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Mord

Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer

30.05.2012 | 19:36 Uhr
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer

Bochum.   „In keinem anderen Fall haben wir erlebt, dass nur Verlierer auf der Strecke geblieben sind“, sagte der Richter, nachdem er die angeklagte Arztgattin aus Bochum wegen Mordes an ihrem Liebhaber zu lebenslanger Haft verurteilt hatte. Auch ihr Kind (neun Monate alt und der Sohn des Opfers) gehöre dazu.

Ohne äußere Regung hörte die Angeklagte (32) am Mittwoch zu, als Richter Hans-Joachim Mankel die Höchststrafe verkündete . Das Schwurgericht verhängte wegen heimtückischen Mordes an ihrem Liebhaber (36) eine lebenslange Haftstrafe. Sie hatte ihn umgebracht, um zu vertuschen, dass er der Vater ihres erst zehn Tage zuvor geborenen Babys ist. Als der Richter das Urteil begründete, starrte die 32-jährige Frau , die ganz in Schwarz erschienen war, mit leerem Blick vor sich hin. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, würde nach 15 Jahren geprüft, ob sie auf Bewährung freikommen könnte.

Dann wäre ihr Sohn (jetzt neun Monate) bereits fast erwachsen. Auch er ist eines der Opfer dieses ungeheuren Verbrechens. Richter Mankel: „In keinem anderen Fall haben wir erlebt, dass nur Verlierer auf der Strecke geblieben sind.“

Er nannte das Opfer, den Börsenmakler aus Bochum-Ehrenfeld. Der Richter nannte dessen Familie und Freunde. Er nannte ferner den Ehemann (41) der Täterin, einen niedergelassenen Arzt, der jetzt beim Umgang mit dem Baby (es wird von ihm und seiner Familie großgezogen) tagtäglich an die Tat erinnert werde. Verlierer seien auch die Mutter und die Schwester der Angeklagten und auch diese selbst, die nun für lange Zeit eingesperrt sei, die sich „in der so wichtigen Zeit des Aufwachsens“ nicht mit der Fürsorge um ihr Kind befassen könne und sein Wohlergehen in die Hände Dritter legen müsse.

„Sie war für ihn seine große Liebe“

Die Arztgattin hatte den Banker Ende 2009 hinter dem Rücken ihrer Familie mit großem Charme verführt. Er war Patient in der Praxis ihres Mannes, für den sie auch als Arzthelferin arbeitete. „Er war stolz“, sagte der Richter, „so eine attraktive Freundin zu haben. Sie war für ihn seine große Liebe.“ Ende 2010 zeugten die beiden ein Kind. Der Banker drängte darauf, dass sie ihren Mann verlässt. Doch mit Lügen und Ausreden hielt sie ihn immer wieder hin. „Sie bestrebte, es beim Status Quo zu belassen“, sagte Mankel und meinte ihr eheliches Dasein mit Prestige und materieller Sicherheit.

Zwar kühlte die Beziehung zu dem Geliebten stark ab, dennoch machte er ihr mit Nachdruck klar, dass er auf einem Vaterschaftstest und auch auf seine Rechte als Vater bestehe. Das war für die Angeklagte, wie Mankel sagte, „ein gravierendes Bedrohungsszenario“, weil ihre Familie auf gar keinen Fall von der Affäre wissen durfte. Der drohende Vaterschaftsfest habe sich „praktisch wie eine Schlinge um ihren Hals“ gelegt. Im Tod des Geliebten habe sie „die einzige Möglichkeit“ gesehen, das Bekanntwerden der Affäre zu verhindern.

