. Ursprünglich war der Stichtag auf Ende April datiert.

„Der Stadtwerke-Aufsichtsrat wird sich im Juni mit der Kündigung der Wertpapierleihe beschäftigen“, so Spohn. Der Rat hätte dann Ende Juni in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause noch die Chance, zu entscheiden, ob er den Ausstieg aus der Leihe beschließen will. Spohn: „Sollte es zur Kündigung kommen, sind die Aktien wieder verfügbar und man muss überlegen, ob sie veräußert oder gehalten werden.“ Seine Empfehlung: „Ich denke, wir sollten die Situation abwarten und erst einmal schauen, was mit der neuen Gesellschaft Newco ist und ob mit der Bewertung des neuen Unternehmens möglicherweise der Wert der Altaktien wieder steigt.“

Rat beschäftigt sich mit RWE

Die WAZ hatte vor vier Wochen Kenntnis von einem internen Papier der Stadtverwaltung erhalten, das brisante Details über das Ausstiegsszenario enthält. Als ein Argument für einen Aktienverkauf wird dort aufgeführt, dass RWE keine Standorte mehr in Bochum unterhalte und somit weder der Abbau von Stellen noch eine Minderung von Gewerbesteuereinnahmen zu befürchten sei. Der Rat wird sich mit dem Thema in seiner nächsten Sitzung am 28. April beschäftigten. Die Fraktionen der Linken und FDP/Stadtgestaltern haben jeweils Anträge zur Kündigung der Schachtelbeteiligung an der RWE-Energie-Beteiligungsgesellschaft gestellt.

Im WAZ-Interview äußert sich Stadtwerke-Chef Spohn derweil optimistisch im Hinblick auf die Gewinnerwartungen an das städtische Unternehmen: „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, nachhaltig 50 Millionen Euro jährlich an die Stadt abzuführen. In den vergangenen Jahren haben wir immer mit einem Ergebnis zwischen 70 und 80 Millionen Euro abgeschlossen; was diesmal nur wegen des Ausstiegs aus Gekko, der uns 27 Millionen Euro kostet, nicht der Fall sein wird. Wir stellen uns vor, dass auch in Zukunft zu schaffen und vielleicht sogar noch ein Schüppchen mehr.“

Mehr als 30 Prozent „grüner Strom“ bis 2020

Den Umbau zum Energiedienstleister und weitere Investitionen im Bereich der erneuerbaren Energie hat Geschäftsführer Dietmar Spohn unlängst im Hinblick auf die Entwicklung der Stadtwerke Bochum angekündigt. Wie „grün“ das städtische Versorgungsunternehmen bereits ist und künftig sein will und welche Herausforderungen auf die Stadtwerke zukommen, darüber hat WAZ-Redakteur Andreas Rorowski mit dem 55-Jährigen gesprochen.

Herr Spohn, bis 2020 wollen die Stadtwerke ihren Anteil an grünem Strom auf 25 Prozent schrauben. Bundesweit liegt der Anteil schon bei 30 Prozent. Warum hängt Bochum hinterher?

Dietmar Spohn: Im Gegenteil – wir haben deutlich aufgeholt. Nach der Inbetriebnahme des Windparks Borkum im vergangenen Jahr sind wir jetzt bei etwa 20 Prozent durch erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplung. Wenn wir auch den zweiten Teil des Windparks mit einer 20-prozentigen Beteiligung entwickeln sollten, was wir noch nicht entschieden haben, sowie durch unsere Zehn-Prozent-Beteiligung an der neuen Gesellschaft Trianel Erneuerbare Energien und durch unsere Zusammenarbeit mit dem Projektentwickler Abo Wind aus Wiesbaden würden wir gerechnet auf den Stromverbrauch in Bochum auf einen Zuwachs von 18 Prozent kommen. Davon entfallen zehn Prozent auf Borkum II und je vier Prozent auf Trianel Erneuerbare Energien und Projekte mit Abo Wind. Damit lägen wir 2020 deutlich über 30 Prozent.

Gibt es bundesweite Vergleichszahlen mit anderen Stadtwerken, was die Eigenproduktion erneuerbarer Energie betrifft?

Spohn: Eine solche Statistik ist mir nicht bekannt. Ich kann nur in meinem eigenen Umfeld gucken. Ich glaube, da stehen wir so schlecht nicht da.

Erneuerbare Energien

Muss der Anteil der Erneuerbaren mittelfristig noch größer werden?

Spohn: Auf jeden Fall. Sie müssen sich als Energieversorger überlegen, wo sie investieren. Der Großkraftwerksbau fällt weg, weil kein großes Kraftwerk mehr gebaut wird. Wir investieren eine ganze Menge Geld hier in der Stadt. Und wenn wir außerhalb investieren wollen, dann können wir das momentan eigentlich nur im Bereich der erneuerbaren Energien tun.

Wie groß sind die Investitionen der Stadtwerke in Bochum?

