Kassierer Wölfi Wendland „putscht“ gegen Oberbürgermeisterin

Timo Gilke
„Der Putsch“-Team v.l.n.r.: Wolfgang Wendland (Jens Markowitz), Patrick Joswig (Holtbrinck), Rolf Berg (Manfred Bott), Dagmar Geppert (Bettina Bott), Oliver Salkic (Regie), Dario Albiez (Sounddesign), Sebastian Büttner (Autor & Produzent)
„Der Putsch“-Team v.l.n.r.: Wolfgang Wendland (Jens Markowitz), Patrick Joswig (Holtbrinck), Rolf Berg (Manfred Bott), Dagmar Geppert (Bettina Bott), Oliver Salkic (Regie), Dario Albiez (Sounddesign), Sebastian Büttner (Autor & Produzent)
Foto: Sebastian Büttner
Wendland putscht, Joswig koordiniert, die Kassierer musizieren: Sebastian Büttner bringt mit „Der Putsch“ eine Ruhrpottsatire ins Radio.

Wattenscheid/Bochum/Bottrop. Bochum war gestern, Bottrop ist heute. Wolfgang „Wölfi“ Wendland (Sänger „Die Kassierer“) ist zurück im Wahlkampf. Marketingmanager des Vertrauens: Schauspieler Patrick Joswig. Zusammen erheben die beiden ihre Stimmen und schwere Vorwürfe gegen die amtierende Oberbürgermeisterin Bettina Bott, die konspirierend ein Öko-Paradies anstrebt. Klingt komisch?

Das können geneigte Zweifler am 12. April selbst beurteilen: um 19.05 Uhr feiert „Der Putsch“, das knapp einstündige Hörspiel von Autor und Produzent Sebastian Büttner, auf WDR3 Premiere.

„Gelungene Groteske“

Freibier für Nichtwähler, politische Intrigen, Machtkämpfe – im fiktiven Büttner-Bio-Bottrop geht es wahrhaftig um die Wurst(-fabrik). Kontaminiert sei das ehemalige "KyssenTrupp-Gelände", begründet OB Bott (Sprecherin: Dagmar Geppert) den Boykott einer „vollautomatischen“ Fleischproduktionsstätte.

Ihr dürstet es sowieso nach Bio-Landwirtschaft und Solarautos. Wurstfabrikant Jens Markowitz (Sprecher: Wendland) sieht das natürlich anders, ahnt „dat irgendwat faul is“ und kandidiert kurzerhand selbst als Stadtoberhaupt. Würzt man die Grundhandlung noch mit einer ordentlichen Prise Satire, fügt fein filetierte Scheiben Realität hinzu und dreht dann alles ohne Rücksicht auf Verluste durch den Fleischwolf, kommt ein Ruhrpott-Hörspiel allererster Kajüte heraus.

Die Idee zur „gelungenen Groteske aus Migration, Kommunalpolitik und Wurst“ (Wendland) kam Büttner vor einigen Jahren: „Im Rahmen von Recherchen habe ich festgestellt, dass man eine Kommunalwahl tatsächlich gewinnen könnte, wenn man genügend gekaufte Wähler in eine Stadt als Neubürger einschleust.“

Nicht von ungefähr fiel die Wahl auf Bottrop. Die kreisfreie Stadt ist seit 2010 tatsächlich „Innovation City“, Millionen Euro flossen und fließen in den Klimaschutz und die Reduzierung des CO2-Ausstoßes: „Es spricht natürlich nichts dagegen, dass man etwas für die Zukunft macht“, trennt Büttner Fiktion und Wirklichkeit. „Witzig“ fand er damals lediglich das Imagevideo zum Pilotprojekt, welches seinen „Putsch“ anzettelte.

Die große Gesamtpersiflage auf Bio, Solar und Klimaschutz, (Fleisch-)Industrie, machthungrige Politiker, den fragwürdigen „Popularitätsschub“ einer bestimmten „alternativen“ Partei und Demokratie-Desinteressierte, die man mit der Aussicht auf freies Gerstensaftgeleit aus der selbst gewählten Gleichgültigkeit holen und protestierend auf Land und Leute loslassen kann, macht vor nichts Halt. Und ist damit – freilich überspitzt – verstörend vertraut mit dem Puls der Zeit.

Nicht mit erhobenem Zeigefinger

Joswig: „Das Hörspiel kommt auf eine parodistisch-verzerrte und absurde Art der aktuellen Situation sehr nah und daher mit perfektem Timing ins Radio.“ Gleichzeitig verzichtet man auf den erhobenen Zeigefinger: „Es ist im positiven Sinne satirisch, ohne belehren zu wollen“, betont Wendland. Regie führte bei der WDR-Produktion Oliver Salkic.

Auch Einslive putscht 

Vier Tage lang wurde Anfang des Jahres in einem Düsseldorfer Tonstudio aufgenommen. Gemeinsam wurden Charaktere besprochen und geschärft und schließlich die Mikrofone besetzt.Für Wendland, trotz zahlreicher Plattenaufnahmen als Kassierer-Sänger und des Hörspiels „Der Sackabreißer von Wattenscheid“, gewöhnungsbedürftig: „Es war schon schwierig neben den ganzen Schauspielern, die immer so exakt gesprochen haben, dass es sich wie eine Aufnahme vom Band anhörte.“ Joswig relativiert: „Seine markante Stimme passt schon wie Arsch auf Eimer. Anfangs ist es immer etwas ungewohnt, die eigene Sprechstimme zu hören.“

Kleinere Sprechrollen übernahmen auch Wendlands Bandkollegen. Die Kassierer steuerten zudem neue Songs zum Putsch bei, die „von den anderen geschrieben wurden“, so der Sänger. Den Soundtrack komplettieren Klassiker der Wattenscheider Kult-Punks.

Passend zur Premiere läuft am 12. April ein „Bandfeature“ mit Liedern und Interviews auf EinsLive, bevor um 23 Uhr auch dort „Der Putsch“ startet.