Mit Morphium vergiftet

Nach 13 Prozesstagen waren die Richter überzeugt, dass sie am 2. September 2011 - wenige Tage nach der Geburt - mit dem festen Entschluss, ihn zu töten, in seine Wohnung fuhr. Mit dabei hatte sie einen Thermo-Becher mit Kakao, den sie mit einer Überdosis Morphium und Bromezepam vergiftete, und Einweghandschuhe. „Habe eine Überraschung für dich“, simste sie ihm vorher. Als er arglos den Kakao getrunken hatte und bewusstlos war, spritzte sie ihm eine weitere Überdosis Morphium in den Arm. Weil sein Puls aber immer noch schlug, holte sie ein Käsemesser aus der Küche und stach 14-mal auf ihn ein, zweimal auch ins Herz. Das Gericht glaubt, dass sie nur deshalb zustach, weil das Gift für sie zu langsam wirkte - und um „sich des Todes ganz sicher zu sein“.

Die Angeklagte, die im Prozess bis zum so genannten „letzten Wort“ vor dem Urteil von ihrem Schweigerecht Gebrauch gemacht hatte, war kurz nach der Tat gefasst worden. Sie behauptete bei der Kripo, dass sie ihren Geliebten nur vorübergehend habe ruhigstellen wollen, um Zeit zu gewinnen. Erst im Affekt habe sie ihn dann erstochen. Diese Totschlag-Version nahm ihr das Gericht aber nicht ab.

Verteidiger wird Revision einlegen

Mit dem Urteil folgte das Gericht dem Antrag von Staatsanwalt Michael Nogaj. Verteidiger Egbert Schenkel will aber Revision einlegen. Er wollte eine Verurteilung wegen Totschlags - eine befristete Freiheitsstrafe.

Beim Urteil anwesend waren auch die Eltern des Opfers. Deren Anwalt Reinhard Peters sagte nachher: „Die Familie ist erleichtert, dass ein Urteil herausgekommen ist, das sie als gerecht empfindet und mit dem sie leben kann.“

Die Leiche war damals in der Wohnung teilweise verbrannt aufgefunden worden. Die Frage kam auf, ob die Angeklagte nach der Tat vorsätzlich Feuer gelegt habe. Das konnte das Gericht aber nicht feststellen. Eventuell hatte sich der Schwelbrand durch Zigarettenglut entfacht, hieß es.

Bernd Kiesewetter

Kommentare
31.05.2012
14:08
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von barchettaverde2 | #10

Die Einteilung in Gewinner oder Verlierer halte ich bei einem Gerichtsverfahren wie diesem allerdings für unzutreffend. Natürlich gibt es Fälle, in denen der/die Angeklagte in Folge eines milden Urteils einen Vorteil erhalten hat. Das trifft ja auf dieses Verfahren nicht zu. Das Urteil geht für mich in Ordnung, aufgrund der vorliegenden Beweislage und dem Prozessverhalten der Angeklagten hatte es aber auch letztlich keine andere Wahl. Warum Schenkel seine Mandantin nicht zu einer Aussage bewegen konnte wird mir ein Rätsel bleiben.

Allerdings stimme ich dem Richter zu, dass die Angeklagte durch ihr Verbrechen nicht nur das Leben der beteiligten Angehörigen zerstört hat, sondern auch ihr eigenes Leben und viel schlimmer: die Zukunft ihres Kindes. Für ihr eigenes zerstörtes Leben verdient sie kein Mitleid, sie hätte anders handeln können. Das hat sie nicht getan, nun muss sie mit den Folgen fertigwerden.

31.05.2012
10:49
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von Lappschmier | #9

Vermutlich wollte der Richter angesichts der medialen Präsenz einen staatstragenden Satz verewigen - herausgekommen ist ein Rohrkrepierer, denn bei welchem Mordprozess gibt es Sieger (mal vom Konto des Verteidigers abgesehen)?

31.05.2012
09:47
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von dirk7603 | #8

Gibt es in solchen Fällen nicht immer nur Verlierer? Irgendwie kann ich die Argumentation nicht so ganz nachvollziehen.

Gab es bei einem Mord jemals einen Gewinner?

31.05.2012
09:16
Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von suendenbock | #7

Jedes aufgedeckte Verbrechen hinterlässt nur Verlierer, ein Verbrechen bei dem es "Gewinner" gibt ist unentdeckt geblieben. Selbst bei straflosen Verbrechen (Verjährung o.ä.) gibt es keine Gewinner, da die Opfer immer Verlierer sind , die Täter zwar nicht bestraft, aber gesellschaftlich zu Recht geächtet werden!

