Kleingärten in Bochum wollen weg vom Biedermann-Image

Jimena Salloch, Jonas Erlenkämper
Bochumer Mädchen: Yvonne Richter (27) – hier mit Freund Dennis (27), dessen Sohn Chris (7) und ihren Eltern Günter (48) und Michaela (47) – hat vor zwei Monaten einen 500 Quadratmeter großen Garten übernommen.
Bochumer Mädchen: Yvonne Richter (27) – hier mit Freund Dennis (27), dessen Sohn Chris (7) und ihren Eltern Günter (48) und Michaela (47) – hat vor zwei Monaten einen 500 Quadratmeter großen Garten übernommen.
Foto: WAZ FotoPool
Spießigkeit und Gartenzwerg-Idylle waren gestern: Immer mehr Kleingarten-Vereine werben aktiv um junge Familien und Migranten. Um Nachwuchs in die Gärten zu locken, lassen viele bei den einst strengen Regeln Fünfe gerade sein.

Bochum. Alt ist die Anlage Osterbecke geworden, stolze 82 Jahre hat sie auf dem Buckel. Modern und angenehm kommt dagegen der Zeitgeist des Riemker Vereins daher. „Nein zu Rassismus“ steht auf diversen Schildern, aufgestellt jüngst beim großen Jubiläumsfest. „Das brauchen wir nicht, das wollen wir nicht“, betont Christa Gombert, Vorsitzende des über 86 Parzellen verfügenden Kleingartenvereins.

Weltoffen, entspannt, jung – so präsentieren sich immer mehr der 80 Bochumer Kleingarten-Anlagen. Die Vereine arbeiten an einem Imagewandel, wollen nicht mehr als Refugium von Gartenzwerg-Biedermännern wahrgenommen werden. „Wir handhaben die Vorschriften relativ locker. Wir wollen die Gärten schließlich verpachten“, sagt Gerhard Stahl, zweiter Vorsitzender des KGV Friederika in Altenbochum. 15 bis 20 Prozent der Parzellen werden dort von jungen Familien genutzt.

Keine Spur von Spießigkeit

Auch viele Migranten entscheiden sich für einen Garten: In der Anlage Osterbecke kommen sie ursprünglich aus der Türkei, aus Rumänien, ganz gleich. Für Kinder sei das alles eh kein Problem, sagt die Vorsitzende. „Die gehen mit dem Thema ohnehin locker um.“ Die zweifache Großmutter freut es vor allem, dass es so viele junge Familien in ihren Kleingarten an der Grummer Straße zieht. „Alle Generationen sind vertreten“, weiß Christa Gombert. „Wir bilden eine echte Gemeinschaft.“

Dazu gehören auch ihre Tochter, der Schwiegersohn und die beiden Enkel Laura und Jonas, sechs und drei Jahre alt. Die Eltern Timo und Sandra Struck kauften vor dreieinhalb Jahren eine Parzelle. „2000 Euro haben wir gezahlt und mussten noch viel machen“, so Timo Struck. „Dafür haben wir jetzt einen Garten.“ Sehr zur Freude der Kinder, die vergnügt im Planschbecken spielen.

Man muss sich an Regeln halten

Zur Gemeinschaft gehört seit zwei Monaten auch die Familie Richter/Hoffmann. Da ist zum einen Yvonne Richter, 27 Jahre alt, mit ihrem Lebensgefährten und dessen Sohn Chris Hoffmann, sieben Jahre alt. Gemeinsam mit ihren Eltern hat Yvonne Richter eine Parzelle im KGV Osterbecke gekauft – 500 Quadratmeter groß. Ob ein Kleingarten denn nicht spießig sei? „Auf gar keinen Fall“, sagt die junge Frau – und ihre Mutter Michaela betont: „In dieser Anlage läuft niemand mit dem Zollstock herum und misst die Hecken.“

Gewiss, an Regeln habe man sich zu halten, aber das wird gerne in Kauf genommen. Besonders genießen sie das frische Obst und Gemüse aus dem eigenen Beet. Garantiert Bio eben. „Wir sind fast jeden Tag hier und wenn wir es mal zwei Tage nicht schaffen, dann sind wir traurig“, so Yvonne Richter, die als Altenpflegehelferin arbeitet. „Einen Pool haben wir für den Kleinen, Fußballtore, einen Teich.“ Und über laute Kinder beklagt sich in dieser Grünanlage auch niemand.

KGV Wohlfahrt lädt Stadtkinder ein

Viele Vereine setzen auf die neue Lust der Jüngeren am Gärtnern, um selbst zukunftsfähig zu bleiben. Der KGV Wohlfahrt in Wiemelhausen wirbt gezielt um Stadtkinder: „Wir machen Reklame und laden Kindergärten auf unseren neuen Spielplatz ein“, sagt der Vorsitzende Werner Gilsing. Auf diese Weise habe sich die Anlage in den letzten zwei, drei Jahren deutlich verjüngt. Auch Gärtner mit türkischen Wurzeln heißt er ausdrücklich willkommen.

Vereine, deren Vorstände die Heckenhöhe mit dem Lineal nachmessen und Kindern während der Mittagsruhe das Spielen verbieten, haben es im Wettbewerb schwer. Jedoch, so Gerhard Stahl: „Viele denken schon um.“