„Horror-Haus“ von Höxter – Gutachterin: Angeklagter Wilfried W. ist vermindert schuldfähig

Der Angeklagte Wilfried W. wurde von einer Gutachterin als vermindert schuldfähig eingeordnet. Sie empfiehlt die Unterbringung in der Psychiatrie.
Der Angeklagte Wilfried W. wurde von einer Gutachterin als vermindert schuldfähig eingeordnet. Sie empfiehlt die Unterbringung in der Psychiatrie.
Foto: Guido Kirchner / dpa

Bochum/Höxter/Paderborn. Der Angeklagte Wilfried W. im Mordprozess um die tödlichen Misshandlungen im Horror-Haus in Höxter ist nach Einschätzung einer Gutachterin nur vermindert schuldfähig.

„Er beurteilt, besonders wenn er unter Druck steht, Dinge komplett falsch“, sagte die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh am Dienstag bei der Vorstellung ihres ersten Gutachtens zum Höxter-Prozess im Landgericht Paderborn.

Ein Schuss auf einen Menschen sei keine Straftat

Was eine Misshandlung sei, habe er nicht beantworten können. Seiner Meinung nach sei es keine Straftat, wenn eine Frau an eine Heizung angekettet würde. Auch ein Schuss auf einen Menschen sei nach seinem Verständnis keine Straftat, sagte Saimeh.

Wilfried W. tritt wie ein Schulkind auf

Das Verhalten des 48-Jährigen aus Bochum erinnere eher an das Auftreten eines Grundschulkindes, schilderte die Gutachterin. So sei ein Autounfall für ihn eine Straftat, weil die Polizei kommt. Abstraktes Denken könne er nicht. Sie hält ihn aus diesen Gründen für vermindert schuldfähig.

Anwalt einer Nebenklägerin äußert Zweifel

Saimeh soll im Auftrag des Gerichts klären, ob die beiden Angeklagten schuldfähig sind. Der Anwalt einer Nebenklägerin äußert Zweifel. „Der Mann saß bereits mehrmals im Gefängnis. Er weiß, was eine Straftat ist“, sagt Roland Weber. Er glaubt, dass es dem Angeklagten gegenüber der Gutachterin gelungen ist, das Bild seiner Person zu glätten und sich positiver darzustellen.

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Die Gutachterin aber vertiefte in ihrer mehrstündigen Darstellung, dass Wilfried W. keine stabile Vorstellung davon habe, was verboten ist und was nicht. „Sein moralisches Urteilsvermögen ist sehr brüchig und eigentlich immer von Menschen abhängig, die um ihn herum sind“, sagte Saimeh.

Dominante Frauen haben im Leben des Angeklagten Hauptrollen gespielt

Und hier würde sich eine Beobachtung wie ein roter Faden durch das Leben des Angeklagten ziehen. Immer hätten dominante Frauen eine Hauptrolle gespielt: Großmutter, Mutter und zwei Ehefrauen.

Leichte Intelligenzminderung und Persönlichkeitsstörung

Ihre Tests ergaben bei Wilfried W. eine leichte Intelligenzminderung mit einer Persönlichkeitsstörung. Gewalttätig reagiert der Angeklagte laut Gutachterin immer dann, wenn er Angst hat, die Kontrolle über eine Situation zu verlieren. Eine sadistische Neigung oder einen sexuellen Sadismus hat die Gutachterin dagegen nicht festgestellt.

Da Saimeh ein Wiederholungsrisiko und eine verminderte Steuerungsfähigkeit bei dem 48-Jährigen sieht, empfiehlt sie die Unterbringung in der Psychiatrie.

Über Jahre hinweg soll Wilfried W. mit seiner ebenfalls angeklagten Ex-Gattin Angelika W. mehrere Frauen aus Niedersachsen in ein Haus nach Ostwestfalen gelockt und dort schwer misshandelt haben. Der 48-Jährige und die 49-Jährige sind wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt.

Zwei Frauen starben bei der Qual im Horror-Haus

Zwei Frauen starben infolge der Quälereien. Beide Angeklagten beschuldigen sich gegenseitig, die treibende Kraft gewesen zu sein. Am 51. Prozesstag (Mittwoch) stellt die Gutachterin ihre Einschätzung der Angeklagten vor. Anschließend will sie ihre Schlüsse aus beiden Gutachten ziehen und die spezielle Beziehung der beiden in Höxter-Bosseborn einordnen.

Angelika W. als schuldfähig eingeordnet

Bei Angelika W. hatte Saimeh sich bereits in einem vorläufigen Gutachten auf schuldfähig festgelegt. Der Prozess war im November 2017 ins Stocken geraten, weil der ursprünglich als Gutachter für Wilfried W. bestellte Michael Osterheider sich in Widersprüche verwickelt hatte. Der Professor der Uni Regensburg wurde darauf von seiner Aufgabe entbunden. (dpa)

 
 

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