31.05.2012
09:02
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von Unverkennbar | #6

Als Ehemann würde ich sie und das fremde Kind zum Teufel jagen. Da gibt es nichts mehr zu retten, man läd sich nur Zukunftsprobleme auf.

Frauen. Ihre Schönheit ist schnell vergänglich, doch ein guter Charakter hält ein Leben lang.

1 Antwort
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von Dr.Seltsam | #6-1

Was kann denn das Kind dazu?

31.05.2012
06:23
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von LilaLatzhose | #5

Also ich kann in dem Bericht nichts Parteiisches finden.Das sind überwiegend Zitate aus der Verhandlung.Und auch wenn sie die Täterin ist, die zurecht eine hohe Strafe erhalten hat:es gibt nur Verlierer bei der Geschichte und einer ist sie eben auch.
Sie hat durch ihre Tat nicht nur das Leben des Bankers zerstört, sondern eben auch das vieler anderer Personen; darunter eben auch ihr eigenes.
So schnell kommt man aus der heilen Welt in die Hölle. Und nimmt alle anderen mit.Und das Kind kann man doch jetzt schon beim Therapeuten anmelden. Ich persönlich kann mir bspw nicht vorstellen, wie ich reagieren würde, wenn ich eines Tages erfahren würde, dass meine Mutter meinen Vater, der ihr nichts getan hat, umgebracht hat.Von daher hat der Ehemann, der das Kind großzieht, meinen größten Respekt.Viele, die das gelesen haben, sagen " ist nicht sein Kind; das würde ich nicht haben wollen". Ich finde, das zeigt ganz große Stärke. Und ich hoffe, dass das Kind unbeschadet bleibt.

30.05.2012
23:56
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von geep | #4

Das Urteil ist gerechtfertigt. Abgesehen davon finde ich die Berichterstattung durch Herrn Kiesewetter durchweg parteisch, tendenziös und beifallsheischend. Insofern Zustimmung zu den Kommentaren von jmeller. Den Begriff
"Arztgattin" kann ich in diesem Zusammenhang nicht mehr ab..

30.05.2012
22:17
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von angielady | #3

Ich bin kein Richter, aber im Affekt 14x zustechen, kann keiner glauben. Sich dem Antrag des Staatsanwaltes anschließen war genau richtig! Und im Kommentar schreibt jmeller lebenslang für Schlosserstochter, nicht Arztfrau. Was hat sie nun von dem so fest angestrebtem `Titel` Arztfrau? Nix.... Ein Kind, das nun im regelmässigen Turnus in den `Bau`gebracht wird (zu Besuch)-nur das ist ihr geblieben.Wohin gewisse Neigungen eine Frau bringen, ist trotzdem nicht zu begreifen.

30.05.2012
22:07
Lebenslang für Arzthelferin - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von Yamato-Germany | #2

Ein anderes Urteil war nach Lage der Dinge, wie es in der Presse berichtet wurde, auch nicht zu erwarten. Ich denke, dass es so in Ordnung geht.

30.05.2012
20:27
Lebenslang für Schlosserstochter - ein Verbrechen hinterlässt nur Verlierer
von jmeller | #1

Wenn man den Artikel liest könnte man schon fast denken die Schlosserstochter wäre das Opfer.

Der Frau hat niemand ein Leid zugefügt. Wenn Zb. eine Frau tagtäglich von ihrem Mann verprügelt wird, dann könnte ich schon ein bisschen verstehen wenn sie zum Messer greift.

Nein die Frau war verheiratet und hatte nebenbei noch einen Liebhaber. Und von dem hat sie sich noch schwängern lassen.

Um ihren Status als "Arztgattin" zu halten hat sie den Mann dann kaltblütig ermordet.

Die Frau ist nur Täterin aber kein Opfer.

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