Immobilienbranche hat Bochums Ehrenfeld entdeckt

Andreas Rorowski
Abschied nehmen müssen Deborah und Jürgen Bielawny von ihrem Laden an der Königsallee. Der Hauseigentümer hat ihnen gekündigt. Ende November zieht „Le Salon“ um zur Oskar-Hoffmann-Straße.
Abschied nehmen müssen Deborah und Jürgen Bielawny von ihrem Laden an der Königsallee. Der Hauseigentümer hat ihnen gekündigt. Ende November zieht „Le Salon“ um zur Oskar-Hoffmann-Straße.
Foto: FUNKE Foto Services
  • Bochums Kreativquartier Ehrenfeld hat sich prächtig entwickelt
  • Nun gibt es Anzeichen für einen beginnenden Verdrängungsprozess
  • Immobilienunternehmen sehen sich im Viertel nach Anlagen um

Bochum. Jürgen Bielawny ist aus allen Wolken gefallen. Im August hat der Inhaber des „Le Salon Vintage“, einem Bekleidungsgeschäft für klassische Garderobe, die Kündigung erhalten. Ende November muss er raus aus seinem Laden an der Königsallee, den er 2009 bezogen hat und der mit vielen anderen dazu beigetragen hat, dass sich das Ehrenfeld zu einem angesagten Kreativquartier entwickelt hat. Nun setzt ihn der Eigentümer, die IBS GmbH Immobilien GmbH, vor die Tür.

„Ohne Ankündigung und ohne vorher mit mir zu sprechen“, sagt der 53-Jährige. Wirtschaftlich treffe ihn das, weil er das Weihnachtsgeschäft nicht mehr in dem strategisch gut gelegenen Ladenlokal erledigen könne und überhaupt die gute Lage kaum zu ersetzen sei. „Aber ich finde auch diesen Umgang unglaublich, einen Kaufmann einfach vor die Tür zu setzen, der immer seine Miete bezahlt hat.“ Womöglich sei jemand bereit, mehr Miete zu bezahlen. Vor sechs Jahren, als die Hälfte der Läden in der Umgebung leer gestanden habe, sei das noch anders gewesen.

Kreative Akteure entdecken Viertel

Nun scheint im Ehrenfeld eine Entwicklung im Gange zu sein, die aus anderen Großstädten – vor allem aus Berlin – hinlänglich bekannt ist. Wenig attraktive oder sogar verrufene Viertel werden erst von kreativen Akteuren entdeckt, die Ideen verwirklichen, Geschäfte eröffnen, einem Kiez mitunter gemeinsam mit alteingesessenen Anwohnern und Geschäftsleuten ein neues, spannendes Gesicht geben – und die prompt Begehrlichkeiten wecken. Vor allem in Kreisen der Immobilienbranche.

„Da haben einige plötzlich den Dollarblick in den Augen.“ Friedhelm Lueg, SPD-Ratsmitglied und seit 40 Jahren im Ehrenfeld zu Hause, glaubt längst Zeichen eines Verdrängungswettbewerbs entdeckt zu haben. Es mache sich im Ehrenfeld eine Goldgräberstimmung breit, wie er sagt, die mit der Aufwertung des Viertels zu tun habe.

Gemeinsame Vereinbarung

Tatsächlich hat sich einiges getan rund um das Schauspielhaus. Oskar-Hoffmann-Straße und Königsallee sind saniert, das Musikforum ebenso fast fertig wie der Tana-Schanzara-Platz, zahlreiche Geschäfte und Geschäftsideen haben sich etabliert. „Es wurde einiges getan, was für das Ehrenfeld gut ist. Und vielleicht rächt sich das jetzt“, sagt Friedhelm Lueg.

Das macht sich auch an anderer Stelle bemerkbar. Für das unweit des „Le Salon“ gelegene Citytor-Süd liegt die Anfrage eines Investors vor, der dort ein Hotel errichten möchte. Dabei gebe es doch eine gemeinsame Vereinbarung mit der Stadt, dort ein Kreativquartier zu entwickeln, beklagt die Interessengemeinschaft Bermudadreieck, die darauf pocht, die ursprüngliche Zielsetzung nicht aus den Augen zu verlieren.

Warum die IBS GmbH dem „Le Salon“ die Kündigung schickte, ließ sich nicht klären. Die Anfrage der WAZ blieb unbeantwortet.

Butterbrotbar-Chefin: „Das hier ist noch nicht der Prenzlauer Berg“ 

Auch andere Ehrenfelder sehen erste Warnzeichen. „Dass die Mieten steigen, ist klar. Ich weiß dass einige Immobilienfirmen auf der Suche nach Häusern und Wohnungen sind, um hier Fuß zu fassen“, sagt Jürgen Schmiedchen, Ladenbesitzer und Sprecher der Werbegemeinschaft „Ehrenfelder Fachgeschäfte“.

Und wenn Mieten steigen, dann könne sich das nicht jeder der alteingesessenen Anwohner leisten. Sie müssen ausziehen. „Auch wir sind schon Opfer geworden und mussten aus unserem Laden heraus“, so Schmiedchen.

Tendenzen, die die Nachbarschaftsinitiative „Ehrenfelder Miteinander“ längst auch auf dem Wohnungsmarkt sieht. „Es ist eine Art Verdrängungswettbewerb da“, sagt Vorstandsmitglied Gabriele Gaul. Gut 11.000 Menschen leben im Quartier. Und einige mussten bereits in Außenbereiche des Viertels ausweichen, weil sie gestiegene Mieten nicht mehr bezahlen können.

Schwierig eine Wohnung zu finden

Gelassener betrachtet die Entwicklung derweil Maren Meyer zu Westerhausen. „Das hier ist noch nicht der Prenzlauer Berg, es gibt im Ehrenfeld noch Luft nach oben“, sagt die Inhaberin der Butterbrotbar. Und: „Es kommen immer noch ganz normale Leute zu uns.“

Allerdings werde es schon schwieriger, eine passende Wohnung im Sprengel zu finden. Denn, so die Auskunft von Mieterverein-Sprecher Aichard Hoffmann, das Ehrenfeld gehöre zu den „gefragten Wohnlagen“ der Stadt. Dort können Vermieter einen Mietaufschlag verlangen.