Exorzismus im Vollrausch

Tom Thelen
Szenenfoto aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ mit (v.-li.) Andreas Bittl, Pina Kühr, Karin Kettling, Felix Lampert. Foto: Birgit Hupfeld
Szenenfoto aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ mit (v.-li.) Andreas Bittl, Pina Kühr, Karin Kettling, Felix Lampert. Foto: Birgit Hupfeld

Bochum. „A little Bittl of...“ heißt der regelmäßige Liederabend mit Andreas Bittl im Rottstr.5-Theater. In der bisher größten Produktion des Off-Theaters bekommt das Publikum nun eine ganz große Portion Bittl geboten. Er spielt einen wahrlich fulminanten George in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ von Edward Albee.

Auf der Dampfkessel-Bühne mit seinem engen Publikumskontakt entfaltete die berühmte Zimmerschlacht im Neu-England-Akademiker-Milieu aus den Sechzigern eine besondere Intensität. Regisseur Michael Lippold konnte sich dabei vor allem auf sein spielfreudiges und gut harmonierendes Quartett verlassen. Neben Bittl als Geschichtsprofessor Georg spielte Karin Kettling Martha, die giftsprühende Ehefrau Georges. Sie zelebrierte geradezu das Ordinäre dieser psychisch und physisch beschädigten Figur, ging in den bös-pointierten Schlammschlacht-Dialoge des Hass-Ehepaars auf. Pina Kühr und Felix Lampert vermochten dem vom Text her etwas blasseren Duo Nick und Honey manche Nuance zu entlocken. Eine feine Ensembleleistung.

Lippolds Inszenierung verlegt die Handlung in eine wüste, irreale Teppichlandschaft. Keiner der Beteiligten hat um 2 Uhr morgens, nach einer Party, noch festen Boden unter den Füßen. Einzig das meterlange Schnapsregal über den Köpfen der Beteiligten ist statisch. Dort befindet sich auch der Treibstoff der Handlung: Alkohol. „Auf den blinden Fleck im Kopf, die Seelenruhe und die Kapazität der Leber“, so ein Trinkspruch Georges.

Einem einfachen Realismus ist somit buchstäblich schon der Bühnenboden entzogen, in der Folge zelebriert Lippold jede Konversation als Kampf. Einzig die Kleidung funktioniert noch als Maskierung des Zivilisierten, Georges exaltiertes Bärtchen, der braune Anzug, die Kostümchen der Frauen. In Wort und Tat offenbart sich aber unmittelbar Monströses. Hier brilliert Bittl als Zeremonienmeister, fast ist er schon ein wenig zu viel Zirkusdirektor, der die seelischen Deformierungen in die unebene Manege zerrt.

Aber dieses Dominanz entspricht auch dem Konzept des Regisseurs Lippold, der sich weniger für die psychologische Offenlegung der Ego-Geschichten interessiert als vielmehr für grundsätzliche, existenzielle Dimensionen. Die Inszenierung nimmt ergo den Begriff Exorzismus ganz ernst - und mit George als Exorzisten eine bildgewaltige „Teufelsaustreibung“ vor.

Lippolds Inszenierung ist nach einer kleinen Durststrecke wieder ein großer Wurf im Theater Rottstraße 5.