Eine Bochumer Physikerin forscht sich an die Spitze

Prof. Dr.  Martina Havenith-Newen: Lösungsmittelexpertin und Rätsellöserin.
Prof. Dr. Martina Havenith-Newen: Lösungsmittelexpertin und Rätsellöserin.
Foto: Funke Foto Services
Die Bochumer Physik-Professorin Martina Havenith-Newen ist Chefin des einzigen Exzellenzclusters des Reviers. Dabei konnte sie Physik früher gar nicht leiden.

Bochum. In der Schule früher, daheim in Mechernich, malte sie zu Beginn der Physikstunde stets 45 Striche auf den Tisch. Jede Minute radierte sie einen aus. Physik fand Martina Havenith-Newen damals „stinklangweilig“. Heute ist sie als Physikerin promoviert und habilitiert. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Physikalische Chemie II an der Ruhr-Uni Bochum, Chefin des Zemos-Projekts und Leiterin von „Resolv“, dem einzigen Exzellenzcluster des Ruhrgebiets, kurz: Sie ist einer der profiliertesten Forscher im Lande.

Die Bewegung von Molekülen in Flüssigkeiten

Nun wacht man ja nicht eines Morgens auf und beschließt, sich fortan mit der „Spektroskopie in ultrakalten Heliumnanotröpfchen“ zu befassen: einem der Spezialgebiete der Solvatationsexpertin. Wie aber kam sie auf die Idee, die Bewegung von Molekülen in Flüssigkeiten, die Grundlagen der Lösungsmittelchemie zu erforschen; wie wurde sie Weltklasse darin? Wie also wird man Spitzenforscher?

„Man muss viel arbeiten“, sagt Havenith-Newen. „Kreativ sein. Hartnäckig, manchmal stur. Vor allem aber: optimistisch.“ Wegweisend in ihrem Fall war ein Kommunionsgeschenk. Das ihr Bruder erhielt. Sein Was-ist-was?-Buch fand sie einfach interessanter als das Nähetui („ein Nähetui!!!“), das sie bekam. Sie verschlang das Buch des Bruders, dann Hoimar von Ditfurths „Am Anfang war der Wasserstoff“, später alles, was es von „Fernseh-Professor“ Heinz Haber zu lesen oder schauen gab.

„In Deutschland gab es solche Vorbilder nicht“

Es folgten: ein Studium der Mathematik und Physik in Bonn, ein Forschungsaufenthalt in Berkeley und dort: der Kick. „Ich war 24, und ich war dabei, als Experimente zum ersten Mal glückten“, erinnert sich die Professorin noch immer mit funkelnden Augen. Nach der Rückkehr wusste sie: „Ich will Professor werden.“ Sie wusste zudem: „Ich kann das schaffen. Jeder kann alles werden, der amerikanische Traum funktioniert.“ Vermittelt hatte ihr diese Sicherheit die Person, die das Seminar in Berkeley leitete: eine Frau. „In Deutschland gab es solche Vorbilder damals nicht und sie fehlen noch immer“, sagt Havenith-Newen, die 1998, als sie nach der Promotion an die Ruhr-Uni kam, dort erste Lehrstuhlinhaberin in einer Naturwissenschaft überhaupt war.

Habiliationsschrift wurde am Tag vor der Geburt ihrer Tochter fertig

Ihre Habilitation gab Havenith-Newen am Tag vor der Geburt ihrer zweiten Tochter ab („Ich ahnte, dass ich mich sputen sollte . . .“), verheiratet ist die 53-Jährige mit Albert Newen, einem Professor der Philosophie. Dass Akademiker-Ehen nicht funktionieren, dass nur einer Karriere machen kann – auch das sei eine typisch deutsche Sichtweise.

Gewagter als die Idee, Küche, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen, war schließlich ihr Vorschlag, Lösungsprozessen mit Terahertz-Spektroskopie auf den Grund zu gehen. „Das bringt nichts, lass es“, sagten ihr „95 Prozent der Kollegen“. Doch Widerspruch schreckt diese Frau nicht, er spornt sie an. Die Forscherin arbeitete an der Methode, bis sie funktionierte und alle sahen: bringt doch was! Sie findet das spannend: „Forschung ist wie Rätsel lösen für große Kinder!“

Für eine Nacht nach Indien:„Früher flog ich knapp“

Zum Alltag der Wissenschaftlerin aber gehören auch Terminplanung, Veröffentlichungen, Gutachten, Anträge und die Diskussion der Forschungsergebnisse ihrer 200 Studenten und der 35 Mitarbeiter, die allein in Bochum zu Resolv gehören. Dutzende Male im Jahr wird die Solvatationsexpertin zudem zu Vortragsreisen in alle Welt eingeladen. Heute genießt sie das, heute sind ihre Töchter 18 und 21. Als die Kinder klein waren, erzählt Havenith-Newen sei sie „eher knapp geflogen“. Nach Indien mit einer Übernachtung vor Ort beispielsweise . . .

Ihre Arbeitsstunden zählt sie nie. „Ich vermisse nichts. Es gibt keinen Preis, den ich für den Erfolg zahle.“ Auf dem Weg nach ganz oben, ergänzt sie, habe sie „Gelegenheiten genutzt“, „ganz viel Glück“ gehabt – und mit Elmar Weiler einen Uni-Rektor, der sie sehr unterstützte. Auch gegen Widerstände, als er etwa sie UND ihren Mann nach Bochum holte. Denn ohne den war die Spitzenfrau nicht zu haben.

„NRW ist Chemieland – das ist ein echtes Pfund“

In Bochum sei sie noch immer richtig, sagt die Professorin. NRW sei Chemieland. „Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können“. Sie erinnere sich noch, wie „verstört“ sie war, als sie herkam und sah, dass das Ruhrgebiet so wenig stolz auf Erreichtes war. „Das Revier“, findet sie, „sollte an sich glauben“. Und „einfach machen“. So wie sie.

 
 

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