Keine Spur von Politikverdrossenheit bei Jugendlichen aus Hattingen

Politik - Nein, danke? Podiumsdiskussion mit Politikern im RUB-Schülerlabor: Es geht um politische Partizipation Jugendlicher. Foto: Gero Helm
Politik - Nein, danke? Podiumsdiskussion mit Politikern im RUB-Schülerlabor: Es geht um politische Partizipation Jugendlicher. Foto: Gero Helm
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Für das Projekt "Politik? Nein, Danke" haben Schüler in einer Online-Umfrage über 200 Jugendliche zum Thema Politik befragt. Zum Abschluss konfrontierten sie Politiker, wie etwa Bundestagspräsident Lammert, bei einer Diskussion mit ihren Ergebnissen.

Bochum/Hattingen.. Wie spannend Politik und wie nah am Leben Wissenschaft sein kann, erfuhren Schülerinnen und Schüler der 10. und 11. Jahrgangsstufe des Hattinger Gymnasiums Waldstraße.

Die Jugendlichen erarbeiteten im Alfried-Krupp-Schülerlabor an der Ruhr-Universität eine Umfrage mit dem Thema „Politik? Nein, Danke.“ Zum Abschluss des Projektes konfrontierten sie ganz reale Politiker, darunter Bundestagspräsident Prof. Norbert Lammert bei einer Podiumsdiskussion mit ihren Ergebnissen.

Vorweg zu den Resultaten der Online-Befragung, an der sich immerhin 204 junge Menschen beteiligten. Von den Befragten gaben 84 Prozent an, politisch nicht aktiv zu sein. Zudem finden die Jugendlichen (91 %), dass die Politiker nicht genug tun, um sie für Politik zu begeistern. Viele fühlen sich zudem nicht sonderlich von der Politik repräsentiert, weil etwa häufig nur ältere Erwachsene als Politiker bekannt seien. Als Möglichkeiten der Verbesserung schlug die Projektgruppe etwa vor, dass jedem Minister sozusagen ein Jugendlicher zur Seite gestellt würde, um den Profi zu beraten. Außerdem regten sie an, dass es regelmäßige Newsletter geben könne, die unparteiisch über aktuelle für Jugendliche interessante Themen informieren könnten.

Podiumsredner stellten sich den Fragen der Schüler

Die Menschen am Podium, Bundestagspräsident Prof. Norbert Lammert (CDU), Landrat Dr. Arnim Brux (SPD), NRW-Landessprecherin Katharina Schwabedissen (Linke), NRW-Landesvorsitzender Sven Lehmann (Grüne), Alexander Willkomm (FDP) und Lukas Göbel, Sprecher des Jugendparlamentes Hattingen, mussten sich später den Fragen der Schüler und Schülerinnen stellen.

Dabei führten die Gymnasiasten ein strenges Regiment. Selbst der Bundestagspräsident wurde einmal deutlich auf die Überschreitung seiner Redezeit (eineinhalb Minuten) hingewiesen. Ein Recht, das er in Berlin sonst gern selbst ausübt. Doch Lammert ist Profi genug, so etwas mit einem Lächeln hinzunehmen. Er freute sich über das Engagement der Schüler, auch wenn er im Grundsatz gegen die von manchen geforderte Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre ist: „Es ist aber doch Euer gutes Recht, jedes Mal neu zu überlegen, wem ihr eure Stimme geben wollt.“

Katharina Schwabedissen unterstrich, dass es doch ein sehr wichtiges Recht sei, „die eigene Zukunft zu gestalten“. Politiker zu sein, müsse jedoch erlernt werden, obwohl mit Sicherheit die „Leidenschaft für Politik mit 16 am größten ist“. Dass die Fähigkeit, „sich auch als Politiker einmal infrage stellen zu lassen“ nicht verloren gehen sollte, fand Sven Lehmann, dem ein Dialog mit jungen Leuten sehr wichtig ist.

"Nehmt die Sache selbst in die Hand"

Für Arnim Brux, dem Landrat im Ennepe-Ruhr-Kreis, steht im Vordergrund, dass Jugendliche sich überhaupt um Politik kümmern, dass müsse nicht unbedingt in politischen Parteien sein, die häufig schon etwas angestaubt seien, wobei er die eigene (SPD) ausdrücklich einschloss.

Alexander Willkomm fände es wichtig, wenn Politiker noch mehr das Internet, etwa den Twitter-Dienst nutzen, um mit ihren Aussagen auch Jugendliche anzusprechen.

Ein schönes Schlusswort fand Norbert Lammert: „Das politische Engagement hat sich verändert. Das Interesse ist zwar noch da, aber es ist wesentlich punktueller geworden. Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Wartet nicht auf Veränderungen, sondern nehmt die Sache selbst in die Hand.“

Trotz unterschiedlicher Parteibücher gab es am Podium niemanden, der da widersprechen wollte – und das nicht (allein) aus Respekt vor dem zweithöchsten Amt in der Bundesrepublik.

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