„In Hogwarts ist es nicht mehr sicher“ – oder die lange Harry Potter Nacht

Foto: WAZ FotoPool

Bochum.. 24 Stunden Harry Potter im Kino. Samstagmorgen um 11 Uhr ging der Harry-Potter-Marathon im Union-Kinon in Bochum los. Acht Filme hintereinander wurden gezeigt . Volontärin Dinah Büssow war dabei.

Müssten sich die Fotos in der Zeitung nicht eigentlich bewegen? Der 24-Stunden-Harry-Potter-Marathon im Union Filmtheater ist zwar vorbei, aber noch lässt er mich nicht los. Wenn ein Zug vorbeirauscht, meine ich, es ist ein neuer Kampf zwischen Lord Voldemort und Harry Potter. Ob es den anderen etwa 200 Marathon-Guckern genauso geht? Wahrscheinlich schlafen sie schon alle und träumen von Riesenspinnen, -schlangen und feuerspeienden Drachen.

Samstag, 16.7., 10:30 - 11 Uhr: Ich muss verrückt sein. Ich bin auf dem Weg zum Kino. Um 11 Uhr beginnt dort das Dauer-Gucken. Alle acht Harry Potter Filme hintereinander. Von 11 Uhr am Samstagmorgen bis 11 Uhr am Sonntagmorgen. Und dabei kann ich nicht einmal behaupten Potter-Fan zu sein. Gelesen habe ich bis zur Hälfte des vierten Bandes und die ersten beiden Filme habe ich gesehen.

Schlafsäcke und Kissen unterm Arm

11-11.30 Uhr: Am Kinoeingang hat sich eine Schlange gebildet. Die meisten Besucher sind zwischen 16 und 25 Jahren. Aber auch einige, die älter sind, stehen dort mit dicken Rucksäcken. Viele tragen bequeme Kleidung und haben Schlafsäcke und Kissen unterm Arm. Ich entdecke einige T-Shirts mit „Harry Potter“- und „Harry Potter Marathon“-Aufdrucken. Die 16-jährige Katharina Lieli hat sich Harrys Blitz auf die Stirn gemalt. Auch ein paar eingefleischte Fans sind dabei. Sie tragen Zauberumhänge und Hogwarts-Kleidung. Sie sind Mitglieder des Harry-Potter-Fan-Clubs. Manche haben eine weite Anreise in Kauf genommen. Aus Holzwickede etwa, wie der 49-jährige Rüdiger Meier und sogar aus Linz, wie die 28-jährige Tweety (das ist ihr Nickname im Potter-Chat). Reinhard Menken (56) aus Bochum hat den ersten Film bereits zwölf Mal gesehen.

Rüdiger Meier trägt nicht nur einen Umhang, einen spitzen schwarzen Zauberhut und schwarze Pumps - er hat auch eine Harry-Potter-Tätowierung auf dem Unterarm, die er mir gerne zeigt. Ich kenne das Symbol nicht. Eine Schlange, die sich aus einem Totenkopf windet. Das ist das „Dunkle Mal“, wie er mir erklärt. Das Symbol von Voldemort. Mir schauert ein bisschen.

Ron spuckt Schnecken aus

11.30-13.50 Uhr: Der erste Film beginnt. Das Publikum klatscht. Im Moment sehe ich das Ganze noch als ein kleines Abenteuer.

13.50-14 Uhr: Alle klatschen als Gryffindor den Hauspokal gewinnt. Der erste Film ist zu Ende. Die Stimmung ist gut. Das finde nicht nur ich, sondern die meisten mit denen ich spreche. Christina Mika (19) aus Bochum, ist mit einigen, ebenfalls potter-begeisterten, Freunden hier. „Ich habe alle Bücher gelesen, aber ich bin kein Freak-Fan,“ sagt sie. Georg Walter (22), der mit ihr hergekommen ist, sieht das anders: „Jeder wird dich als Freak bezeichnen, wenn Du die 24-Stunden-Nacht mitgemacht hast,“ neckt er sie.

