"Jagdtrieb": Experte kritisiert Polizei-Verfolgungsjagden

Felix Laurenz
Geht die Polizei bei manchen Verfolgungsjagden rücksichtslos vor? Das glaubt zumindest der Bochumer Krimnologe Thomas Feltes.
Geht die Polizei bei manchen Verfolgungsjagden rücksichtslos vor? Das glaubt zumindest der Bochumer Krimnologe Thomas Feltes.
Foto: iStock
Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes übt heftige Kritik an Polizei-Verfolgungsjagden. Er sieht bei den Beamten einen gefährlichen "Jagdtrieb".

Essen/Bochum. Kriminologe Thomas Feltes von der Ruhr-Uni in Bochum glaubt, dass die Polizei sich bei Verfolgungsjagden häufig rücksichtslos verhält. Beamte würden einen "Jagdtrieb" entwickeln, durch den sie über "Risiken und Nebenwirkungen" ihres Verhaltens nicht mehr nachdenken könnten. "Dann werden zum Beispiel Jugendliche mit 100 Stundenkilometern durch die Innenstadt gejagt, nur weil sie zuvor einen Böller in einen Abfalleimer geworfen haben."

Anlass für Feltes' Kritik ist eine Verfolgungsjagd in Baden-Württemberg bei der vergangene Woche drei Menschen starben. "Man hätte sehr schnell von der Verfolgung absehen müssen", sagt Feltes. Das Risiko sei für alle Verkehrsteilnehmer so groß, dass "es einen sehr guten Grund für die Verfolgung geben muss". Dieser ist laut Feltes nur gegeben, wenn durch die Verfolgung "möglicherweise schwere Straftaten, die unmittelbar bevorstehen, verhindert werden". Nur weil sich jemand einer Kontrolle entziehen wolle, dürfe man nicht "Leib und Leben" anderer Verkehrsteilnehmer gefährden.

Auch in NRW gibt es immer wieder gefährliche Verfolgungen

"Vor allem in Großstädten kommt es immer wieder zu Situationen, die von der Polizei nicht mehr beherrschbar sind", glaubt Feltes: "Es werden vom verfolgten Fahrzeug rote Ampeln überfahren, die Vorfahrt wird nicht beachtet, und andere Verkehrsteilnehmer werden gefährdet."

Tatsächlich kommt es auch in Nordrhein-Westfalen immer wieder zu gefährlichen Verfolgungen durch die Polizei. In Essen prallte im März ein 18-Jähriger auf der Flucht vor der Polizei gegen eine Hauswand und verletzte sich. Und in Düsseldorf raste ein Quad-Fahrer während der Flucht vor der Polizei mit mehr als 100 Stundenkilometern über rote Ampeln und fuhr sogar in den Gegenverkehr.

Feltes fordert strengere Regeln

"Das Innenministerium sollte klare Regelungen erlassen, wann und unter welchen Bedingungen solche Verfolgungsfahrten zulässig sind", fordert Feltes. Dass neue Regeln nötig sind, glaubt man beim NRW-Innenministerium allerdings nicht: "Wenn eine Verfolgungsfahrt zu einer Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer oder des Verfolgten führt, haben Beamte schon jetzt die Anweisung, die Verfolgung abzubrechen", so ein Sprecher des Ministeriums. Es gebe ausreichend strenge Regeln. Wie genau diese aussehen, wolle man aber nicht öffentlich machen,.

Es sei auch nicht möglich, die Verfolgung ausschließlich dann aufzunehmen, wenn dadurch weitere Straftaten verhindert werden: "Als Beamter weiß ich nur, dass sich ein Autofahrer nicht kontrollieren lassen will. Ich weiß nicht, warum." Um das festzustellen, müsse man die Verfolgung aufnehmen.