Sinnkrisen an der Käsetheke

Absurde, komische und tragische Szenen spielen sich mitten im Supermarkt ab – vorzüglich gespielt von der Theatergruppe „Hausmarke“.
Absurde, komische und tragische Szenen spielen sich mitten im Supermarkt ab – vorzüglich gespielt von der Theatergruppe „Hausmarke“.
Foto: WAZ FotoPool
Theatergruppe geht neue Wege und spielt ihr Stück „Hysterikon“ im Supermarkt. Premiere bei Naturkost Artmann in Langendreer begeistert das Publikum

Langendreer..  So etwas hat Langendreer noch nicht gesehen: Es ist Samstagabend, 20.30 Uhr. Der Kundenparkplatz von Naturkost Artmann ist rappelvoll. Und das lange nach Ladenschluss. Doch der Andrang hat seinen Grund: Heute Abend gibt’s Theater! Mal nicht auf der Bühne, sondern zwischen Käsetheke, Obstregal und Spirituosenabteilung.

70 Neugierige und Theaterinteressierte sind gekommen, um die Premiere des Stückes „Hysterikon“ zu erleben, dass die freie Theatergruppe „Hausmarke“ an diesem Abend inszeniert. Hier treffen skurrile Antihelden, Träumer, Beziehungsneurotiker, Liebende und Hysteriker aufeinander. Mitten im Supermarkt entfalten sich absurde, komische, aber auch tragische Szenen, bei denen den Zuschauern das ein oder andere Mal auch das Lachen im Halse stecken bleibt.

Da ist die desillusionierte Dame, die einfach alle umbringt, die nicht aufrichtig zu ihr sind. Da ist die junge Frau, die sich selbst im Weg steht und plötzlich auf ihren Traummann trifft – allerdings nur in dessen Traum. Und da ist die von einer Sinnkrise Geplagte, die immerhin weiß, dass sie in ihrem Leben etwas ändern muss – wenn sie sich nur entscheiden könnte, was. „Alles hat seinen Preis“, sagt die Kassiererin. „Aber reicht es für die große Liebe oder doch nur für die Blondine im Angebot?“ An ihrer Kasse wird schonungslos abgerechnet.

Theaterensemble erntet viel Beifall und zahlreiche Bravo-Rufe

Nach 65 Minuten ist Schluss. „Ich mach jetzt Feierabend“, sagt die Kassiererin. „Noch irgendwelche Reklamationen?“ Nein, im Gegenteil. Minutenlanger Beifall wird dem 13-köpfigen Theaterensemble zuteil, garniert mit Bravo-Rufen und anerkennenden Pfiffen. Das Publikum ist begeistert. Doch der Stoff will auch erstmal verarbeitet werden. „Ich bin noch ein wenig verwirrt“, verrät eine Zuschauerin nach dem Schlussapplaus. „Ich muss das Ganze jetzt sortieren und mich mit meinen Freundinnen austauschen.“ Marianne Dominas, extra aus Bottrop angereist, ist da schon etwas weiter: „Toll. Ich bin Lehrerin und mache selbst Theater mit meinen Schülern. Von daher war das hier eine ganz neue und willkommene Erfahrung für mich. Beeindruckend fand ich, wie gut die Schauspieler die doch sehr speziellen Typen dargestellt haben.“

Stammkundin hatte die Idee

Voll des Lobes ist auch „Gastgeber“ Johannes Artmann. „Vieles von dem, was heute Abend gespielt wurde, erlebe ich jeden Tag“, lacht er. Artmann war von Anfang an Feuer und Flamme für dieses Projekt: „Ich bin für solche Sachen immer offen. Kultur im öffentlichen Raum finde ich genial.“ „Schuld“ an der Aufführung hat eine Stammkundin von ihm: Petra Janßen aus Querenburg, Mitglied der Theatergruppe, kauft hier regelmäßig ein und hatte die Idee, das Stück am Birkhuhnweg zu spielen. Artmann war sofort dabei. Und auch Regisseurin Sandra Anklam wurde überzeugt: „Ich hatte schon mal vergeblich versucht, für eine Aufführung mit Jugendlichen einen Supermarkt zu finden. Jetzt rannten wir plötzlich offene Türen ein. Toll.“

Nur noch Restkarten (an der Abendkasse) sind für die zweite Aufführung von „Hysterikon“ bei Naturkost Artmann am Donnerstag, 17. Januar) zu haben.

Auch das Fernsehen verfolgte die Premiere. Der Bericht ist am Mittwoch, 16. Januar, zwischen 19.30 und 20 Uhr in der WDR-Lokalzeit Ruhr zu sehen.

 
 

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