„Eine weltoffene, tolerante Stadt“

Bernd Kiesewetter
Der Bochumer Kripo-Chef Andreas Dickel in seinem Büro im Polizeipräsidium.
Der Bochumer Kripo-Chef Andreas Dickel in seinem Büro im Polizeipräsidium.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Im WAZ-Interview spricht der Bochumer Kripo-Chef Andreas Dickel über Probleme und Vorzüge in Bochum. Bochum ist eine weltoffene, tolerante Stadt, in der es sich sicher leben, einkaufen, studieren lässt. Das finde ich klasse“, sagte er.

Bochum. Seit März 2010 leitet Andreas Dickel die Kriminalpolizei in Bochum, Herne und Witten. WAZ-Leserbeirat Udo Kunstmann und Redakteur Bernd Kiesewetter haben ihm elf Fragen gestellt.

Wie stark ist die rechte Szene in Bochum?

Andreas Dickel: Insgesamt ist die Szene nicht groß und bisher auch nicht mit schwersten Straftaten auffällig geworden. In Bochum waren es überwiegend Propagandadelikte und Körperverletzungen, Provokationen, Rechts-Links-Konfrontationen. Aber wir betrachten die Szene sorgfältig und versuchen, eine Eskalation zu verhindern und die Szene insgesamt zu befrieden.

Wie erfolgt die ständige Beobachtung in Verbindung mit dem Staatsschutz?

Dickel: Alle verdächtigen Beobachtungen in dem Zusammenhang werden beim Staatsschutz ausgewertet. Der Staatsschutz ist auch selbst vor Ort, begleitet Demos und Infostände. Beobachtungen des Wachdienstes, der verdeckten Einsatztrupps, alle Mitteilungen von Bürgerinnen und Bürgern gelangen auf kürzestem Wege zum Staatsschutz.

„Wir, die Polizei, sind oft als erste da“

Mehrere Langendreerer fühlen sich von der Polizei im Stich gelassen bei dem rechten Problem.

Dickel: Die intensive polizeiliche Präsenz in Langendreer in den vorigen Wochen diente dazu, den Frieden wieder herzustellen, was zunächst gelungen zu sein scheint. Wichtig ist, dass das anhält. Wir, die Polizei, sind oft als erste da, daher meine ich, dass wir die Leute nicht im Stich gelassen haben. Nun gilt es, diese Situation weiter auszubauen. Auch dabei sind wir aktiv, wie sich in den nächsten Wochen noch konkret zeigen wird.

Sehen Sie in Bochum auch eine nennenswerte linksextremistische Szene?

Dickel: Die linke Szene hat hier eine Tradition, die sich bis auf die 68er-Generation zurückverfolgen lässt. Und natürlich gibt es in diesem Spektrum wie im rechten Spektrum auch Leute, die ungeduldig, unduldsam sind und ihre Ziele schnell erreichen wollen und meinen, dass dafür Gewalt zulässig sein könne. Wie in der rechten Szene auch sind über solche extremistischen Grundgedanken hinaus und Straftaten im Bereich von Sachbeschädigungen, Beleidigungen, Outings und Körperverletzungen keine noch gravierendere Straftaten aufgefallen.

Werden Polizisten auf das provokante Konfliktpotenzial „Jugend im Umgang mit Polizeibeamten“ geschult?

Dickel: Schon in der Ausbildung und in der regelmäßigen Fortbildung wird der Umgang mit gewaltgeneigten Situationen trainiert. Dazu gibt es Trainings für Bereitschaftspolizei bei Fußballspielen, Demos etc. Für Sachbearbeiter Jugendkriminalität gibt es Arbeitstagungen, Lehrgänge, Seminare.

„Bochum ist eine weltoffene, tolerante Stadt, in der es sich sicher leben, einkaufen, studieren lässt“

Sind Diskussionsrunden der Kripo an Schulen über Drogen und Alkohol vorstellbar?

Dickel: Wenn Schulen Projektwochen konzipieren, unterstützen wir gerne bei der Konzeption und vermitteln polizeiliche Themenaspekte. Auch zu Themen wie Mobbing hat die Polizei Hilfen für Schulen. Das ist nicht nur vorstellbar, das ist Realität.

Hat Bochum vermehrt mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern zu rechnen?

Dickel: Nein. Zwei Personengruppen sind zu unterscheiden: Zum einen die Menschen, die ihre Strafhaft regulär verbüßt haben. Zum anderen die, die freigelassen wurden, weil der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden hat, dass eine nachträgliche Verlängerung der Sicherungsverwahrung rechtswidrig ist. Aus der 1. Gruppe leben im Bochumer Polizeibezirk etwa 40 Personen, aus der 2. Gruppe keine. Aber davon unbenommen werden Menschen irgendwann entlassen. Wir erfahren aber frühzeitig davon und entwickeln Konzepte, mit denen die Gefahr gemindert wird.

Wandelt sich Bochum kriminalistisch zu einer Weltstadt?

Dickel: Chicago war mal eine solche Stadt, als Prohibition das Entstehen der Organisierten Kriminalität begünstigte. Kapstadt hatte mal die meisten Morde pro Kopf, Mexico-City gilt als gefährlich wegen der Drogenkriege. All das haben wir in Bochum nicht. Weltbekannt sind die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität und unser Verfahren wegen des Wettskandals. Wir arbeiten mit vielen Staaten zusammen. Da sind wir Weltklasse, das weiß man auch in der Welt. Im Ruhrgebiet sind wir die sicherste urbane Region. Bochum ist eine weltoffene, tolerante Stadt, in der es sich sicher leben, einkaufen, studieren lässt. Das finde ich klasse.

„Wir verzeichnen in diesem Jahr weniger Angriffe auf uns“

Wie beurteilen Sie die allgemeine Sicherheitslage in Bochum?

Dickel: In keiner anderen Stadt des mittleren Ruhrgebiets ist die Gefahr, Opfer eines Gewaltdeliktes oder eines Verkehrsunfalls mit Verletzungen zu werden, so gering wie in Bochum, Herne und Witten. Auch der landesweite Trend der zunehmenden Gewalt gegen die Polizei scheint in Bochum gebrochen zu sein. Wir verzeichnen in diesem Jahr weniger Angriffe auf uns.

Was hat Sie seit Dienstbeginn in Bochum im Guten, was im Schlechten überrascht?

Dickel: Im Guten die gute Zusammenarbeit zwischen allen Direktionen, den Kollegen vor Ort wie auf der Führungsebene. Hier herrscht ein fachlich kompetenter aber ruhrgebietstypisch entspannter, offener Umgangston. Im Schlechten musste ich feststellen, dass viele Probleme, die ich gerne gelöst hätte, schon gelöst waren.

Was haben Sie, glauben Sie, in Bochum bereits verändert?

Dickel: Wir haben bereits viele Bereiche konstituiert, die die Arbeitsabläufe professionalisieren, damit wir bei schweren Katastrophen, Anschlägen unsere Arbeit gut machen können. Wir haben die Kriminaltechnik weiter verbessert, weil die Kollegen gute Vorschläge hatten. Wir haben die Arbeitszeit flexibler gestaltet.