Bochum

Marcel-Heße-Prozess: Darum lehnte die Bundeswehr den Doppelmörder wirklich ab

Marcel Heße beim Prozess vor dem Landgericht Bochum.
Marcel Heße beim Prozess vor dem Landgericht Bochum.
Foto: dpa
  • Doppelmörder Marcel Heße wollte als Unteroffizier zur Bundeswehr
  • Im Assessment-Center wurde er abgelehnt
  • Der zuständige Prüfer sagte am Donnerstag als Zeuge vor Gericht aus
  • Beim Punkt „Verhaltensstabilität“ versagte Heße
  • Der Grund: seine vielen Fehlstunden in der Schule

Bochum. Kein Job, keine Perspektive: Doppelmörder Marcel Heße aus Herne nannte der Polizei unter anderem diese Gründe für seinen ersten Mord am Nachbarsjungen Jaden (9). Frust.

Frust besonders darüber, dass er kurz zuvor von der Bundeswehr abgelehnt worden war. Dort wollte der damals 19-Jährige eine Laufbahn als Unteroffizier im Sanitätsdienst beginnen.

Doch Heße scheiterte. Nicht etwa am Technik-Teil des Computertests, wie er in der ersten Vernehmung direkt nach seiner Festnahme aussagte. Am Ende waren es seine mehr als 500 unentschuldigten Fehlstunden, die er in nur wenigen Schuljahren angesammelt hatte.

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Marcel Heße bekommt Note „6“ in Verhaltensstabilität

„Das ist ein so genanntes Sperrmerkmal, ein absolutes Ausschlusskriterium“, sagt Bundeswehrsoldat Ronald W. (56) vor dem Bochumer Landgericht. Denn: Wer so viele Fehlstunden angesammelt hat, der qualifiziert sich im Prüf-Punkt „Verhaltensstabilität“ nur für die Note „6“ (von 7). Das reicht, um nicht für den Soldatenberuf tauglich zu sein.

Ronald W. führte das verhängnisvolle Prüfgespräch am 2. Februar im Assessment-Center der Bundeswehr in Düsseldorf. Heße hatte bisher alle Tests durchschnittlich gut bestanden. Sportlich sei er sogar „gut“ gewesen.

Heße gab umständliche Antworten

Nur im Fragebogen, der zum Beispiel die Motivation der Bewerber abfragt, habe er sich seltsam gestelzt ausgedrückt. Warum er zur Bundeswehr wolle? „Um ein vernünftig' Mann zu werden“, so Heßes überraschend altmodische Antwort.

„Da horcht man schon auf und muss die Frage stellen, wie reif der Bewerber eigentlich ist“, sagt W.

Auch auf die Frage, wie er seine Freizeit verbringe, schrieb Heße umständlich: „Meine Freizeit konsistiert derzeit aus sportlichen Aktivitäten wie Schwertkampf und Bogenschießen sowie sozialen Aktivitäten wie dem Besuchen von englischsprachigen Seiten im Internet.“

„Komische soziale Aktivität, hab ich mir gedacht“, so Ronald W.

Eigentlich sei ihm im Gespräch aber nichts Besonderes aufgefallen. Marcel Heße habe sich gut ausdrücken können, habe bloß merkbar „sozial erwünschte Antworten“ gegeben.

Zu spät eingesehen, dass Fehlstunden falsch waren

Zum Teil sei er sehr offen gewesen. Auch, was die Fehlstunden angeht: „Er hat im Gespräch sofort eingeräumt, dass er faul war und das ein Fehler war. Aber es hilft ja nix, er hat erst kurz vorher weitere Fehlstunden angesammelt. Innerhalb von zwei Monaten auf den Dreh zu kommen, dass das eventuell falsch ist, rettet ihn dann auch nicht mehr.“

Hinzu kam laut Ronald W., dass Heße einen merkwürdig unrealistischen Plan B gehabt habe, für den Fall, dass es nicht klappt mit der Bundeswehr-Laufbahn. „Er wollte als Englisch-Lehrer nach Japan gehen. Das fand ich wenig durchdacht und unreif.“

Marcel Heße schien von Absage nicht am Boden zerstört

Doch am meisten ins Gewicht fielen die Fehlstunden. Ronald W. entschied sich, Marcel Heße abzulehnen.

„Als ich ihm das mitgeteilt habe, ließ er kurz den Kopf auf die Tischplatte sinken. Aber am Boden zerstört kam er mir nicht vor. Da habe ich schon andere Reaktionen erlebt, bis hin zu Nervenzusammenbrüchen.“

Von Heßes Morden durch Medien erfahren

Als Ronald W. gut einen Monat später durch die Medien von Jadens Tod erfährt und Heßes Fahndungsbild sieht, ist ihm gleich klar: „Der war doch bei mir!“ Trotz der 800 bis 900 Berwerber, die der erfahrene Prüfer im Jahr vor sich sitzen hat.

Gemeinsam mit Vorgesetzten des Bundeswehr-Karrierecenters in Düsseldorf beschließt er, die Polizei darüber zu informieren, „als Amtshilfe“.

Bundeswehr-Prüfer: „Bin ich schuld, dass zwei Morde passiert sind?“

Erst danach wurde ihm mulmig: „Als auch Christopher tot war und es durch die Presse ging, Marcel Heße habe gemordet, weil er bei der Bundeswehr abgelehnt worden war ... glauben Sie mir, das war kein gutes Gefühl“, sagt W. leise zum Richter. „Da stellt man sich schon die Frage: ,Bin ich schuld, dass zwei Morde passiert sind?'“

Objektiv gesehen aber sei ihm klar, dass er damals richtig entschieden hat. Ein kurzer Seitenblick geht zu Michaela W. und Jeanette R., den Müttern der Mordopfer.

Sie blicken mitfühlend. Ronald W. steht sichtlich erleichtert auf.

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