Extremtour für eine Welt ohne Waisenkinder endet in Bochum

Geschafft. Bochum war Zielort der Tour für eine „Welt ohne Waisenkinder“. Im nächsten Jahr ist Bochum Startort.
Geschafft. Bochum war Zielort der Tour für eine „Welt ohne Waisenkinder“. Im nächsten Jahr ist Bochum Startort.
Foto: Boravlov
  • Gennadiy Mokhnenko ist der „Chef“ des Projektes
  • Er ist im normalen Leben Pfarrer und Militärkaplan
  • Er geht mit bestem Beispiel voran, hat schon 32 Kinder adoptiert

Bochum. Die Gelegenheit ist günstig und Karlash und Kim nutzen sie. Die beiden jungen Männer aus der Ukraine schnappen sich das Tandem, das an der Glocke vor dem Rathaus lehnt und drehen schnell ein paar Runden auf dem Rathausvorplatz. Erstaunlich ist dabei der Spaß, den sie bei der Aktion zeigen. Vom Radfahren müssten sie eigentlich genug haben. Sie haben in den vergangenen zwei Monaten fast 4000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Sie sind sie von Kiew bis Bochum gefahren für das Projekt „World without Orphans“, eine „Welt ohne Waisenkinder. Für das haben sie gerade noch vor dem Rathaus geworben.

32 Adoptivkinder

Gennadiy Mokhnenko, ein kräftiger Mann um die 50, ist überzeugt davon, dass sie möglich ist, die Welt ohne Waisen. Und dabei müssen die Menschen noch nicht einmal das nachmachen, was er tut und getan hat. Das Radfahren ohnehin nicht. Aber auch den Rest nicht, was auch schwierig wäre. Wenn er nicht für den guten Zweck Fahrrad fährt, ist er Pfarrer und Militärkaplan. Knapp zwei Stunden vor dem Start der Radtour, habe er noch an der „Frontlinie“ in der Ukraine gestanden, erzählt er in der Sonne vor dem Rathaus stehend fast beiläufig. Erst dann habe er seine Kaplansbekleidung gegen die Radfahrerkluft getauscht und sei los gefahren.

Seit 2012 hat er fast 40.000 Kilometer mit dem Fahrrad für das Projekt zurückgelegt, ist durch Russland und Sibirien gefahren. Er ist der Chef, das Sprachrohr des Projektes und er geht mit bestem Beispiel voran. „Das ist mein erster A-doptivsohn“, sagt er und zeigt auf einen Mann, der die gleiche Fahrradkluft trägt wie er. Dann dreht er sich etwas und zeigt auf einen achtjährigen Jungen, der auf dem Boden sitzt. Auch er hat die grau-rote Fahrradkluft der Projektfahrer an. „Das ist mein 32. Adoptivsohn.“

Fast ist man geneigt zu glauben, er würde am liebsten alle Waisenkinder dieser Welt adoptieren. Er hat zumindest das Ziel, dass es wirklich irgendwann eine Welt ohne Waisenkinder gibt. Dafür ist er mit seiner Mannschaft, sie umfasst 25 Mitstreiter, unterwegs. Er nennt die Mannschaft die „Zerstörer der Mythen“ und an der Stelle fehlt dann irgendwie nur noch, dass die boxenden Klitschko-Brüder, die bekanntesten Menschen der Ukraine, um die Ecke kommen. „Kinder brauchen Familien“, sagt Mokhnenko. Und es stimme eben nicht, dass Kinder von Alkoholikern auch Alkoholiker würden. Er sei auch das Kind von Alkoholikern. „Mit unserer Aktion haben wir viel erreicht. Überall wo wir hinkommen und unser Projekt mit Kundgebungen oder bei Presseterminen vorstellen, stellen wir fest, dass sich die Menschen danach offener mit dem Thema Adoption befassen. Die Angst vor einer Adoption geht weg. Ich glaube, die Epoche von Kinder, die in Heimen leben müssen, geht zu Ende.“

Rückkehr nach Bochum

Wobei er weiß, dass es bis dahin noch Jahrzehnte dauern kann. „Aber es ist möglich“, sagt er und klopft sich dann zuerst auf das Herz, dann an den Fahrradhelm, der immer noch seinen Kopf schützt. „Es muss sich etwas in den Köpfen und Herzen ändern, dann ist es möglich.“ Deutschland habe so ein gutes Sozialsystem, habe viele Menschen, viele Möglichkeiten und dafür im Verhältnis sogar recht wenige Waisenkinder. „So viele Familien bräuchte man in Deutschland gar nicht, um für alle Waisenkinder eine Familie zu finden. Und wenn ihr in Deutschland dann fertig seit, kommt ihr in die Ukraine.“

Zunächst aber kommt er mit seiner Gruppe nach Bochum zurück. Irgendwann im Juli des nächsten Jahres wird das Projekt fortgesetzt, geht es weiter mit dem Fahrrad durch zehn weitere Länder und irgendwann vielleicht auch die USA. Startpunkt ist dann Bochum. Und vielleicht findet sich dann auch wieder ein Tandem für Karlash und Kim.

 
 

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