14.30-17 Uhr: Es gibt eine kurze Unterbrechung wegen einer Bildstörung. Ich überlege mir, ob ich Popcorn kaufen sollte, als Ron Wesely anfängt sich zu übergeben und schleimige Schnecken auszuspucken.

17 Uhr-17.50 Uhr: Schon nach dem zweiten Teil sind im Supermarkt gegenüber die Energy- und Cola-Fächer im Kühlschrank deutlich leerer. Ich entdecke so etwas ähnliches wie „Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung“. Angeblich sollen neben Schokoladen- und Butter-Popcorn- auch Nasenpopel- und Baby-Windelgeschmack dabei sein.

Harry Potter gewinnt sowieso jeden Kampf

17.50-19.45 Uhr: Hinter mir scheint jemand Schnecken auszuspucken - jedenfalls hört sich sein Husten so an. Harry Potter und Hermine reisen in der Zeit, um Harry Potters anderem Ich beizustehen. Das Publikum scheint sich an diesem Konstrukt nicht zu stören. Hermine und Harry fliehen gerade rückwärts um einen Baum laufend vor einem Werwolf, der sie natürlich jetzt von der anderen Seite überraschen wird, da ruft jemand aus dem Saal: „Hinter Euch!“ Der Rest der Zuschauer lacht. Mir geht der Film gerade auf die Nerven. Der Werwolf sieht aus als sei er direkt aus einem schlechten Computerspiel gesprungen und Harry Potter gewinnt am Ende sowieso jeden Kampf...

19.45-21 Uhr: Pause fürs Abendessen. Vor der Tür – im Bermuda-Dreieck sind die Potter-Fans gut zu unterscheiden von Junggesellenabschieden und anderen Kneipengängern. Man kann sie an den Jogginghosen erkennen und an ihren Augen. Meine fühlen sich auch viereckig an.

21 Uhr: Zum Glück bekomme ich jetzt Unterstützung. Eine Freundin wird von jetzt bis zum Ende der Nacht mit mir gucken. Jemandem ist sein nagelneues Smartphone so unglücklich unter den Sitz gefallen, dass er es nicht mehr herausbekommt. Vom Kino gibt es das Angebot für vier Freikarten, falls es jemand schaffen sollte das Gerät zu befreien.

21.50 - 22 Uhr: „Hogwarts ist kein sicherer Ort mehr“ - wie oft habe ich das jetzt schon gehört?! Es nervt mich. „Bei diesem (trimagischen) Tunier sterben Menschen.“ Menschen? Ich dachte es gibt nur Zauberer, Hexen und wenn überhaupt die verächtlich so genannten „Schlammblüter“ in Hogwarts, aber doch keine Menschen, oder?!

Viele haben die Schuhe ausgezogen

22 Uhr: Draco Malfoy wird in ein Frettchen verwandelt. Jolender Applaus aus dem Publikum. Ich stelle fest, dass ich den vierten Teil doch schon einmal – oder zumindest in Teilen – gesehen habe.

22.34 Uhr: Die Klatsch- und Uhhh-Ruf-Frequenz steigt. Entweder es ist die Droge „Harry Potter“ oder der allgemeine Alkoholpegel steigt.

23.24 Uhr: Langsam wird es wirklich anstrengend. Mein Rücken tut weh. Und der Film scheint immer lauter zu werden. Auch andere andere beklagen sich darüber.

Sonntag, 0 Uhr: Ich langweile mich und rechne aus, wie viele (endlos lange) Stunden noch vor mir liegen. Einem Gespräch auf der Damentoilette - zwischen Zähneputzen und Flasche umfüllen - entnehme ich, dass es anderen immer noch gefällt. Die Mädchen dort sind ganz angetan, obwohl sie diesen Teil schon mehrmals gesehen haben. „Ich finde heute die Filme alle irgendwie viel besser als sonst,“ sagt die eine.

