Hoch über Werne leben die Kretaner

Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool

Hoch oben über dem Stadtteil Werne erhebt sich eine Siedlung, die wie eine Exklave erscheint. Sie heißt Kreta. Die Alteingesessenen nennen sich „Kretaner“. Wer am Rande der Bebauung wohnt, genießt einen fabelhaften Fernblick: Im Osten schaut er weit nach Dortmund hinein und im Süden und Westen über fast ganz Bochum. Nur im Norden ist der Blick versperrt, denn Kreta ist nur der Südzipfel einer viel größeren Siedlung, die Holte heißt. Aber die gehört zu Lütgendortmund. Brüderlich nennt sich die Gesamtsiedlung also „Holte-Kreta“. Die Stadtgrenze verläuft mittendurch – der Harpener Hellweg.

Wer am nördlichen Gehweg wohnt, ist Dortmunder, wer am südlichen wohnt - Bochumer, Werner.

Wer Werne-Mitte über die Limbeckstraße verlässt, kann Holte-Kreta schon von weitem sehen. Zwischen prächtigen Feldern, ein Landschaftsschutzgebiet, geht es einige hundert Meter sanft hinauf. Der Name Kreta stammt von einer früheren Kirchengemeinde in Lütgendortmund. Der Kretaner Heinz-Jürgen Seland (59) erzählt aber, dass früher einmal Post, die von Bergkamen aus zu ihm nach Kreta adressiert gewesen sei, wegen des Namens erstmal nach Griechenland gegangen sei, bevor sie ihr richtiges Ziel erreicht habe. Er hat die Karte aufbewahrt.

Kreta besteht nur aus einer Handvoll Straßen. Fast alles - bis auf eine Technologiefirma an der ehemaligen Volksschule - ist reines Wohngebiet. Vor allem Bergarbeiter mit ihren Familien wohnten früher dort. Die Männer gingen auf die Zechen Robert Müser und Amalia. Viele Bergbau-Wohnhäuser - etwa auf der Borgmannstraße - stehen bis heute. Die einen sind äußerlich prima, die anderen weniger gut in Schuss.

Die Altenbochumerin Karin Dunkel ist in einem solcher Häuser dort vor 71 Jahren geboren worden, auf der Straße „Auf dem Gericht“. Es war, sagt sie auf einem Rundgang mit der WAZ, „eine Bombengeburt“. Es war Krieg. „Die Huchzeuge kommen“, habe sie als Kleinkind gesagt. Sie weiß es noch heute. Ihr Vater, „Hauer vor Ort“, habe sich bei den Angriffen über sie gebeugt und sie beschützt „wie eine Schale“.

Ihr Geburtshaus steht heute noch. Umfänglich renoviert ist es jetzt ein Doppelwohnhaus. „Was die da alles fein gemacht haben. Jetzt ist alles Eigentum“, sagt sie vor sich hin und taucht in tiefe Erinnerungen ab, denn bis 1964 hatte sie dort gelebt. „Ich kenne noch den Namen des Postboten. Schwarz hieß der. Hab ich behalten. Warum, weiß ich auch nicht.“ Ein andermal erzählt sie, dass damals, wenn jemand gestorben sei, kleine Trauerbänder an dessen Haustür gehängt worden seien, um zur Diskretion zu mahnen.

„Auf der Kreta“ - wie man dort sagt - geht es auch heute beschaulich zu. Am Wochenende, sagt ein Anwohner, sei dort der Hund begraben. Auch einen Supermarkt gibt es dort nicht. Wohl aber eine Gaststätte: „Vahrenkamp“ heißt das Traditionslokal. Früher wurden dort in einem angebauten Saal Tauben, Hühner und Kaninchen ausgestellt.

Dass die Stadtgrenze mitten durch die Siedlung verläuft, sorgt für gewisse Sonderbarkeiten. Die Kinder damals auf der Kreta, erzählt Karin Dunkel, hätten zum Mai-abendfest immer schulfrei gehabt. Die Kinder in Lütgendortmund aber nicht. „Die waren dann knatschig.“ Heute ist die Grundschulwahl frei. Viele Kinder von der Kreta gehen heute in die Holtegrundschule in Dortmund, andere aber auch aus Tradition in die Bochumer Maischützenschule.

Kreta liegt exponiert, aber nicht abgeschnitten. Rund zehn Kilometer sind es bis Dortmund-Mitte, ebensoviel bis Bochum-Mitte, zwei bis zum Ruhrpark. Heinz-Jürgen Seland, der Mann mit der kuriosen Griechenland-Post, sagt: „Ich fühle mich hier wohl. Ich zieh hier nicht weg.“ Seit 50 Jahren wohnt er dort.