Fliednerhaus bietet Hunderten Wohnungslosen Zuflucht

Bernd Kiesewetter
Karge Ausstattung, aber im Grunde sauber: Ein Mitarbeiter des Fliednerhauses reinigt ein Gemeinschaftszimmer für Männer.l
Karge Ausstattung, aber im Grunde sauber: Ein Mitarbeiter des Fliednerhauses reinigt ein Gemeinschaftszimmer für Männer.l
Foto: WAZ Fotopool
Am „Fliednerhaus“ neben dem VfL-Stadion klingeln jeden Abend zahlreiche wohnungslose Menschen an, um ein warmes Bett für die Nacht zu haben. Im vergangenen Jahr haben 548 Bedürftige diese Zufluchtsmöglichkeit genutzt.

Bochum. Wer hier anklingelt und um ein warmes Bett für die Nacht bittet, bei dem ist im Leben etwas kräftig schief gelaufen. Die „Übernachtungsstelle Fliednerhaus“ ist ein äußerlich trostloser Altbau im Schatten des VfL-Stadions, nur ein paar Schritte von der Westtribüne entfernt. Diese Schritte in die zweite Reihe einer Wohnbebauung sind aber für viele Menschen eine allabendliche

Zuflucht vor der Kälte und der Einsamkeit der Nacht.

Das Fliednerhaus ist die größte Bochumer Unterkunft für Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. 40 Betten stehen auf zwei Etagen kostenlos bereit: Im zweiten Stock schlafen bis zu acht Frauen, im ersten bis zu 32 Männer, überwiegend zwischen 30 und 50 Jahre alt. Ganz anders als die Westtribüne, die fast immer leer ist, herrscht im Fliednerhaus eine Auslastung von 80 bis 85 Prozent.

Manche jahrelang dort

Die Armut ist in diesem Notquartier ebenso gegenwärtig wie die abgestandene Zigarettenluft aus der Raucherzone. Tisch, Stuhl, Bett, Spint: Das ist das Mobiliar für alle Schlaflager. Hinzu kommt ein Waschraum. Teilweise haben die Bewohner einige Habseligkeiten wie Jacke, Hose und Zahnbürste zurückgelassen, bevor sie um 8 Uhr wieder auf die Straße müssen, denn tagsüber ist das Haus geschlossen. Zehn Bewohner klingeln jeden Abend an. Obwohl als Notlösung gedacht, leben einige jahrelang dort.

Großteils beziehen sie ALG II, suchen sich aber trotz eines gesetzlichen Anspruchs keine Wohnung. Verzweiflung, Depression, Schulden, Antriebslosigkeit, Scham und Überforderung mit der Bürokratie haben sie so ausgelaugt, dass sie sich mit einem Leben in diesem kargen Gemäuer arrangieren.

Morgens gibt’s Kaffee

Auf einem Gemeinschaftstischchen hat jemand einen Wecker aufgestellt, ein anderer eine zerknüllte Tüte Kartoffelchips und einen weißen Einwegplastikbecher mit Tee zurück gelassen, neben einem Gurkenglas. Unter einem Etagenbett stehen ein paar alte Pantoffeln. Auf einer Fensterbank liegt eine Packung Fertig-Grünkohl. Das Fliednerhaus hat eine kleine Küche, in der man sich etwas warm machen kann. Auch ein Gemeinschafts-TV steht parat. Morgens gibt’s Kaffee oder Tee, manchmal ein Frühstück.

Bier und Schnaps steht hingegen in keinem Zimmer. „Alkoholbesitz und Alkoholkonsum ist im Haus verboten“, warnt ein großes Schild im Flur. Das wird auch kontrolliert. Wer eine dicke Beule in der Jacke hat, ist verdächtig. „Sie können so zu sein wie sie wollen, haben sie aber Alkohol dabei, müssen sie ihn abgeben“, sagt Gerlinde Fuisting von der Wohnungslosenhilfe der Diakonie, die das Fliednerhaus im Auftrag der Stadt betreibt. Zwei volle Flaschen Billig-Wodka und weißer Rum im Büro, in dem sich jeder Gast am Abend ab 19 Uhr anmelden muss, zeugen von diesen Kontrollen. Ebenfalls zeugen davon die Tetra-Packs mit Weißwein („Burgherrn Domkellerstolz“), die aus dem Fenster gepfeffert wurden. Wer erwischt wird, muss raus. Außer es ist draußen bitter kalt, dann wird der Verweis verschoben.

80 Prozent der Bewohner hätten ein Suchtproblem

80 Prozent der Bewohner hätten ein Suchtproblem, sagt Gelinde Fuisting, die sich schon seit rund 20 Jahren um Wohnungslose in Bochum kümmert. Die Bewohner im Fliednerhaus seien alleinstehend oder „wieder“ alleinstehend. „Männer finden immer einen Schuldigen, wenn sie in dieser Lebenslage sind: Meist sind es die Ehefrauen oder die Mütter.“ Frauen hingegen würden die Ursache auch bei sich selbst suchen.

Im vorigen Jahr haben 548 verschiedene Menschen im Fliednerhaus Unterschlupf gefunden. Die Tendenz ist steigend. Einige waren schlecht oder gar nicht ausgebildet. Wenn dann der Job wegbricht, stürzt auch das ganze Lebenssystem mit Familie und Wohnung zusammen. „Das wird noch zunehmen, davon bin ich fest überzeugt“, sagt Gerlinde Fuisting.

In der Winterkälte ist das Fliednerhaus überraschenderweise nicht stärker besucht als in anderen Jahreszeiten. Eine Erklärung hat die Diakonie dafür nicht. Vielleicht hätten Bekannte der Wohnungslosen in der Kälte eher Mitgefühl und nähmen sie auf. Den Tag verbringenviele Besucher und Besucherinnen des Fliednerhauses in den Beratungsstellen der Diakonie am Westring 28 und der Hans-Böckler-Straße 28 oder im „Tagesaufenthalt“ an der Stühmeyerstraße 33. Manche haben ihre Postadresse dort. Einge, heißt es, treiben sich tagsüber auch in warmen öffentlichen Räumen wie zum Beispiel einem Einkaufszentrum herum, weil sie als Wohnungslose nicht erkannt werden wollen.