Indische Gegenwartskunst verwirrt die Sinne

Tom Thelen
Thukral und Tagra sprechen im Museum Bochum über ihre Installation.
Thukral und Tagra sprechen im Museum Bochum über ihre Installation.
Foto: WAZ FotoPool / Ingo Otto
„Sparsha. Berührung der Sinne. Ritual und zeitgenössische Kunst“ ist die zentrale Ausstellung des Kunstmuseums in diesem Jahr. Gezeigt werden 16 Positionen und historische Objekte. Die Schau fordert den Besucher heraus.

Bochum.  Schauplatz rauschhafter Farbenfeste, Sehnsuchtsort hippiesker VW-Busreisen mit psychedelischer Musik, spirituelle Tankstelle für Aussteiger und dennoch High-Tech-Nation. Doch medial genauso präsent auch Gruppenvergewaltigungen und religiöse Auseinandersetzungen. Der Subkontinent Indien mit seinen 1,2 Milliarden Menschen ist ungreifbar. Ihm versucht das Kunstmuseum mit seinem großen Jahresprojekt näher zu kommen: „Sparsha Berührung der Sinne“ ist die wohl deutschlandweit erste Übersichtsschau zur indischen Kunst der Gegenwart.

Kulturübergreifende Ausstellungsprojekte sind so etwas wie das Markenzeichen des Bochumer Hauses geworden: „Jüdische Perspektiven“ waren es 2003, islamische Kunst 2010, „Buddhas Spur“ wurde 2011 verfolgt. Nun begibt sich das Haus auf die Spuren des Rituals und seiner Verbindungen zur indischen Gegenwartskunst. 16 Künstler wurden eingeladen, verantwortlich dafür vor allem Thomas Hensolt, der intensiv über das Thema recherchiert hat. Neben den Gegenwartskünstlern, die teilweise angereist sind, um ihre Werke vor Ort einzurichten, gibt es etliche historische Kult-Gegenstände aus maßgeblichen europäischen Sammlungen zu sehen, die es den Besuchern erlauben Kontexte zu sehen und Kontinuitäten in der Formensprache zu entdecken.

Dennoch ist der Besucher doppelt herausgefordert. Einerseits ist moderne Kunst an sich herausfordernd, zum anderen sind die grundsätzlichen kulturellen Hintergründe hier extrem komplex. Ein Beispiel dafür: nur zwei der 16 beteiligten indischen Künstlerinnen und Künstler verbindet eine gemeinsame Muttersprache.

Entsprechend lässt sich auch nur schwer eine einheitliche Tendenz ausmachen. Will man unbedingt solche benennen, so sind es vielleicht die Auseinandersetzungen mit Religion und Ritual und mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft.

Etwa im Video des bekanntesten Vertreters der indischen Gegenwartskunst. Von Subod Gupta ist ein Video zu sehen, das ihn unter der Dusche zeigt, während sich sein Körper nach und nach mit Kuhdung bedeckt. Kuhmist, wie er in ländlichen Gebieten als Reinigungsmittel benutzt wird und in der ayurvedischen Medizin als Heilmittel. Eine umgekehrte „Reinigung“, bei der ein schmutziger Gupta die Dusche verlässt, um sich dann per Fahrstuhl in die urbane Stadt zu begeben.

Monali Meher verwendet knallrote Wolle, um ein Bett zu umwickeln. Rot wird in Indien oft rituell verwendet, etwa in Form von Henna bei Zeremonien. Mit der Umhüllung enthebt sie Gegenstände ihrer alltäglichen Verwendung.

Eine interessante kulturelle Konfrontation spiegelt sich im Werk von Chitra Ganesh. Sie verbindet in Comic-Büchern und -Drucken weibliche Gottheiten mit der Superhelden-Ästhetik des amerikanischen Marvel-Kosmos.