0.10 Uhr: Mein Rücken tut weiterhin weh. Ich trinke meinen ersten Energy-Drink. Jetzt kommt auch mein neu erstandenes Nackenkissen zum Einsatz. Viele haben die Schuhe ausgezogen und die Füße auf den Vordersitz gelegt.

2.45 Uhr: Die Toiletten stinken. Mein Rücken tut immer noch weh. Die anderen machen einen wachen Eindruck, bis auf drei Leute, die mit Schlafsack und Rucksack davon ziehen.

2.50 Uhr: Ich kann keine ganzen Sätze mehr sagen, weil ich am Ende des Satzes den Anfang vergessen habe.

3.30 Uhr: Ich bin immer noch wach und ein bisschen beeindruckt von mir.

3.30 - 4.30 Uhr: Irgendwann bin ich wohl doch eingeschlafen. Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Pünktlich zu Dumbledores Tod bin ich aber wieder wach. Einige wenige klatschen. Ich bin irritiert. Habe ich etwas nicht verstanden? Oder sind die einfach nur blöd?

Frühstücksbuffet

5.15 Uhr: Frühstücksbuffet vor den letzten beiden Teilen. Jemand in der Schlange vorm Buffet stinkt fürchterlich. Einige unterhalten sich munter. Anderen merkt man die Müdigkeit an. Einer Frau fällt ihr Schal in die Toilette. Manche sehen aus, als würden sie gleich zusammenklappen. Kaffee und noch nicht leer gegessene Teller dürfen mit in den Kinosaal genommen werden. Gerade frage ich mich noch, ob das nicht manchmal schief geht, schon eilen zwei Jungen mit einem Stapel Papiertücher an mir vorbei.

6.15 Uhr: Es gibt Diskussionen, ob die Notausgangstür offen bleiben oder geschlossen werden soll. Einigen ist warm. Die Luft ist auf jeden Fall verbraucht. Anderen ist kalt. Mir auch ein bisschen. Aber draußen wird es auch wieder hell. Das Licht stört. Der Kompromiss ist: Abwechselnd zu- und aufmachen.

8.34 Uhr: Ich habe gerade tatsächlich ganz gut geschlafen, aber die vielen „Harry-“Schreie und Explosionen haben mich dann doch geweckt. Allerdings habe ich völlig den Faden verloren.

8.55 Uhr: Es gibt einen Energie-Cocktail vor dem Frühstück. Fruchtsaft entweder mit Milch oder mit Haferflocken(-Stückchen) gemischt. Die Gespräche werden nicht niveauvoller. Hier ein zufällig Gehörtes: „Ihh, Stückchen.“ „Ich mag Stückchen.“

9.34 Uh r: Endlich beginnt der letzte Teil. Ich bleibe wach. Es knallt und kracht.

11.34 Uhr: Ich habe es tatsächlich geschafft. Die Potter-Nacht ist vorbei!

Bilanz: Ich habe vielleicht anderthalb Stunden geschlafen, verteilt auf mehrere Filme. Ich habe folgende Wachmacher zu mir genommen: einen Cappuccino, zwei Tassen Kaffee, zwei kleine Flaschen Cola, einen Energy-Drink und eine Tasse Schwarztee.

Ich habe acht sehr lange Filme gesehen (jeder für sich und insgesamt sowieso). Meine Augen brennen trotz Augentropfen. Insgesamt war das zu viel Action und zu wenig Inhalt für meinen Geschmack. Außerdem nervt mich, dass Harry Potter sowieso immer gewinnt. Und ich habe bei vielen Kampfszenen das Gefühl, dass sie aus dem Vorfilm zusammengeschnitten wurden.

Trotzdem. Ich kann sagen: Ich war dabei und habe es geschafft.

 
 

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