Spohn: Wir investieren in der Stadt im Jahr etwa 70 Millionen Euro – ins Stromnetz, in Anlagen, in die Fernwärmeversorgung oder in andere Netze. Da gibt es manchmal noch besondere Spitzen wie bei unserem Heizkraftwerk in Hiltrop, in das wir über zwei Jahre insgesamt 50 Millionen Euro gesteckt haben, oder das gemeinsame Projekt Unique mit der Ruhr-Uni für die Strom- und Wärmeversorgung von Querenburg. Dort investieren wir gemeinsam mit der Uni 25 Millionen Euro.

Wind ist der alternative Energieträger schlechthin. Zwölf des bundesweit 30 Prozent genutzten Ökostroms kommt aus Windparks an Land. Ihr Haus erwägt aber trotzdem, neuerlich viel Geld in eine Offshore-Investition beim Projekt Borkum II zu investieren. Warum?

Spohn: Wir machen ja beides. Ich persönlich denke, die Windenergie ist in der Nordsee am besten aufgehoben, weil sie dort am wenigsten stört und besonders effizient ist. Aber die Risiken in der Nordsee sind natürlich deutlich größer als an Land, was Zugänglichkeit, Wartung oder Reparatur betrifft. Und deshalb muss ich als Unternehmen die Investitionen und das Risiko auf Offshore und Onshore verteilen. Ich bin aber fest davon überzeugt und hoffe unseren Aufsichtsrat auch davon zu überzeugen, dass wir in Offshore vor Borkum erneut investieren sollten. Auch weil es so viele Gelegenheiten und Konzessionen nicht mehr geben wird und weil die Flächen für viel Geld an Investoren verkauft werden. Wir haben hier die Hand auf der Konzession. Und die Gelegenheit sollten wir nutzen. Ich glaube, dass wird zumindest für uns als Stadtwerke Bochum die letzte Gelegenheit sein, in der Nordsee zu investieren. Zumal wir das Projekt vor Borkum wieder selbst mit entwickeln und nicht ein Teil der Gewinnmarge bei einem Projektentwickler bleibt.

„Wir sollten weiter in Borkum investieren“

Hat der Aufsichtsrat signalisiert, ob er Ihren Vorschlag unterstützt, in den Windpark Borkum II zu investieren?

Spohn: Die Entscheidung muss spätestens Anfang 2017 fallen. Wir sind mit der Projektentwicklung drei Monate in Zeitverzug, der Baubeschluss könnte zu Beginn des zweiten Quartals 2017 kommen. Vorher müsste es einen Aufsichtsratsbeschluss über eine mögliche Beteiligung geben. Grundsätzlich begrüßt der Aufsichtsrat, dass wir in Erneuerbare investieren, weil es eine sichere Investition ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Borkum investieren sollten. Die Frage ist, ob wir unsere 20-Prozent-Option nutzen oder einen geringeren Anteil nehmen und den anderen Anteil verkaufen.

Etwa 800 Millionen soll Borkum II kosten, 20 Prozent wären eine Investition von 160 Millionen Euro allein der Stadtwerke Bochum. Wie viel Eigenkapital müssten Sie dafür einsetzen?

Spohn: Es werden insgesamt wohl 850 Millionen Euro sein, 20 Prozent wären dann etwa 170 Millionen Euro. Wir rechnen mit einer Eigenkapitalquote von 30 bis 40 Prozent, müssten also etwa 50 Millionen Euro Eigenkapital einsetzen. Wir rechnen mit einer Rendite von 7 bis 7,5 Prozent.

Die Zukunft mit den Partnern

Es gibt 1100 Energieanbieter in Deutschland. Das Geschäft wird immer komplizierter und kapitalintensiver. Über die bestehenden Verbände hinaus, also ewmr, Trianel oder Kommunale Beteiligungsgesellschaft, benötigen Sie für die Zukunft einen Partner?

Spohn: Wir leben in Kooperationen. Das haben wir immer gesagt und auch so praktiziert. Und das kann man sicher noch ausweiten. Aber suchen Sie mal ein vergleichbares Unternehmen wie die Stadtwerke Bochum für eine Kooperation. Also ist klar, welche Rolle wir da einnehmen.

Muss dazu eine räumliche Nähe bestehen?

Spohn: Nein, das will ich nicht sagen. Die ewmr, der wir ja angehören, ist 1998 gegründet worden und damit eine der ersten Stadtwerke-Kooperationen überhaupt. Trianel ist eine typische Stadtwerke-Kooperation. Und es wird noch weitere geben müssen. Wir werden auch Fusionen und Käufe sehen, das gibt es ja jetzt schon.

Auch mit Ihrem Haus?

Spohn: Was die Entwicklung neuer Geschäftsfelder betrifft, versuchen wir Kooperationspartner zu finden. Unser Geschäft wird komplexer. Viele Dinge, die etwa die Bundesnetzagentur fordert, kann ein kleines Stadtwerk gar nicht machen. Insofern glaube ich, dass Kooperationen immer wichtiger werden in unserer Branche. Wobei wir in einer vergleichsweise starken Position sind.

 
 

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