Gesuchter Schwerverbrecher in der JVA Bochum gefasst

Bernd Kiesewetter
Der seit dem frühen Morgen in Bochum vermisste Häftling wurde am Montagnachmittag gegen 15 Uhr gefasst. Per Hubschrauber und Spürhunden suchte die Polizei den Schwerverbrecher, den JVA-Angestellte dann am Nachmittag unter dem Dach der Anstalt fanden und ihn wieder festnahmen.

Bochum. Ein sehr gefährlicher Schwerverbrecher hat am Montag stundenlang die JVA Bochum, die Polizei und die Strafjustiz in Atem gehalten. Als die JVA-Bediensteten dem 50-jährigen Rheinländer um 6 Uhr das Frühstück in seine Einzelzelle bringen wollten, war niemand mehr da. Stattdessen sahen die Beamten, dass der Häftling die alten Eisengitter seines Zellenfensters zersägt hatte. Erst am Nachmittag wurde der Mann geschnappt. Er hockte in einem Versteck auf dem Dachboden seines Hafthauses „in einer sehr versteckten Ecke“, wie der JVA-Leiter Friedhelm Ritter von Meißner der WAZ sagte.

Nachdem der Gefangene in „Krümmede“ verschwunden war, suchte ihn die Polizei seit dem frühen Morgen per Hubschrauber und Spürhunden. Als das Fahndungsprogramm immer weiter auf Touren kam, fanden aber JVA-Mitarbeiter den Häftling unter dem Dach - wenige Meter von seiner Zelle im obersten Stock entfernt. Gegen 15 Uhr entdeckten ihn die Bediensteten im Dachgeschoss, wo er sich versteckt hatte. Er ließ sich widerstandslos festnehmen.

Der Mann hatte im Dunkel der Nacht mit einer Feinsäge die Gitter zertrennt und sich an der Dachrinne rund einen Meter hochgezogen. Unter ihm gähnten rund zwölf Meter Abgrund. Er schaffte es, einige Dachziegel hochzuschieben und in das entstandene Loch zu schlüpfen. Vom Dachboden aus kroch er dann auf ein benachbartes Flachdach. Dort war ihm aber wohl die Höhe zu riskant, um zu springen und seine Flucht fortzusetzen. „Das scheint ihm Angst gemacht zu haben“, sagte von Meißner. Der Häftling zog sich wieder auf den Dachboden zurück. Woher die Feinsäge stammt, wird jetzt ermittelt. Meldungen über den Einsatz eines Bettlakens wurden nicht bestätigt.

Helfer außerhalb der JVA vermutet

Ermittelt wird auch, ob es Helfer gab. Denn die Polizei geht weiterhin davon aus, dass der Verbrecher bei seinem Ausbruchsversuch im Außen-Bereich der JVA Unterstützung erhalten habe; mehrere Spuren weisen darauf hin, auch ein sogenannter Mantrailer-Hund wurde dort eingesetzt. Die Spur verlor sich auf einem benachbarten Friedhof. Zuletzt war der Mann am Sonntagabend um 18 Uhr in seiner Zelle gesehen worden. Deshalb ist auch der genaue Zeitpunkt seiner Flucht unbekannt.

Dem 50-Jährigen droht jetzt (noch ernsthafter als ohnehin schon), dass er nie wieder auf freien Fuß kommt. Seit Ende 2009 sitzt er in der „Krümmede“ ein. Die JVA Bochum ist, nach Köln und Werl, die drittgrößte geschlossene Haftanstalt in NRW. Rund 730 Straftäter sitzen dort ein. Das Gefängnis hat Platz für 780 Gefangene.

