Mariama darf bleiben

Michael Weeke

So richtig fassen kann sie es noch gar nicht. Mariama B., die zierliche 19-jährige Frau aus Guinea hält den Bescheid in den Händen. Er kommt direkt von einer anonymen Behörde, dem Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Doch dieses Papier bringt ihr die Sicherheit zurück, nimmt ihr viel von der Angst, die sie beinahe dazu getrieben hätte, ihr Leben wegzuwerfen. Mariama B. erhält die „Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft“, so der steife Terminus. Das ist so etwas wie der Flüchtlingsstatus, ohne je einen Asylantrag gestellt zu haben.

Mariama kann noch gar begreifen, was da alles passiert ist, seitdem sie vor gut drei Wochen wie eine Verbrecherin in Handschellen abgeführt wurde direkt aus dem Bochumer Rathaus. Am Tag als sie eigentlich ihre Duldung verlängern wollte. Die Angst, die sie später dazu getrieben hat, kochend heißes Wasser in der Abschiebehaft in Büren über ihren Oberkörper zu schütten, sie lässt sich nicht einfach wegwischen. Auch nicht durch einen solchen erlösenden Bescheid.

Michaela Schröder ist Sozialarbeiterin an Mariamas Schule. Gemeinsam mit ihrer Lehrerin Beatrix Schäfer und ihren Mitschülern haben sie diese „Welle der Empörung“ in Bewegung gesetzt, wie die WAZ am 27. April auf ihrer ersten Seite titelte. Michaela Schröder erzählt, dass Mariama noch ganz verwirrt sei, gar nicht glauben könne, dass sie sich nun bald ausgestattet mit einem blauen Pass, den alle anerkannten Flüchtlinge bekommen, in Deutschland frei bewegen, leben und sogar studieren oder arbeiten kann, wenn sie es denn möchte. „Mariama muss jetzt erst einmal zur Ruhe kommen. Sie ist oft wütend und fragt immer wieder: ‘Warum sind die Menschen so?’.“

Hanif Hidarnejad betreut bei der Medizinischen Flüchtlingshilfe in Bochum seit vielen Jahren Menschen mit ähnlichen Schicksalen. Er steht an ihrer Seite, auch wenn das Medieninteresse mal nicht so breit daher kommt wie im Fall Mariama B., die jetzt bei einer Familie in Bochum lebt. Das Vertrauen ist es, was sie nun langsam, Tag für Tag mehr, aufbauen muss.

Was sie jetzt möchte? Wie es weiter geht? Sie weiß es noch gar nicht. Irgendetwas mit Pflege möchte sie lernen, vielleicht mit alten Menschen, vertraute sie Andrea Schröder an. Oder zurück zur Schule? „Sie kann jederzeit zurückkommen, darüber würden wir uns sehr freuen“, sagt der stellvertretende Schulleiter Werner Schiller. Und das meint er sehr ernst.