Immer mehr Flaschensammler rund ums rewirpower-Stadion in Bochum

Jürgen Stahl
Kai-Uwe Floren (links in der Fangruppe) ist einer von 40 Flaschensammlern am rewirpower-Stadion.
Kai-Uwe Floren (links in der Fangruppe) ist einer von 40 Flaschensammlern am rewirpower-Stadion.
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Mittlerweile sind es bis zu 40 Bedürftige, die die Besucher bei den Heimspielen des VfL Bochum ums Leergut bitten. Die WAZ hat einen der Flaschensammler begleitet - und ihn spontan ins Stadion eingeladen, das er seit Jahren nicht mehr von innen gesehen hatte.

Bochum. Seit wann er Flaschen sammelt? „Seit ich aus dem Knast bin“, sagt Kai-Uwe Floren. Ob wir das in der Zeitung schreiben dürfen? „Klar“, grinst der 48-Jährige und nimmt den Redakteur in den Arm. „Was, bitteschön, hab’ ich denn zu verlieren?“

Der Fipsi. Der Micha. Die Claudi. Der Pedder. Die anderen Blau-Weißen. Es sind wieder alle da, die Kai-Uwe Floren „meine Freunde“ nennt. Vor dem Ticket-Container am rewirpower-Stadion kommen sie zusammen. Es regnet in Strömen, das Bier fließt gleichermaßen. „VfL, wir sind da, jedes Spiel, ist doch klar!“, singen Fipsi, Micha, Claudi, Pedder und die anderen. Alle klatschnass. Alle mit ‘ner Pulle in der Hand. Kai-Uwe Floren stimmt mit ein. Als Einziger ohne Pulle. Als Einziger ohne Eintrittskarte für das Spiel gegen Union Berlin.

Stammplatz am Hochbeet

VfL-Fan ist der gelernte Koch, „seitdem ich denken kann“. Wann er zuletzt im Stadion war, weiß er nicht. „Das ist Jahre her.“ Auf jeden Fall vor seiner Zeit im Gefängnis. Warum er im Knast war? „Dumme Geschichte.“ Genaueres muss und mag er nicht erzählen.

Seit 2012 ist er auf freiem Fuß, lebt von Hartz IV. Gut 300 Euro, sagt er, bleiben ihm. Das Flaschensammeln vor dem Stadion bedeutet eine wichtige Einnahmequelle, in der Regel zweimal im Monat.

Drei Stunden vor Anpfiff macht er sich zu Hause an der Bessemer Straße auf den Weg. Zweieinhalb Stunden vor Anpfiff bezieht er seinen Stammplatz am Hochbeet vor der Ostkurve an der Castroper Straße, die Krümmede perfiderweise im Blick. Zu dieser frühen Stunde leeren die Fans daheim gerade ihr erstes Einstimmfläschchen. Floren wartet gerne. „Sonst stellt sich hier noch ein anderer hin.“

Keine Genehmigung nötig

Andere gibt’s reichlich. Sie werden immer mehr. Es sind rund 40 Flaschensammler, die bei VfL-Heimspielen auf Pfand-Jagd gehen. „Wir als Verein haben damit nichts zu tun. Es braucht keine Genehmigung oder dergleichen. Die Menschen sind ja im öffentlichen Bereich unterwegs“, erklärt VfL-Sprecher Christian Schönhals. Der Club stehe den Sammlern „grundsätzlich positiv gegenüber. Immerhin sorgen sie mit dafür, dass das Leergut verschwindet und nicht als Wurfgeschoss missbraucht werden kann.“

Kai-Uwe Floren ist mit seinem ollen Trolley und fünf Plastiktüten angerückt. Während die meisten anderen Sammler gezielt auf die Besucher zugehen und um das Leergut bitten, muss Floren kaum aktiv werden. Bereitwillig, oft mit einem netten Gruß („Hier, wie immer“) oder einer freundschaftlichen Umarmung, drücken ihm die Ostkurven-Fans die Flaschen (8 Cent Pfand) und Dosen (25 Cent) direkt in die Hand. „Die kennen mich eben. Sind alles meines Freunde.“

Durchschnittliche Ausbeute

Die Ausbeute beim Union-Spiel ist durchschnittlich. Der Trolley und die Tüten sind nicht ganz gefüllt. „20 Euro“, schätzt Kai-Uwe Floren. Zu Monatsbeginn sind es 25 Euro: „Dann haben die Leute noch Geld auf der Tasche.“ Am Monatsende sinkt die Trinkfreudigkeit spürbar. „Dann bleiben 15 Euro.“

Kurz vor dem Anpfiff sind seine Freunde längst im Stadion. Nur er steht in seiner durchnässten Fan-Jacke davor. Doch das letzte Heimspiel des Jahres ist auch seines. Auf WAZ-Kosten kann er „nach ‘ner halben Ewigkeit“ seinen Blau-Weißen wieder zujubeln.

Der VfL verliert 0:3. Für den Sammler war der Tag dennoch ein Gewinn.