Raub mit Todesfolge und sexuelle Nötigung

Der Mann hat in seinem Leben für Angst und Schrecken gesorgt und sogar schon ein Menschenleben auf dem Gewissen. 1983 hatte er zusammen mit seinem Bruder Raubüberfälle begangen und eines der Opfer geknebelt. Die Frau war nachher tot. Dafür bekam der damals noch blutjunge Mann „lebenslänglich“. 15 Jahre später - 1998 - beging er dann das nächste Verbrechen. Weil er in der JVA Düsseldorf als Mustergefangener galt, wurden ihm Hafterleichterungen gewährt. Er durfte Arbeiten für die JVA auch außerhalb des Gefängnisses erledigen. Das nutze er erneut für einen Überfall. Damals erbeutete er 58.000 Mark. Dafür bekam er dann 11,5 Jahre Haft. Obendrauf packten die Richter die Sicherungsverwahrung.

Die Polizei stufte den 50-Jährigen als sehr gefährlich ein. Der NRW-Landesvorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbeamten, Peter Brock, sagte der WAZ, dass der Häftling „eine tickende Zeitbombe“ sei. Er kenne den Mann. „Dem traue ich alles zu. Der ist schon brisant.“ Im Strafvollzug habe sich der Mann immer „fit“ gehalten.

Sicherheitsvorkehrungen in JVA Bochum „überaltert"

Brock beklagte, dass die JVA Bochum mit ihren teils über 100 Jahre alten Gemäuern teilweise nicht die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen habe. „Bochum hat eine alte Bausubstanz.“ Es würden zum Beispiel Detektoren an der Fassade fehlen, die Bewegungen an der Hauswand sofort per Alarm melden würden - quasi ein elektronischer Schirm. Auch das Sicherheitssystem an Zäunen sei - anders als in modernen Haftanstalten - nicht das aktuellste.

Erst vor einem Jahr war ein Libanese (26) auf spektakuläre und lebensgefährliche Weise aus der JVA Bochum ausgebrochen. Er entwich durch eine Dachluke, sprang von einem Flachdach sechs Meter in die Tiefe und dann noch einmal aus fünf Metern Höhe auf die Straße. Bis heute ist er nicht wieder gefunden worden. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Dortmund hatte vor wenigen Tagen der WAZ erklärt: „Ich gehe davon aus, dass er sich abgesetzt hat.“ Vermutlich in sein Heimatland Libanon, nimmt sie an. Er hatte wegen eines Raubes auf einen großen Dortmunder Supermarkt in U-Haft gesessen.

Weitere Flucht im August 2011

Auch im vergangenen August hatte es ein Häftling der JVA Bochum geschafft, zu fliehen. Ein 35-jähriger Türke hatte eine so genannte „Ausführung“ zu seiner Familie in Hattingen dazu benutzt, das Weite zu suchen. In einem unbeobachteten Moment kam er den JVA-Bediensteten, die ihn begleitet hatten, aus den Augen und flüchetete aus der Wohnung seiner Familie. Bis heute ist er nicht wieder aufgetaucht. Er hätte bis Mai 2016 wegen räuberischer Erpressung und Diebstahls einsitzen müssen.

Auch vor diesem Hintergrund soll nun der aktuelle Fall jetzt in den Rechtsausschuss des Landtages kommen. Der Minister solle Stellung nehmen, forderte CDU-Innenexperte Peter Biesenbach. Dabei dürfte dann auch eine Aussage vom JVA-Bediensteten Brock interessieren. Der Verbandschef wies am Montag auf überalterte Sicherheitsstandards in der Krümmede hin.

Ein Sprecher des Justizministeriums äußerte sich nach der Festnahme erleichtert. Der Fall zeige, dass die Gefängnisse in NRW sicher seien, sagte er. Der Ministeriumssprecher betonte, die Zahl der Gefängnisausbrüche in NRW seien nach Modernisierungen Mitte der 1990er Jahre deutlich zurückgegangen. Während vorher jährlich eine zweistellige Zahl an Fällen registriert worden sei, seien in den vergangenen Jahren nur noch ganz vereinzelt Gefangene geflohen.