JVA Bochum zieht nach Ausbruchsversuch die Zügel an

Bernd Kiesewetter
JVA-Leiter Friedhelm Ritter von Meißner und seine Stellvertreterin Karin Lammel. Foto: Olaf Ziegler / WAZ FotoPool
JVA-Leiter Friedhelm Ritter von Meißner und seine Stellvertreterin Karin Lammel. Foto: Olaf Ziegler / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool / Olaf Ziegler
Nach dem gescheiterten Ausbruchsversuch eines Schwerverbrechers aus der JVA Bochum hat die Gefängnisleitung einige Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Häftlinge müssen beim Verlassen der Gefängnis-Werkstatt die Sicherheitsschuhe ausziehen.

Bochum. Nach dem spektakulären Ausbruchsversuch eines Schwerverbrechers (50) am 16. Januar in der Krümmede hat die JVA-Leitung die Zügel angezogen. Über zehn Häftlinge, die in einer Zelle mit alten Eisengittern saßen, wurden „umgebettet“, wie es im Knastjargon heißt. Sie kamen in Zellen mit dem härteren Manganstahl.

Das erklärte am Donnerstag JVA-Leiter Friedhelm Ritter von Meißner bei einer Jahrespressekonferenz.

Außerdem müssen jetzt alle Häftlinge, die in einer Werkstatt arbeiten, beim Verlassen des Arbeitsplatzes ihre Sicherheitsschuhe ausziehen, um sie besser auf eventuell geschmuggelte Werkzeuge überprüfen zu können. Denn die Metalldetektoren, die die Häftlinge absuchen, schlagen auch allein wegen der Metallschutzkappe an der Arbeitsschuhen an. Und es gebe weitere „neue Kontrollen“, die die JVA nicht näher erläutern wollte.

„Eigentlich hat unsere Sicherheit funktioniert“

Anlass dazu ist der gescheiterte Ausbruch eines gefährlichen Mannes, der seit fast 30 Jahren wegen Raubes mit Todesfolge und weiterer Überfälle eingesperrt ist. Er sitzt „lebenslänglich“, wie rund 30 weitere Gefangene in Bochum. Er hatte mit Sägeblättern, die man in seinen Schuhen fand, die Gitter seiner Zelle im 4. Stock durchtrennt, sich in zwölf Metern Höhe an der Dachrinne hochgehangelt, dann Dachziegel hochgeschoben und sich im Dachboden verkrochen. Von dort kam er aber nicht weiter. Stunden später wurde er unterm Dach von Vollzugsbeamten entdeckt.

Die Sägeblätter stammen nicht aus der JVA, sondern von einer Fremdfirma, die in der JVA tätig war, wie von Meißner mitteilte. Die Herkunft des Handys und des nachgemachten funktionsfähigen Durchgangsschlüssels - beides wurde ebenfalls bei dem Häftling gefunden - sei weiterhin unbekannt.

„Eigentlich hat unsere Sicherheit funktioniert“, sagte von Meißner. Schließlich sei der Häftling ja gescheitert. Sein ausgedachter Weg sei lebensgefährlich gewesen. Aber jeder würden das Lebensrisiko anders einschätzen. Er selbst, so der JVA-Leiter, hätte sich „nicht ansatzweise an die Dachrinne gehängt“, weil sie hätte abbrechen können.

Der Verbrecher war zur Tatzeit „normal“ gesichert, sagte von Meißner. Anfang 2011 habe es zwar Hinweise von Gefangenen über Ausbruchspläne gegeben. Die Polizei habe das aber geprüft und erklärt, dass da „nichts dran“ sei.

Rückblickend, räumt von Meißner ein, habe man dann "falsch gelegen". Aber das Falschliegen passiere doch auch bei Beziehungs-Angelegenheiten außerhalb der Gefängniswelt. Trotzdem: „Zufrieden stellt uns das nicht.“

„Jeder muss eine Chance haben, wieder integriert zu werden“

Der Täter sitzt jetzt in strenger Einzelhaft, darf nicht mehr arbeiten und Sport treiben. Vorher durfte er das. Von Meißner erinnerte in diesem Zusammenhang mit kräftiger Stimme an die Wichtigkeit, die Gefangenen auf ein normales Leben vorzubereiten. „Nur Wegsperren bringt keine Veränderung.“ Die Häftlinge seien „nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen“. Es seien „gewisse Grundrechte eingeschränkt, aber nicht aberkannt“. „Jeder muss eine Chance haben, wieder integriert zu werden.“

Nach dem Ausbruchsversuch muss der Gefängnis-Leiter aber einräumen: „Ab und zu müssen wir mit Enttäuschungen leben.“ Er sei aber nicht die JVA, sondern der Täter gewesen, der „den Vertrag gebrochen“ habe.

Drei Häftlinge konnten seit 2003 fliehen

In der JVA Bochum (740 Häftlinge) konnten seit 2003 zwei Häftlinge fliehen. Beide nutzen damalige Baumaßnahmen. Erfolgreich fliehen konnte allerdings 2011 auch ein Häftling bei einem von JVA-Beamten begleiteten Familienbesuch. Andere Versuche scheiterten teils grausam. Ein Häftling verhedderte sich 2007 im Nato-Draht und sackte unter seinem Gewicht immer tiefer in die messerscharfen Spitzen.